Aus dem Magazin QWANT.Magazin

Ist Gott ein Popstar?

Lokalaugenschein beim Pfingstfest der Lorettochristen

Das Festivalgelände: Salzburgs Dom, der Domplatz, St. Blasiuskapelle. Das Line-Up: Katechesen, Rosenkranz und Messen. Der Mainact: Stefan Oster, Bischof von Passau. An Pfingsten ging in Salzburg das Fest der Jugend mit viel Pop und Pathos über die Bühne. Ich habe zwei Tage dort verbracht, wo Religion noch rockt und Jesus Christ der Superstar ist.

Bis zu 7.000 junge Christinnen und Christen aus über 25 Länder zieht das Fest der Jugend an Pfingsten in die Bischofsstadt, und das schon zum 18. Mal. Hinter dem Event steckt die Loretto-Gemeinschaft, die sich über die offizielle Homepage erstmal als „Teil der katholischen Kirche“ definiert. Mehr steht dort nicht, der „Mach mit!“- Button ist leichter zu finden. Einen Workshop über Loretto wird es auf dem Fest der Jugend geben. Andere Workshops: „Pastoraler Dienst in der Kirche, ein Beruf für mich?“, „Kein Sex vor der Ehe, warum warten?“, aber auch zeitgemäß im Jugendslang: „Prayer- just do it!“. Zusätzlich gibt es Workshops für jüngere Kinder. Die heißen dann: „Beichten für Anfänger“, „Was du über Mädchen schon immer wissen wolltest“ und „Bible-Power.“

Denn das Fest der Jugend ist auch eines der Familien. Wer wie ich am Freitag vor Pfingsten schon anreist, um sich ordnungsgemäß Tagespässe zu kaufen, wird im großen Fest- und Informationszelt vor dem Dom vor allem Eltern mit Kinderwagen antreffen. Das ganze Programm würde vier Tage dauern und mit Pfingstmontag sein Ende in einem gemeinsamen Mittagessen der Erleuchteten finden. Der Kassier ist ein junger Mann mit blondem Haar in lässigem Pferdeschwanz und obligatorischem Kreuz um den Hals. Er muss sich immer wieder den Schweiß von der Stirn abtropfen. Gott hat uns dieses Wochenende einen strahlend blauen Himmel beschert.

Standortwechsel: der abendliche Dom

Sakrales Licht wurde durch Pink und Blau ersetzt, die üblichen alternden Kirchgänger*innen durch jugendliche Gesichter. Neben mir Gruppen pubertärer Mädchen mit Zahnspangen, junge Geistliche in Schwarz, und immer wieder Familien. Über dem Altar hängt ein riesiger Bildschirm, ein Countdown wird heruntergezählt. Der Dom ist bereits randvoll gefüllt, als zum Showdown noch zehn Minuten fehlen. Sitznachbar*innen lächeln sich selig an. Und als es endlich losgeht, springen alle auf, klatschen und jubeln. Das Fest der Jugend wird offiziell mit Yvonne Catterfelds „Irgendwas“ eröffnet.

Die Band spielt die ersten Töne. Es geht um große Worte, um Liebe, Sehnsucht, Freiheit. Vor mir fällt sich ein Pärchen in höchster Ekstase in die Arme. Dieselbe Frau stellt sich später auf die Kniebank und wirft ihre Hände in die Höhe, wenn die Sängerin zum Refrain von „Yes Lord“ ansetzt. Ein Daumen, ein „L“ mit Daumen und Zeigefinger geformt: Yes Lord, bis die Choreographie auch die letzte Kirchenbank erreicht hat. Und dann ist Georg Mayr- Melnhof on Stage und alles schweigt andächtig. Jener Georg, der Loretto vor dreißig Jahren in Salzburg aus der Taufe gehoben hat und der hier der heimliche Star ist. Er tritt in Jeans und Hemd auf, die obersten zwei Hemdknöpfe offen. Hier ein bisschen Schmäh, dort ein bisschen Witz, die Massen lieben ihn und jeder Funken entflammt erneuten Jubel. „Lass dich ein, lass dich mit vollem Herzen ein.“, sagt Georg.


Das Musical anschließend ist so lala, das Sujet ein althergebrachtes. Da sind der bockige Sohn mit dem biblischen Namen David und der verzweifelte Vater und ein paar zickige Mädchen, die die Burschen wie im triefenden Klischee verehren. Und, obviously, der Soundtrack: Don´t stop believin´. Aber David meint es nicht ernst mit Sandy, weil: Auch andere Mütter haben schöne Töchter. Und David verbockt es noch viel mehr, als er das Geld für den Abschlussball in Fußballschuhe investiert und nicht in den Flyerdruck. In diesem dramatischen Höhepunkt reißen Vater und Sohn die Mauern ein und finden wieder zueinander. Und die Moral von der G’schicht: Ohne Glauben geht es nicht. Dann trifft es wieder Georg, das offizielle Abendprogramm zu beenden. Er gibt sich gerührt. Rührungen wird es in den nächsten Tagen noch viele geben, denke ich.

Das Fest der Jugend ist ein Fest der einfachen Antworten

Der nächste Tag beginnt mit einem Morgenlob im Dom. Ich beginne ihn damit, mich erstmal durch die Menge treiben zu lassen. Die Jugendlichen aus den 25 Ländern haben in Turnsälen übernachtet. Ein bisschen wie im Ferienlager springen im Fest- und Informationszelt übermütige Halbwüchsige durch die Kulisse. Es gibt Informationsstände zu Loretto, eine Firmlingslounge und den Stand 1000plus: Hilfe statt Abtreibung. „Weil jeder fehlt, der nicht geboren wird“, erklärt mir die Dame am Stand freundlich, während sie mir einen Stapel an Broschüren zusteckt.

Danielle Strickland hält die erste Katechese, eine Art christliche Lehrstunde, im Dom ab. Sie ist die einzige Frau im männerdominierten Veranstaltungsprogramm. Sie ist sympathisch, fröhlich und tätowiert und sie gewinnt das Publikum mit Charisma und Wortwitz für sich. Aber das war nicht immer so. „Als ich 17 war, war ich im Gefängnis. Ich dachte, Gott wäre sauer auf mich. Ich dachte, aufgrund meiner bösen Taten sei ich ein Feind Gottes.“ Sie war die Schulabbrecherin, die Drogendealerin in der Gemeinde, und sie hat zu Gott gefunden. Damals, im Gefängnis, als Jesus zu ihr in die Zelle kam und ihr seine Liebe gestand. Danielle ist keine Dogmatiker und Predigerin, sie ist ausgelassen und zuhause auf der Bühne. Es gehe darum, ja zu sagen: Yes to the Lord. Das Fest der Jugend ist ein Fest der Antworten, und die sind immer einfach.

Ob ich mit ihm über Abtreibung reden wolle, fragt ein junger Mann draußen im Fest- und Informationszelt und gesellt sich zu mir. Er heiße Martin und das Thema gehe ihm nicht mehr aus dem Kopf. Sowas könne er sich seinen Lebtag nicht verzeihen, er schaut mich kopfschüttelnd an. Wir starren auf den riesigen Bildschirm, der das Geschehen im Dom livestreamt. Seine Mutter, erzählt er mir, hätte ihn abtreiben wollen, aber sie habe es nicht gemacht. Seine Mutter sei eine gute Christin. Und er selbst auch. Ob er an die katholischen Werte glaube? Ja. Und überhaupt, „das weiß man doch, dass, wenn es unten flüssig kommt, hört man auf.“ Im Dom fängt die Heilige Messe an und Martin verabschiedet sich höflich mit der Bitte, nachher auf ihn hier zu warten.

Inzwischen hat sich das Fest- und Informationszelt geleert, die meisten befinden sich gerade in der Messe. Ich schlendere zu einer Bank, wo zwei Jungs sitzen. Blondierte Haare und Undercut, Zigarette im Mundwinkel. Warum sie denn nicht an der Messe teilnehmen, frage ich mit ironischem Unterton. „Is chilliger hier.“ Sie sind aus Ulm angereist. Kumpels der beiden waren letztes Jahr schon hier und meinten, „dass das Bock macht.“ Aber eigentlich sind sie evangelisch. Sie rauchen die letzten Züge und bummeln zurück zum Fest- und Informationszelt. Dort sehe ich sie später vor dem Livestream sitzen und plaudern. Ich lasse mich von den Messgesängen Richtung Dom ziehen und treffe auf ein Mädchen mit Erdbeereis. Sie ist mit ihrer Schwester hier. Ob sie sich nicht daran störe, dass am Altar nur männliche Ministranten und Priester dienen, frage ich sie. Sie überlegt kurz und schüttelt den Kopf. „Ich finde, das passt nicht. Weil die Apostel waren auch Männer.“ Auf meinen Einwand, dass es auch Theorien über weibliche Apostel gibt, geht sie nicht ein. Sowas glaubt sie nicht.

Auch der Herr Bischof hat Humor

Und dann ist es Zeit für Bischof Stefan Oster. Der Name gab im Vorfeld viel Recherche her. „Hinter dem Zahnpasta-Lächeln des jung-dynamischen Passauer verbirgt sich nur der nächste Hardliner“, schreibt etwa die Süddeutsche am 27.05.2015 online. Der, der immer mal wieder mit Postings über die Heiligkeit der Ehe und die Unnatürlichkeit der Homosexualität auf sich aufmerksam macht. Jetzt tritt er auf, der George Clooney der Katholiken. „I like to worship worship- we worship Jesus!“, heißt es mit Electro- Vibe noch, dann stürmt er die Bühne. Auch der Herr Bischof hat Humor. In seiner Rede bringt er alles ein, was die Generation Z und post-Z anspricht. Er ist der Junge mit den Reptilien, der per Anhalter durch Europa gereist ist und sich für seine Eltern geschämt hat. Er spricht über Brangelinas Trennung und über Freiheit. Er sagte Dinge wie: „Brad Pitt ist ein Checker.“ Und: „Ich lerne unter Christen immer mal wieder Veganer kennen, aber ich sage euch: Für Jesus gehört immer noch ein Mastkalb zum Festessen.“ Er erntet Jubel und Lachen und er lächelt souverän. Er steht am Altar in seinem Bischofsgewand und fegt wie ein Showman über den Kirchenboden. Für mich wird es Zeit, das Festival zu verlassen. Ich drängle mich durch die Bank und ziehe zum Ausgang. Überall sitzen Menschen und der Weg ist weit. Draußen ist es Abend geworden. Ich lasse Dom und Festzelt hinter mir und mit jedem Schritt wird die Luft wieder klarer.

Veronika Ellecosta

Veronika Ellecosta ist aus Südtirol ausgewandert, des Studiums und des Auswanderns wegen. Ist in Salzburg angekommen. Hat bei Fräulein Flora Unterschlupf gefunden und begonnen, die Stadt schreibend zu erkunden und damit immer wieder aufs Neue anzukommen.