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Aus dem Magazin

Hackeln im Häfen

Berufsalltag in der Haftanstalt Puch-Urstein.

Wir haben Häftlinge aus Puch-Urstein nach ihrem Arbeitsalltag gefragt und einen Tapezierer besucht, der Designer-Couchen aus dem Knast anbietet.

In der Luft hängt der Geruch von Sägespänen und Leim, an der Wand stapeln sich Holzplanken und halbfertige Vogelhäuschen. Ein Schaukelpferd steht daneben. Beinahe könnte man meinen, wir befänden uns in einer ganz normalen Tischlerei, wären da nicht die Kameras, die jeden Zentimeter der Werkstatt ver­messen, um ihre Bilder in ein vergittertes Büro im ers­ten Stock zu senden. Friedrich und Mario lehnen lässig auf einer Werk­bank. Der eine: zum Zopf zusammengebundene Haare, Undercut, tätowierte Unterarme. Der andere: Maschinenhaarschnitt, ein richtiges Muskelpaket. Beide sind Mitte Zwanzig und seit über einem Jahr in Haft. Für beide ist es nicht das erste Mal. Heute haben sie sich Zeit genommen, um uns von ihrem Arbeitsalltag im Gefängnis zu erzählen. Während wir uns unterhalten, bearbeiten ein paar Meter weiter drei Männer mit ei­nem Schleifgerät Parkbänke.

Die Haftanstalt in Puch-Urstein gilt seit ihrer Eröff­nung vor zwei Jahren als eine der modernsten in Ös­terreich. Zwischen 200 und 250 Insassen sind hier für die Dauer ihrer (Untersuchungs-)Haft untergebracht. Die meisten von ihnen sind Männer. Fast alle von ih­nen gehen während der Haft einer Arbeit nach: in der Tischlerei, der Elektrowerkstatt, der Küche oder der Wäscherei. „Ich stehe um sieben Uhr auf und nach dem Früh­stück arbeite ich bis halb zwei in der Werkstatt“, er­zählt Friedrich. In den 18 Monaten seiner Haft hat er es zum Vorarbeiter gebracht. In dieser Position ist er dafür verantwortlich, dass sein Team die Aufträge externer Kunden umsetzt. Was viele nicht wissen: Die Haftanstalt übernimmt immer wieder Aufträge von Firmen aus der Privatwirtschaft. „Diese Woche bauen wir Stecker für eine Elektrofirma zusammen“, erklärt uns Friedrich. Auch Mario verbringt seine Tage zum Großteil außerhalb des Haftraumes. Als Hausmeister kümmert er sich um Reparaturen im Gefängnis. „Ich mache, was eben gerade so anfällt“, erklärt er uns.

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Bezahlt werden Mario und Friedrich wie alle ande­ren Mithäftlinge nach dem Metallerkollektivvertrag. Dieser zählt zwar zu den am besten dotierten Öster­reichs, der tatsächliche Lohn der Häftlinge ist allerdings deutlich niedriger. Etwa die Hälfte des Einkommens behält die Republik ein, gewissermaßen als Entschädi­gung für die Kosten der Haft. Ein weiteres Viertel des Lohns geht auf ein Rücklagenkonto, auf das Strafhäft­linge erst nach ihrer Zeit im Gefängnis zugreifen dür­fen. Das letzte Viertel steht den Männern und Frauen zum Einkaufen im Gefängnis-Shop zur Verfügung. Was die Häftlinge dort kaufen? „Zigaretten, Kaffee und so Alltägliches“, meint Mario. „Früher hab ich mir Proteinpulver gekauft, aber seit ein neuer Händler da ist, gibt es das nicht mehr“, sagt er sichtlich enttäuscht. Bevor sich die beiden wieder an die Arbeit machen, fragen wir, mit welchen Vorurteilen über den Knast sie aufräumen würden? „Dass man im Gefängnis reso­zialisiert wird“, sagt Friedrich und grinst in Richtung der Uniformierten, die wenige Meter weiter steht.

Mit dieser Aussage hat Friedrich recht, und zu­gleich auch wieder nicht. Laut dem stellvertreten­den Anstaltsleiter David Klingbacher werden rund 40 Prozent der Häftlinge rückfällig. Sie leben in einer Art Möbiusschleife, die sie immer wieder von einem perspektivlosen Alltag in die Kriminalität, von dort ins Gefängnis und dann wieder zurück in die Perspektiv­losigkeit führt. Der Vollzug in Puch-Urstein zielt darauf ab, diese Muster zu durchbrechen: Die Männer und Frauen sollen nicht nur ihre Strafe absitzen, sondern ein Netz aus Routinen und Gewohnheiten aufbauen, die sie nach der Haft vorm Rückfall in alte Muster schützt. In manchen Fällen gelingt das: für einige Wochen, ein paar Monate oder auch auf Dauer. Friedrich ist das beste Beispiel dafür: Durch sei­ne Tätigkeit in der Werkstatt hat er bereits während seiner Haft einen Arbeitsplatz gefunden: In wenigen Wochen wird er bei genau jener Firma anfangen, für die er schon während seiner Haft gearbeitet hat. Und doch besteht Friedrich darauf: „Ich bin ein Einzelfall! Die meisten Typen gehen raus und bauen gleich wie­der Scheiß.“

„Wenn man aus jemandem einen besseren Menschen machen will, dann muss man ihm das auch vorleben.“

Wir verlassen die Werkstatt und durchqueren eini­ge Sicherheitstüren, bis wir beim Geschäft ankommen. Dienstags dürfen die Häftlinge hier einkaufen: Hinter einer bruchsicheren Plexiglaswand liegen Zigarettenpackungen und Zeitschrif­ten, aber auch Äpfel und Bananen. Wir fragen unse­re Begleiterin von der Jus­tizwache, was sie vom Um-gang mit den Häftlingen in Puch-Urstein hält: „Wir sind in Österreich sicher einer der modernsten Häfen. Bei anderen haben wir deshalb schon ein bisschen den Ruf als Kuschelknast. Aber ich denke mir: „Wenn man aus jemandem einen besseren Menschen machen will, dann muss man ihm das auch vorleben.“ Proteinpulver sehen wir übrigens wirklich keines.

Eine Couch aus dem Knast

Einer, der seit Jahren die Zusammenarbeit mit Häft­lingen schätzt, ist der Antheringer Tapezierer und Möbelmacher Hannes Schiefer, bei dem wir später am selben Tag vorbeischauen. Hannes hat vor elf Jahren das Projekt Knastcouch ins Leben gerufen. Mit Anfang Zwanzig war der gelernte Tapezierer auf der Suche nach einem Produkt, mit dem er sich selbstständig ma­chen konnte. Eine coole Couch sollte es werden. Die Zusammenarbeit mit Tischlern war aber viel zu teuer. Von einem Freund hatte er gehört, dass man Aufträge auch ins Gefängnis schicken kann. Und das hat er dann auch gemacht. Wer dem sympathischen Antheringer zuhört, der merkt, dass es ihm beim Projekt Knast­couch in erster Linie um die Idee geht. Und deshalb ist die Knastcouch kein Produkt von der Stange, sondern ein Liebhaberstück, das auf Anfrage gefertigt wird.

„Warum hilfst du den Leuten, die in unsere Wohnungen einbrechen?“

Ob er mit Vorurteilen zu kämpfen hat? Hannes nickt. „Mich fragen immer wieder Leute, warum ich mit dem Häfen zusammenarbeit, ob ich denn selber drinnen war. Oder warum ich den Kriminellen helfe, die in ihren Wohnungen einbrechen.“ Hannes geht auf diese Fragen nicht mehr näher ein. „Die checken es einfach nicht. Für mich ist das eine Win-Win-Situati­on. Wenn die Leute im Gefängnis Arbeit haben, geht es ihnen besser und sie können schneller in ein norma­les Leben zurück. Das ist doch was Gutes.“ Die Zusammenarbeit mit der Justizanstalt ist mittler­weile eingespielt. Klar, die meiste Zeit hat Hannes mit den Betriebsleiterinnen zu tun. Aber wenn der höl­zerne Unterboden einer Knastcouch fertiggestellt ist, holt er sie persönlich ab und bringt Zigaretten für die Arbeiter mit. „Die freuen sich immer, wenn ein Stück fertig ist. Ich kenn das Gefühl, ich bin ja auch Hand­werker. Und bin zufrieden, wenn ich mit meinen eige­nen Händen etwas schaffen kann.“

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In den vergangenen elf Jahren ist die Knastcouch zu einem beliebten Produkt gewachsen. Die Nachfrage ist grog. Hannes gibt zu: „Mittlerweile könnte ich auch mit einem Tischler kooperieren, das wär wahrschein­lich um einiges einfacher.“ Warum er trotzdem weiter­hin mit den Häftlingen zusammenarbeitet? „Weil ich etwas machen will, das einen Sinn hat. Mir geht es gut, ich bin gesund. Gottseidank. Aber ich möchte nicht vergessen, dass es um mich Leute gibt, bei denen das nicht so ist. Und wenn ich irgendwie mithelfen kann, dass es ihnen besser geht und auch noch ein schönes Produkt bekommen, ist das die beste aller Lösungen.“


Die Knastcouch
Eine Zweisitzer-Couch aus dem Knast kostet rund 2.000 Euro. Das Design ist individuell bestimmbar. Unter www.knastcouch.at kann man sich einige Couches ansehen.

Polstermöbelwerkstatt Hannes Schiefer
Feldstrasse 6
5102 Anthering
Tel.: +43 6223 20198 Mobil: •43 664 9194828 1
office@knastcouch.at


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Eva Krallinger-Gruber

Eva ist eine richtige Ex-Exil-Salzburgerin. Frankreich, USA, Schweiz - aber nirgends ist es wie zuhause. Journalismus, Marketing (Kosmetik und dann Bier) und eigentlich redet sie auch ganz gern.