Kanalarbeiter
Aus dem Magazin

Und was machst du so? Ein Interview mit einem Kanalmeister

Aus der Kategorie: Jobs und die Menschen dahinter.

In dieser Rubrik stellen wir euch Jobs vor, die im Alltag oft unsichtbar bleiben. Als Kanalmeister ist Kurt Repetschnigg für den Betrieb und die Reinigung des Salzburger Kanalsystems zuständig.

Was macht ein Kanalmeister?

Ich bin der Ansprechpartner für die ganze Partie. Ich sage, was zum Sanieren, zu räumen oder zum Reinigen ist. Also bin ich dafür zuständig, dass der Kanalbetrieb der Stadt läuft. Dass die Scheiße abrinnt, auf gut Deutsch gesagt.

Was ist dein beruflicher Werdegang?

Ich hab Maurer gelernt, das ist schon lange her. Anfang der 80er war das. Dann hab ich am Bau gearbeitet, dann die Polierschule gemacht. Ich komme aus dem Lungau, aber dort ist es mit der Arbeit ein bisschen ein Problem. Meine Frau ist aus Salzburg und so sind wir hergekommen. Und dann wollte ich in Salzburg arbeiten, ich war eh 20 Jahre auswärts, in Österreich und Deutschland überall. Beim Magistrat haben sie einen Polier gesucht und das hat gepasst.

Was macht ein Kanalarbeiter genau?

Im Winter wird Kanal geräumt. Überall, wo man mit der Spülung nicht hinkommt, muss man händisch räumen, da gibt es einige Stellen, bei denen das der Fall ist. Wo halt das Klumpat liegenbleibt. Dann sanieren wir Schächte und Deckel, kontrollieren müssen wir natürlich auch, ob alles passt. Ohne Reinschauen weiß man nicht, wie es drinnen aussieht. Wenn etwas verstopft, ist es zu spät. Das wollen wir verhindern. Außerdem überwachen wir die Hausanschlüsse und alle Anschlüsse, die in unseren Kanal münden. Wir haben einen Haufen zu tun.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?

Wenn es zum Räumen ist, zum Beispiel, dann kommen alle um 7 Uhr zu mir und ich sag, wo es hingeht. Dann nimmt jeder seine Sachen mit, auch die Sicherheitsausstattung. Es kann nämlich immer passieren, dass etwas in den Kanal kommt, das dort nicht hingehört. Dass zum Beispiel ein Tank ausläuft und Benzin hinunterrinnt. Und dann bist du unten, wäre nicht gut, dann macht es einen Tuscher. Vor Ort zieht man die hohen Stiefel an, setzt den Helm auf, nimmt das Gaswarn-Gerät mit, die Absturzsicherung muss angezogen werden.

Und dann?

Wird der Kanal geöffnet, abgesichert, zwei Mitarbeiter gehen hinunter und zwei überwachen von oben. Man muss immer zu zweit sein, damit das Loch beobachtet wird. In einer anderen Stadt ist kürzlich ein Unfall passiert: Da ist ein Kanal offen gewesen, über dessen Deckel eine Führung für blinde Menschen gelegt war. Ein Kanalarbeiter war vor Ort, aber mit dem Rücken zum Loch und der Blinde ist dem Leitsystem gefolgt und ins Loch gefallen. Das darf auf keinen Fall passieren!

Muss man sich auch viel anhören?

Auf jeden Fall. Wir sind ja auch viel im Stadtverkehr unterwegs und da geht dann natürlich nicht alles so schnell voran wie gewünscht. Dann hört man schon einmal „Was dat’s ihr do, ihr Voitrotteln“ (lacht). Aber wenn eine Verstopfung ist, sind alle froh, wenn wir kommen.

Wie kann man sich das Kanalnetzwerk der Stadt Salzburg vorstellen?

Geben tut es das schon lange, sicher 150 Jahre. Es gibt die verschiedensten Sachen, richtig alte Kanäle zum Beispiel. Die haben sie früher als unterirdische Gänge gebaut, Verbindungsgänge von den Erzbischöfen waren das. Die wurden später zum Kanal umfunktioniert. In der Franz-Josef-Straße ist einer, der ist gut 1,70 m hoch, 70 cm breit. Das ist noch ein ganz alter Hund, der kommt jetzt Stück für Stück weg, weil er neu gebaut wird. Aber die Arbeit geht nicht aus. Weil, wenn du etwas neu machst, ist es bald wieder alt. Ewig hält nichts, das ist halt so.

Was findet man denn Kurioses im Kanal?

Da gibt es Sachen, wo man sich denkt: Das gibt es doch gar nicht. Teppiche, Kabel werden einfach hinuntergeworfen. Billige Entsorgung. Da muss man den Schacht aufmachen und die Sachen runterwerfen. Anders geht das nicht, durchs Klo geht das nicht durch. Die Leute schmeißen alles hinein, Krokodil haben wir noch keines gefunden, gottseidank.

Wäre das möglich, ein Krokodil zu finden?

Ja, theoretisch schon. Wenn jemand so eines zu Hause hat und dann gefällt es ihm oder ihr nicht mehr, lassen sie es beim Klo runter. Und dann haben wir es im Kanal (lacht).

Was findet man noch?

Jede Menge Essen. Man weiß ganz genau, was die Leute zu Mittag zu essen hatten, das sehen wir, wenn wir die Kamera runterschicken. Da schwimmt der Salat, die Knödel, alles. Das darf man eigentlich nicht, weil es das beste Rattenfutter ist. Die wiederum freuen sich drauf.

Sind viele Ratten im Kanal?

Naja, nicht mehr so viele. Wie ich angefangen habe, da gab es noch den Linzer Gassen-Kanal, da hat es richtig gewuselt vor Ratten. Das ist schon sehr lange her. Aber es bleiben immer welche da, weil es etwas zum Fressen gibt, logisch. Ich bin in den Kanal mal rein, weil ich etwas nachsehen musste, da hat es nur so g‘wurdelt vor den Viechern.

Was ist spannend an der Kanalarbeit?

Es ist nicht Schema F. Es ist abwechslungsreich und kein Tag ist wie ein anderer. Immer wenn man glaubt, jetzt ist Routine, kommt etwas Neues.

Wie kann man sich das Kanal-Netzwerk vorstellen?

An der Salzach entlang gehen die Hauptsammler vom Reinhalteverband. Wir hängen da überall drauf. Da haben wir große Kanäle, kleine Kanäle. In der Strubergasse, zum Beispiel, ist ein großer. Da kann man durchgehen, so wie eigentlich durch die meisten. Ab einem Meter Höhe können wir rein. Da gehst gebückt durch, manchmal muss man auf allen Vieren durchkraxeln. Wir haben über 300 Kilometer Kanal, das rinnt dann über die Hauptsammler raus nach Siggerwiesen. Da landet alles in der Kläranlage, wird gefiltert und das saubere Wasser in die Salzach zurückgeleitet.

Welche Voraussetzungen sollte man haben, wenn man Kanalarbeiter werden will?

Wenn man Klaustrophobie hat, sollte man lieber nicht in den Kanal. Da bleibst besser draußen. Man soll keine Angst vor Dreck haben, vor Ratten oder vor Spinnen. Die sind überall in den Schächten. Fäkalien sind der kleinste Teil, das meiste ist eigentlich Wasser. Natürlich, wenn du eine Verstopfung hast, dann bleibt alles hängen, dann ist alles beinander. Aber da schauen wir ja drauf, dass das nicht passiert. Wenn der Kanal rinnt und gewartet wird, stinkt es dort unten nicht. Man sieht halt vieles, was beim Klo runtergespült wird – Feuchttücher zum Beispiel.

Darf man das eigentlich?

Normalerweise nicht. Aber wenn man Feuchttücher benutzt, schmeißt du sie halt ins Klo, wohin denn sonst? Eigentlich gehört’s in den Mistkübel. Genauso wie Tampons, die sind ein riesen Problem für die Pumpwerke, weil sich darin die Schnüre verfangen können. Das führt zu Verstopfungen. Zu viel nachdenken soll man nicht, was da unten alles herumliegt. Aber das wird Normalität im Beruf, das muss dir einfach wurscht sein.

Wie wird man Kanalarbeiter?

Indem man sich bewirbt. Das ist kein Lehrberuf, sondern das lernt man by doing. Einen handwerklichen Beruf sollte man gelernt haben, Maurer, Installateur, Elektriker, Fliesenleger, die brauchen wir immer.


Dieses Interview ist zuerst im QWANT. Magazin (Winter 2019/2020) erschienen.

Titelbild: Photo by Eliobed Suarez on Unsplash

Eva Krallinger-Gruber

Eva ist eine richtige Ex-Exil-Salzburgerin. Frankreich, USA, Schweiz - aber nirgends ist es wie zuhause. Journalismus, Marketing (Kosmetik und dann Bier) und eigentlich redet sie auch ganz gern.