Foto: Jasmin Walter
Aus dem Magazin

Kampfkuscheln in Salzburg

Wenn Fremde raufen

„Gelenke verdrehen, kann man machen, sollte man aber vielleicht vermeiden“, merkt Johannes Raher scherzhaft in seiner Einführung zum Playfight an. Im Playfight geht es darum, mit einem selbst gewählten Gegner in einem gesicherten Umfeld seine körperlichen Grenzen zu entdecken. Und vielleicht auch bewusst zu überschreiten. Wir haben es ausprobiert.

Fotos: Jasmin Walter Photography

Es ist ein kalter, nebliger Sonntag in Gnigl. Im Circus Training Center, einem echten Zirkuszelt, in dem sonst professionelle Artist*innen üben, sitzen heute zwischen Trampolinen und Gymnastikbällen, fünfzehn Menschen beiderlei Geschlechts und blicken gespannt auf die dicken, schwarzen Weichbodenmatten in ihrer Mitte. Auf diesen Matten werden wir uns bald in Zweikämpfen gegenüber stehen. Die meisten von uns kennen sich nicht. Noch ist es eine seltsame Vorstellung, bald einem oder einer Fremden körperlich so nah zu sein.

Selbsterfahrung ist das Ziel im Playfight, das Entdecken der eigenen Kraft und Schwäche. Die Erfahrung zu machen, jemand anderen zu kontrollieren, vielleicht aber auch Kontrolle bewusst abzugeben. „Der Kampf ist erst dann vorbei, wenn ihr bestimmt, dass er vorbei ist“, erklärt Johannes Raher, der das Konzept des Playfights in der Wiener Schwelle, einem sexpositiven Club, kennengelernt und nach Salzburg gebracht hat.

Es geht um Nähe und Distanz gleichzeitig

Der Ablauf eines solchen Fights ist simpel, sein Erleben aber emotional unglaublich komplex. Jemand entschließt sich zu kämpfen, und nimmt Platz in der Mitte der Matte. Durch Blickkontakt, Gesten oder eine verbale Aufforderung wird der oder die gewünschte Gegner*in bestimmt. Das Ablehnen einer Aufforderung ist legitim. Man kämpft nur miteinander, wenn man es wirklich möchte. Haben sich zwei Kontrahent*innen gefunden, begegnet man sich erst einmal friedlich und wohlgesonnen. Es geht dezidiert nicht darum, den anderen zu verletzen, sondern um den Austausch, um Kontakt. Um Nähe und Distanz gleichermaßen.

Ich habe vorab versucht, mich einzulesen. Dass Raufen und Rangeln wichtig ist, wussten schon die alten Griechen. Und auch unter Kindern ist es normal, sich körperlich miteinander zu messen, dabei die Grenzen der Belastbarkeit, die eigenen Stärken und Schwächen kennenzulernen, sich in einer sozialen Konstellation zu behaupten. Ebenso kann Raufen Ausdruck von Zuneigung sein, Kitzelspiele und Catchen vorm Zubettgehen sind Usus in vielen Familien. Es ist wichtig, da sind sich Psycholog*innen und Soziolog*innen einig, die eigene körperliche Verletzlichkeit wahrzunehmen, um im Gegenzug ein Gefühl für die Verletzlichkeit meines Gegenübers entwickeln zu können. Die Gelegenheit dazu verlieren wir als Erwachsene aber zu oft. Von beziehungsinternem Blödeln oder sexuellen Machtspielen vielleicht mal abgesehen. Diese Leerstelle in unseren Bedürfnissen will der Playfight füllen. So viel zur Theorie.

Foto: Jasmin Walter

Es werden Socken verloren und Haargummis

Dann auch schon die ersten Kämpfe. Mann gegen Mann, es geht los. Die beiden betasten sich langsam, werden dann im Laufe des Battles immer wilder. Da überschlagen sich Körper, da wird sich an den Schultern gepackt, T-Shirts rutschen nach oben, entblößen Bäuche. Es werden Socken verloren und Haargummis. Manchmal schreit jemand oder stöhnt. Vor Schmerz, vor Überraschung, vor Frust, unterlegen zu sein. Es ist schwer zu glauben, dass die meisten dieser Kämpfe in der Konstellation zum ersten Mal stattfinden. Durch das Vermeiden von Schlägen sieht es manchmal auch nicht aus wie ein Kampf, sondern hat etwas Choreografiertes, etwas Tänzerisches, aber immer überlagert, von einer gewissen Urkraft.

Kämpfen zwei Frauen miteinander, ist es oft viel harmonischer, weicher, zarter.

Da werden nicht nur Schubser und Stöße ausgetauscht. Die Stimmung zwischen den Kämpfenden wechselt oft schnell, changiert im breiten Spektrum zwischen Kraftakt und dem liebevollen Austausch von Zärtlichkeiten. Auf eine intuitive Umarmung folgt binnen Sekunden ein Wrestling-Move, auf eine angedrohte Watsche ein zärtliches Streicheln über das Gesicht. Es ist berührend und schockierend gleichermaßen zu beobachten.

Foto Jasmin Walter

Und trotzdem habe ich lange Hemmungen, in den Ring zu steigen. Ich bin mit einem komischen Gefühl zum Playfight gekommen. Den ganzen Tag war ich wütend, unglaublich wütend auf einen Menschen, der nicht da war, um meine Wut selbst empfangen zu können. Ich dachte, während ich die Kämpfe der anderen beobachtet habe, dass ich das nicht kann. Dass ich doch nicht einen Fremden benutzen kann, als Ventil für meine Aggression. Dass das unfair wäre. So lernt man das ja auch sein ganzes Leben lang. Das ist gut so, widerspricht aber den Regeln des Playfights. Denn sobald du einem Kampf zustimmst, gibst du die Verantwortung über dich ab, legst sie in die Hände deiner Gegner*innen, machst dem Gegenüber deine Verletzlichkeit genauso zum Geschenk wie es dir. Erst wenn individuelle Grenzen überschritten werden, schreit man Stop und der Kampf wird abgebrochen.

Wir schenken uns nichts, beide versuchen wir, die andere zu übertrumpfen, da ist wenig Zärtlichkeit, aber viel Kraftaufwand von beiden Seiten.

Mich fordert lange niemand heraus. Ich weiß, dass meine Körperhaltung auch alles andere als einladend wirken muss. Ich bin verkrampft und schaue böse. Dann erbarmt sich endlich doch ein Mädel, einige Jahre jünger als ich. Wir haben uns schon den ganzen Abend lang über die Matten hinweg immer wieder angesehen. Als sie mich fordert, ich mich aus meinen drei Pullovern schäle und die Brille ablege, ist das nicht nur ein äußerlicher, sondern auch ein innerlicher Transformationsprozess. Bald kämpfen wir erbittert miteinander. Unsere Körper harmonieren genauso, wie ich es zuvor bei den anderen beobachtet habe. Wir schenken uns nichts, beide versuchen wir, die andere zu übertrumpfen, da ist wenig Zärtlichkeit, aber viel Kraftaufwand von beiden Seiten. Entgegen meiner Befürchtung ist es aber nicht schlimm, nicht einmal seltsam, einer fremden Frau so nahe zu sein. Irgendwie ist es sogar schön, obwohl es mich frustriert, dass sie so viel stärker ist, als ich.

Foto Jasmin Walter

Egal wie sehr ich mich bemühe, mich mit meinem ganzen Gewicht und meiner maximalen Muskelkraft gegen sie stemme, immer wieder übertrumpft und unterjocht sie mich, presst mich auf die Matte und lächelt dabei spitzbübisch. Und ich lasse es irgendwann einfach geschehen, erlaube mir auch, die sexuelle Spannung, die da zwischen uns entflammt ist, nicht zu hinterfragen oder zu bewerten, sondern einfach anzunehmen. Als wir beide nicht mehr können, den Kampf unausgesprochen für beendet erklären, nehmen wir uns lange in den Arm. Sie bedankt sich flüsternd bei mir und als ich das „Dankeschön“ erwidere, ist das keine Floskel aus sozialer Konvention heraus. Ich bin ihr tatsächlich dankbar für dieses Erlebnis, und das Gefühl, das es bei mir hinterlassen hat. Auch wenn ich es nicht näher definieren kann.

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Nach den Kämpfen wird der Abend mit Gesprächen beendet. Johannes bittet uns, unsere Eindrücke zu schildern und wir alle sind uns einig: Schön war es, befreiend, entspannend. „Heilsam“ nennen es zwei Teilnehmerinnen, „gemäßigt“ sagt ein Mann, der dann erklärend hinzufügt, dass er sich dieses Mal beherrscht hat, dass er sich bei seinem ersten Kampf den Daumen verstaucht hat. Auch ich werde in den kommenden Tagen Hämatome und Kratzer an meinem Körper entdecken und beim Darüberstreichen lächelnd und dankbar an die Frau denken, die sie mir zugefügt hat. An diesem Abend aber verabschieden wir uns erst einmal alle voneinander. Da sind noch viele Umarmungen und Glückwünsche, positive Worte.

Und als wir uns wieder in unsere Jacken und Hauben und Schals packen, sind wir plötzlich keine Fremden mehr, sondern Menschen, die das Gefühl haben, sich zu kennen, Verständnis füreinander haben. Es ist nicht notwendig für mich, die genauen Beweggründe der einzelnen Teilnehmer*innen zu kennen. Ich muss nicht wissen, wieso sie heute gekommen sind. Wir haben diesen Playfight alle gebraucht. Er hat uns gut getan, hat Lücken gefüllt und offenbart. Er hat uns verändert. Und wir kommen wieder.


Am Samstag, 9. Februar findet wieder ein Playfight-Termin im Zirkuszelt statt. Wer sich dafür interessiert, sollte sich unter www.facebook.com/PlayfightSalzburg informieren.

Dieser Text ist zuerst im aktuellen QWANT. Magazin erschienen. Dieses könnt ihr übrigens kostenlos unter www.fraeuleinflora.at/qwant bestellen.

Lisa-Viktoria Niederberger

Die Quoten-Oberösterreichin im Team hat die Salzburger und das Schreiben in und über Salzburg lieben gelernt. Ob literarisch oder journalistisch ist zweitrangig, in einer Stadt, wo man die Inspiration quasi vor der Haustüre findet.