¡lesen lassen! Wo junge Autor*innen zu Wort kommen

Bei ¡lesen lassen! im Salzburger Literaturhaus machen Schreibende erste Erfahrungen auf der Bühne. Der Abend ist Wettbewerb und Werkstatt zugleich – mit Lesungen, Musik und Gespräch. Eine Reportage aus der ersten Reihe – zwischen Limo und Lampenfieber.

Dieser Text ist im Rahmen einer Lehrveranstaltung zum Thema Kulturjournalismus an der Uni Salzburg entstanden. Herzlichen Dank an die Autorin Charlotte Adler.

Das Literaturhaus ist ein Gebäude mit knarzendem Holzboden und ganz viel Kunst und Literatur an den Wänden, mit einem kleinen Café und einer Bibliothek, es ist ein Gebäude, das mir zuflüstert: Hier kannst du verweilen, dich warm einhüllen lassen, dich – wie in meinem Fall – aus einer Kulturflaute herausziehen lassen. Aber bevor irgendwas an mir zieht, ziehe ich meine bestellte Limo über die Theke und warte auf die ersten Gäste.

„Entschuldigung“, sage ich zu zwei jüngeren Besuchenden, die zwischen Garderobe und Ticketverkauf pendeln. „Falls ihr kurz Zeit für eine Frage habt: Warum seid ihr heute hier?“ Der Typ antwortet: „Wir waren letztens beim Poetry Slam, da wurde Werbung für die Veranstaltung gemacht.“ Die andere sagt: „Ich war schonmal hier, mir hat’s gefallen.“ Ich nicke, während wir uns zusammen einen Platz suchen und übers Schreiben sprechen. Nach ein paar Minuten unterbreche ich unser Gespräch, um mich zu dem Stuhl hinter mir umzudrehen, der soeben besetzt wurde. „Ich unterstütze Jasmin“, erzählt mir die Frau. „Ich bin die Bürgermeisterin aus St. Johann im Pongau.“ Cool, denke ich. „Cool“, sage ich.

Wie ich im Laufe des Abends erfahre, bringt Jasmin Lerch zahlreiche Unterstützung aus ihrem Umfeld mit, schließlich lebt, schreibt und arbeitet sie in Salzburg und stammt aus St. Johann. Anna Wittmann hingegen studiert Psychologie in Köln, liest heute also vor einem vergleichsweise fremden Publikum. Sie erzählt mir, dass sie sich oft unsicher fühlt, wenn das Durchschnittsalter älter ist als erwartet. „Aber genau da sind meine Texte ja wichtig“, sagt sie und ist überzeugt, dass nach der Lesung das positive Gefühl überwiegt. Ich frage sie, ob sie einen Glücksbringer dabeihat. Hat sie nicht. „Schade, von mir trotzdem viel Glück“, sage ich, obwohl ich später herausfinde, dass „viel Spaß“ oder „Genieß es“ wahrscheinlich passender gewesen wäre.

Weil ja, ¡lesen lassen! ist ein Wettbewerb. Aber nein, es herrscht keine wirkliche Wettbewerbsatmosphäre. Es geht eher um ein aktives Zuhören, um Austausch und konstruktive Kritik, zumindest in den Vorrunden. Die beiden GewinnerInnen dieser Runden präsentieren in der sogenannten Sieger-Runde am Ende des (Halb-)Jahres dann ihre neu geschriebenen, längeren Texte.

„Heute geht es also gar nicht um Konkurrenz?“, frage ich Kurt Wölflingseder, Leiter des Vereins erostepost, bevor die Veranstaltung beginnt. „Nein“, sagt er. „Wir wollen vor allem jungen AutorInnen die Möglichkeit geben, eine Bühne zu bekommen. Wer im Finale lesen darf, der liest wie bei einer eigenen Lesung ganz ohne Druck, dafür aber mit Bezahlung.“ Fair.

Anna fängt mit ihrem ersten Text an, dann liest Jasmin. Dann wieder Anna. Insgesamt sind es zehn Stück, die unterschiedlicher nicht sein könnten und musikalisch begleitet werden. Die neunzig Minuten vergehen wie dreißig und ich fühle mich, als wäre ich unterwegs, obwohl ich mich nicht bewege. Annas Worte tragen mich sogar bis zur Adria: Sonne und Strand statt Schnee und Stadt im Schädel, das ist schön, ein Urlaub für nur zwölf Euro (ermäßigt kostet der Eintritt zehn).

Anna ist das, was ich beim Zuhören schon vermutet habe: gefühlvoll. Während unseres Gesprächs nach ihrer Lesung sagt sie Sätze wie: „Ich schreibe hauptsächlich für das Gefühl.“ „Ich schreibe super viel über Gefühle.“ „Ich kann meine Gefühle durch das Schreiben gut verarbeiten.“ Irgendwas in mir will sich noch stundenlang weiter mit ihr über Gefühle unterhalten, will ihr sagen: erzähl mir doch noch mehr, es wirkt, als wüstest du, wie das mit dem Fühlen richtig geht. Stattdessen sage ich: „Man merkt, dass du im Poetry Slam Zuhause bist“, weil ihre Texte nicht nur rhythmisch und dynamisch angelegt, sondern auch so vorgetragen wurden.

„Ja“. Pause. „Danke“, sagt sie. „Eine Freundin von mir hat mal nen Slam moderiert. Da ist jemand ausgefallen und dann hat sie mich gefragt, ob ich nicht doch Lust hätte, mich meinen Ängsten zu stellen. Ich hab mir gedacht, warum nicht?“ Seitdem schreibt Anna nicht nur für sich, sondern auch gezielt für Veranstaltungen wie ¡lesen lassen!. Für heute ist sogar extra eine neue Kurzgeschichte entstanden. „Dabei war mir ein Anliegen, eine queer-feministische Perspektive mit reinzubringen. Ich setze mich in meinen Texten gerne für Dinge ein, die mir wichtig sind“, erklärt sie. Als ich sie zum Schluss nach ihren Outs frage, sagt sie: „Ich schreibe selten über Dinge, die mich überhaupt nicht betreffen. Und ich kann nicht in Cafés schreiben, das geht gar nicht. Ich brauche auf jeden Fall Ruhe.“ Ansonsten isst sie gerne Schokolade, wenn sie nachdenkt.

Auch bei Jasmin merke ich relativ schnell, dass ihre Texte aus persönlichen Gedanken entstehen. Nach ihrem Auftritt gehe ich direkt zu ihr und erzähle ihr, dass mir ihr Text Übergangsjacke besonders gefallen hat, „da habe ich mich wiedererkannt“, was ihr ein Lächeln ins Gesicht zaubert: „Ich überlege immer, wie ich meine Gedanken rüberbringen kann, dass es andere verstehen. Und so ist auch Übergangsjacke entstanden, den ich bei einem Schreibworkshop angefangen und zuhause noch einmal
überarbeitet habe.“

Ich frage: Schreibst du zuhause am liebsten? Hast du bestimmte Schreibsnacks? Sie antwortet, „nein, zum Essen habe ich keine Zeit, aber ich trinke viel. Kaffee und Tee und Wasser. Ja, besonders viel Wasser, weil Kaffee kann ich ja nicht den ganzen Tag trinken.“ Ansonsten denkt sie gerne bei Spaziergängen, schreibt also im Kopf, und formuliert ihre Ideen dann später am Laptop aus. „Ich schreibe, das darf man wahrscheinlich nicht so sagen, manchmal sogar beim Autofahren ins Handy. Oder ich spreche rein, ich muss meine Ideen alle sofort festhalten.“ Ich erwidere: „Nein, das darf man wahrscheinlich wirklich nicht so sagen, darf ich es trotzdem aufschreiben?“ Sie lacht, nickt, überlegt und sagt: „Interessant ist vielleicht auch, dass ich immer im Schneidersitz anfange zu schreiben. Dann schläft mir jedes Mal ein Fuß ein und ich muss wieder normal sitzen.“

Ihre Begeisterung fürs Schreiben ist ansteckend und wirkt lebendiger als das Bild, das ich vor dem Abend von Jasmin hatte. Aus dem Internet kenne ich sie in Zahlen: Alter, Größe, Gewicht. Nach der Tourismusschule in Gastein war sie nämlich in Wien, „da habe ich Schauspiel studiert und nebenbei immer was in der Filmbranche gemacht.“ Doch heute zählt etwas anderes: ihre Worte, für die sie sich noch bewusster Zeit nimmt, seitdem sie wieder in Salzburg wohnt.

Ein Vorbild hat sie nicht, aber es gibt viele KünsterInnen, die sie inspirieren: „Vor ein paar Tagen habe ich Rilke wiedergelesen, das war so super.“ Sie erzählt überschwänglich, was mich nicht wundert, weil sie auch ihre Texte sehr energisch und expressiv präsentiert hat.

Am nächsten Nachmittag habe ich Zeit, im Buchladen vorbeizuschauen. Ich kaufe mir ein Buch von Rilke und lege es neben die Literaturzeitschrift erostepost #70 in mein Regal, die mir zum Abschied vom Verein geschenkt wurde.

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