Konflikt
Aus dem Magazin

Meinung: Warum ich Konflikten nicht mehr aus dem Weg gehe

Feigheit ist nicht Empathie!

Als mir ein Bekannter vor einiger Zeit erklärt hat, dass er es für normal hält, dass Frauen weniger verdienen als Männer, hat es mir fast die Zehennägel aufgerollt. Seine Begründung? Frauen werden irgendwann schwanger, daraus entsteht ein Ausfall für die Arbeitgeber*innen. Ich erinnere mich gut an den Moment. Ich war geschockt und gleichzeitig habe ich mich sehr hilflos gefühlt, nicht gewusst, wie man auf so eine Ansage reagiert.

In der Schule und an der Uni habe ich gelernt, die Perspektive der „anderen“ einzunehmen, Empathie zu zeigen, Toleranz zu leben. „Du musst das verstehen, die hatten ja eine schwierige Kindheit“, oder „Die sind doch bildungsfern aufgewachsen, die können nicht anders.“ Viel zu lange habe ich deshalb dumme aber umso lautere Menschen beinahe in Schutz genommen, weil sie es ja „nicht besser wissen“. Und sowieso gibt der Klügere nach. Lernt man ja schon in der Volksschule.

Wenn mir ein Taxler gesagt hat, während ich in seinem Auto eingesperrt war, dass die ganzen Flüchtlinge Gfrasta sind, Kurz und Strache zu liberal und der einzige, der mit dem G’sindel aufräumt, der Orban ist, habe ich höflich weggehört und mich erst im Nachhinein fürchterlich über ihn aufgeregt. Und nicht nur ich: Als meine Freundin bei ihrem Sachsen-Urlaub einen airbnb-Host hatte, der das KZ in Theresienstadt einfach leugnete, suchte sie so schnell wie möglich das Weite – nur, um nicht darüber diskutieren zu müssen. Familiengangs prügeln auf das einzige „grüne“ Kind ein, finden, dass Kickl mit seinem Versuch der Medienzensur falsch verstanden wurde und schämen sich, wenn eine andere als die rechte Meinung auf den Tisch gebracht wird. Passiert es doch, dass jemand anderer Meinung ist, wird es schnell persönlich. Und zwar auf tiefster Ebene.

Damit muss Schluss sein. Denn: Höflich weghören und dann in unserer Bubble wüten bringt niemandem etwas. Es braucht eine Diskussionskultur, die nicht den Lautesten und Brutalsten Recht gibt, sondern in der alle gehört werden. Aber wie geht das?

Es kann nicht sein, dass derjenige Recht bekommt, der in einer Diskussion am lautesten schreit. Aber was machen, wenn man wieder mal von der unfassbaren Derbheit wie aus dem Nichts getroffen wird und nach Worten ringt?

Das Frauennetzwerk Sorority hat kürzlich das Handbuch “No more Bullshit” herausgegeben, das uns Werkzeuge in die Hand gibt, um in schwierigen Situationen nicht in Ohnmacht zu verharren. Das Buch dreht sich in erster Linie um Stammtischweisheiten à la „Frauen wollen ja gar nicht in Führungspositionen“ oder „Frauen sind einfach die besseren Eltern“. Genau bei solchen Aussagen, sagen die Verfasser*innen, sollte man genau nachfragen, wie das Gegenüber sie meint. Obwohl sich das Buch mit dem Thema Frausein auseinandersetzt, kann man die Tipps natürlich auch als Mann und in anderen Lebensbereichen anwenden. Ich habe es erst kürzlich in einer Rassismus-Debatte ausprobiert. Dabei ging es, wie so oft, darum, wieviele die Flüchtlinge in Österreich geschenkt bekommen, während die „unsrigen“ auf der Straße leben müssen.

Ich habe für mich erkannt, dass mir zwei Dinge in Diskussionen mit Hardlinern helfen:

.) Ganz viele Fragen nach Fakten stellen.
.) Genauso laut werden und ebenso starke Worte und Fakten zu verwenden, wie das Gegenüber.

Das schlimmste ist es, Falschaussagen stehen zu lassen. Genau das tun wir aber, wenn wir höflich weghören, wenn wir versuchen, uns in das Gegenüber einzufühlen und damit Lügen zu Wahrheiten machen. Das ist Feigheit, nicht Empathie. Und es rechtfertigt die Position des Gegenübers: Dann ist es auf einmal plausibel, dass Frauen weniger verdienen sollen, weil sie Kinder zur Welt bringen. Dann zweifelt plötzlich niemand mehr daran, dass es ok ist, den Holocaust zu leugnen und es wird normal, dass wir in Menschen erster und zweiter Klasse zu denken beginnen.

Es muss mehr diskutiert wird, wir müssen Konflikte eingehen, auch wenn diese ganz schön unangenehm sein können. Viel unangenehmer wird eine Welt, in der nur mehr Schreihälse Gehör finden, egal was sie aus ihren unreflektierten Rachen stoßen.

Eva Krallinger-Gruber

Eva ist eine richtige Ex-Exil-Salzburgerin. Frankreich, USA, Schweiz - aber nirgends ist es wie zuhause. Journalismus, Marketing (Kosmetik und dann Bier) und eigentlich redet sie auch ganz gern.