Kaigasse 28: Schiaches Salzburg erzählt vom warmen Licht der Betongold-Alchemie

Jetzt, auf dem Weg zur sEriÖsEn Autorinnenschaft, wollte ich das Poltern über das Leben in dieser Stadt ja langsam einstellen, aber: Salzburg, du machst es einem manchmal echt zu leicht… In der Kaigasse 28 trägt sich aktuell nämlich – Sie haben es bestimmt schon mitbekommen – etwas zu, das wieder in die „Milliardäre machen Milliardärendinge“-Schweindlkassa einzahlt und somit eines meiner unfreiwilligen Lieblingsthemen bedient.

Die Kurzfassung:

Im Auftrag der Beteiligungs GmbH eines heimischen Sympathieträgers, der durch die übliche Mischung aus Disziplin, Macher-Mindset, Motivation und zielgerichtetes Erben zu seiner Lebensgrundlage kam, wird – an der Einhaltung des örtlichen Altstadterhaltungsgesetzes vorbei – ein historisches Gebäude inmitten eines denkmalgeschützten Ensembles komplett entkernt und bis auf die dekorative Fassade abgerissen.

Wofür? (Achtung: nächster Euro in die Schweindlkassa…) Für 10 luxuriöse Neubauwohnungen natürlich. So weit, so himmelschreiend.

Aurea luce, „goldenes Licht“, nennt sich das Ganze, denn jedes Neubauprojekt braucht mittlerweile so einen fancy Namen als Teil des impactstarken, zielgruppengerechten, supercoolen, cutting edge Marketings. „Hier können Sie leider nicht mieten – nur kaufen!“, schreit einem ein roter Störer auf dem Onepager des Projektes entgegen.

(Screenshot aurea-luce.at; Mieter müssen leider draußen bleiben.)

(Screenshot aurea-luce.at; Die Phrasendrescherei hat Überstunden geschoben…)

Das ist ziemlich praktisch, weil wieso sonst wurde das historisch erhaltenswerte Haus bis auf die Fassade abgerissen, wenn nicht als Versuch, die mit 9,22€/m2 aus Projektentwicklersicht einfach zu günstige Richtwertmiete auf Altbauten zu umgehen, und sich später, im Neubau, der örtlich etablierten sowie gut tolerierten Praktik der Betongold-Alchemie hinzugeben? 

Hierzu drängen sich (vielleicht ja nicht nur mir) ein paar andere, ganz grundsätzliche Fragen auf.

Wer macht sowas? Nein, anders.
Wer traut sich sowas? Wer kann sich sowas trauen?

Menschen, die wissen, es wird ihnen nie etwas passieren, weil ihnen auch in der Vergangenheit noch nie etwas passiert ist.

Die Konsequenzen für dieses Verbrechen an einzigartiger Altbausubstanz bewegen sich ganz konkret im Rahmen einer Strafe von bis zu 25.000 Euro. Innerhalb des üppig wuchernden Ökosystems der Firmengeflechte eines Überreichen dürfte so eine Summe die Grenze des Spürbaren grotesk unterschreiten. Ein Auf-die-Finger-Klopfen mit einem Wattestäbchen. Eine Nano-Tadelung mit der eingebauten Belohnung des „Es-ja-einfach-trotzdem-machen-Könnens“.

Was will man so einem spätkapitalistischen Alleingang wie der Ausweidung des Hauses Kaigasse 28 entgegensetzen, wenn sich die Verantwortlichen mit Selbstverständlichkeit im Nimbus der ihnen zugestandenen Unbelangbarkeit bewegen?

Was darf so etwas kosten? Kann es überhaupt etwas kosten? Diese Frage drängte sich – Sozialneidrufer erinnern sich – beim Porschetunnel schon auf. Dass seither nichts besser wurde, sondern, im Gegenteil, als Nachgeburt noch so etwas wie die de facto Schleifung des Hauses in der Kaigasse 28 passieren konnte, stimmt besorgt.

Allerdings:

Was hier passiert ist, was hier entgegen der Vorgaben aus dem Altstadtschutz einfach durchgezogen wurde, ist mit Geld eigentlich ohnehin nicht aufzuwiegen. Wie viel sollte die Demontage eines unwiederbringlichen Stücks Salzburg kosten?

Wo liegt der Endpunkt dessen, was von Investoren noch weiter gewollt werden wird? Darf es demnächst vielleicht ein Themenpark auf der Festung samt Helikopterlandeplatz und Erlebnisrutsche auf den Kapitelplatz sein? Oder irgendwo weiter draußen im Speckgürtel Richtung Fuschlsee eine Fertigteilreplik der Altstadt – gratis begehbar für alle Salzburger:innen, während die „echte“ historische Altstadt nur noch jenen offen steht, die sich den Zutritt zu ihr leisten können und dort nach Gusto umpflügen, schleifen, „modernisieren“, „revitalisieren“ und „entwickeln“?

 

 

Inzwischen taugt so etwas nicht mal mehr zur Satire. Der Scheiß ist viel zu real. Und er macht traurig.

Irgendwann wird man sich in Retrospektive vielleicht fragen, ab wann es anfing, so richtig aus dem Ruder zu laufen.

Eine Antwort könnte dann sein: unter anderem hier. Im „goldenen Licht“, das nun durch die Ritzen der Fassade der Kaigasse 28 dringt und im Abrissbirnenwiderschein altehrwürdige Bausubstanz zu rentablem Edelmetall transmutiert.

Schiaches Salzburg” ist unser Außenposten fürs Unangenehme und bringt laufend neue Krach- und Sachgeschichten aus SBG.

Gefunden haben wir diesen Account auf Instagram, wo er als @schiaches.salzburg die halbschattigen Seiten der Stadt herzeigt. Was es dort gibt? Found objects, Kurioses aus dem öffentlichen Raum und andere schiache Sachen aus der schönsten Stadt Österreichs. Immer mit im Gepäck? Gesunder Grant, absurder Humor und Sinn für Unsinn.

Alle Fotos: Schiaches Salzburg

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