Aus dem Magazin

Ich habe mich auf Rollenspiele eingelassen

Ein Abend in der Welt des LARP

Live Action Role Play heißt, einen Charakter in einer imaginierten Welt darzustellen. In Salzburg heißt diese Welt Thrimor und kämpft gegen Untote. Ich habe mir eine mittelalterliche Gewandung übergeworfen, bin aus einem überfallenen Dorf geflohen, und habe die Taverne im Schatten des Farun besucht.

Rollenspiele ohne Drehbuch

LARP steht für Live-Action-Role-Playing. Teilnehmer*innen sollen bestimmte Rollen in einer bestimmten Welt spielen, dort Lieder singen, Heldentaten vollbringen, Met trinken, Schlachten schlagen und im schlimmsten Falle einen fiktiven Tod im Kampf erleiden. Alles ist möglich und gleichzeitig auch wieder nichts, weil alles Schauspiel ist, nur ohne Drehbuch und Publikum. Also wie ein überdimensionaler Spielplatz, denke ich mir, als ich mir mittels Mouseclicks einen ersten Überblick über die Welt in Imagination zu verschaffen versuche. In Deutschland gibt es handfeste Zahlen über diese fantastische Welt: Bei Großveranstaltungen, im Fachterminus Cons genannt, treffen bis zu 9000 Spieler*innen in epischen Schlachten aufeinander. Die Waffen unterliegen einer strengen Regelung: Nicht zu kopflastig, schaumstoffgepolstert und beschichtet, um schmerzhaften blauen Flecke vorzubeugen, versteht sich. Ich hingegen verstehe erstmal wenig. Auf den ersten Blick zeigt sich mir LARP als unergründliches Dickicht an Gesetzen, Regeln und Handlungsräumen. Die ich alle verstehen will und muss, weil ich demnächst selbst an einer kleinen Con in Salzburg teilnehmen werde.

Die Vorbereitung

Veranstaltungsort wird das alte Torhaus bei der Festung sein, gefühlt befinden wir uns dann aber in einer Taverne im fernen Land Thrimor. Die Eventbeschreibung schreibt etwas über Verrat und einen entwendeten magischen Tharakstein. Auf der Homepage Thrimor gibt es zusätzlich einen Verhaltenskodex, den es zu memorisieren gilt. Die Rechte nimmt, die Linke gibt, denn die kommt vom Herzen. Grüßen mit der Linken, Heilzaubern mit der Linken, Schwertkämpfen mit der Rechten, Ohrfeige mit der Linken für den, der links und rechts verwechselt. Gardisten begrüßen einander mit „Incendius Segen“, weil Incendius der Gott des Feuers und des Kampfes ist. Denn im Land Thrimor gibt es selbstverständlich eine eigene Religion, sowie politische Strukturen und Gesellschaftsschichten.

Foto: Lupuspictures

Da ist zu viel für jemanden wie mich, die seit jeher eine Abneigung gegenüber Fantasyromanen hegt, auf ignorante Art und Weise über Herr der Ringe spottet und Harry Potter nur der Hermine wegen angeschaut hat. In der Vorbereitungszeit stehen Florian, Dominik und Christoph auf meiner Anrufliste. Die beiden sind die Köpfe hinter den Thrimorern. Ich solle mir eine Rolle überlegen und an jenem Abend authentisch verkörpern, so die Anweisung. Charakter-Generierung nennt man das. Ich entscheide vorsichtig und wähle eine Besucherrolle: Eine einfache Müllerstochter will ich sein, deren Dorf von den Feinden der Thrimorer, den Untoten, abgebrannt wurde. In meinem nun doch euphorischen Eifer erfinde ich auch noch etwas von einem Drachen dazu, denn wer Fantasie hat, bringt auch Drachen ein.

Den Drachen muss ich leider wieder vom Inventar streichen, die gibt es in Thrimor nicht, erklärt mir Dominik. Der kleine Schleich-Dinosaurier aus dem Spielzeugladen bleibt daheim, als ich mich samstagabends durch das Getümmel der Rupertitrachten in der Altstadt Richtung Festung aufmache.

Die Taverne

In der Taverne herrscht ebenfalls reges Treiben. Die Festung erstrahlt in frühabendlichem Licht und thront über unserem Schauplatz wie ein stummer Zeuge. Auf den Tischen liegen Lederbeutel, Tonbecher und Kerzen in schmiedeiserner Halterung. Rund herum sitzen bereits Leute in mittelalterlicher Gewandung und warten auf den Spielbeginn, In-Time genannt: „Milea“ etwa in bestickter Robe, der Bogen liegt neben ihr auf der Bank. Andere marschieren bereits als Gardisten durch die Stube, in Stoffhosen, Umhang und mit grünem Barett. Eine Gruppe aus schwarzgekleideten Männern mit Styroporschwertern ziehen vor der Tür noch an ihren Zigaretten, sie sind aus Regensburg angereist. Noch fühle ich mich etwas deplatziert in meinen roten Jeans. Noch sind auch alle anderen nur kostümierte Menschen, die auf ihren Auftritt warten. Florian geleitet mich in den Hinterraum, wo sich gerade die Nichtspielercharaktere aufhübschen und jede Menge Schminke ins Gesicht schmieren. Nichtspielercharaktere werden von der Spielleitung eingesetzt, um den Plot voranzutreiben. In unserem Falle werden das Druiden und Waldgeister sein, aber das werde ich erst später erleben.

Christoph hat mir aus dem Fundus Gewandung mitgebracht, weil mein eigener Kleiderkasten keine Ausbeute hergab. Er selbst ist mit Thrimor mitgewachsen, zehn Charaktere hat er im Laufe seiner LARP-Karriere schon entworfen. Er kramt in seiner Truhe und gibt mir einen grünen langen Landhausrock und eine Bluse aus grobem Leinen. Einen Gürtel knote ich mir um und in einer Ledertasche verstaue ich Smartphone und Notizblock, verstecktes Gut aus einer fremden Welt. Heimlich ein paar Selfies knipsen und verschicken. Im großmütterlichen Rock streife ich nun durch die Taverne und fühle mich so viel wohler als in meiner Jeans. Ich treffe auf Mike, den Wirt, der später Gunnar heißen und eine Laterne mit sich rumtragen wird, weil er Incendius, dem Feuergott huldigt.

Foto: Lupuspictures

Mike ist ein Urgestein des LARP und spielt länger in fernen Welten, als ich in dieser realen existiere. Er hat auch Florians Spielerkarriere von Anfang an mitbegleitet und ihn quasi zu einem vernünftigen LARPer herangezogen. Eigentlich ist LARP das gesündeste, was Menschen machen können, erklärt er mir, während er das Abendessen für die Thrimorer zubereitet. Zum einen, weil man für ein paar Stunden aus dem Alltag entfliehen, abschalten und Psychohygiene betreiben kann. Der Geist kann sich ohne Zwänge bewegen und sich in neuen Rollen ausprobieren. Florian nickt und fügt hinzu: „Wir spielen in jeder Lebenssituation unentwegt eine Rolle, im Privaten eine andere wie in der Arbeit. Das ist eigentlich das, was wir hier machen, nur viel bewusster. Man lernt beim LARP, dass wir viel mehr sein können, als wir uns zutrauen.“

In-Time

Wir stehen kurz vor In-Time im Kreis. Eine Flasche Met macht die Runde, denn Met, Mädchen und Musik dürfen in keiner Taverne der Thrimorer fehlen. Wir erhalten einen kleinen Zettel mit der heutigen Rahmenhandlung, besprechen gängige Begriffe, die man während des Spiels kennen sollte: Sani zum Beispiel, falls jemand verletzt werden sollte. Oder Stopp, wenn eine persönliche Grenze überschritten wurde. Ziel des heutigen Abends wird es sein, den Tharakstein herzustellen, um im Kampf gegen die Untoten erfolgreich zu sein. Diese wiederum besetzen Nubingen, ein ehrenwertes Dorf in Thrimor. Ich studiere den Plot immer und immer wieder, erstelle eine Stichwortliste in meinem Kopf, und dann geht es eigentlich los.

In den folgenden Stunden werde ich, wenn auch verhalten und vorsichtig, zur geflohenen Müllerstochter, sitze in der Taverne und trinke Cola aka Schwarzwurzelsaft abwechselnd mit Met, der erst nach dem zweiten Becher dem Gaumen munden will. An meine Seite gesellen sich ein Magier, der eigentlich eine Magierin zu sein scheint, leise und krächzend spricht und auf einem Stock über die Wiese krummt, eine Novizin und ein Milchjunge, wie ihn die Magierin abschätzig nennt. Die Garde scheint ernst und militärisch, und das soll sie auch sein, gilt es doch, den Eichhornkatzknochen durch Verhandlungen mit einem Druiden im Wald zu ergattern, den wir so dringend für den Stein brauchen.

Im Grunde sind alle Charaktere so liebevoll gestaltet wie ein Alter Ego nur sein kann: Da gibt es Brutzel, die kleine teufelartige Gestalt mit guten Absichten, die in höchst lustigen Momenten zu glühen beginnt und Feuer entzündet. Esche, der Waldgeist, ist in Laub gekleidet und etwas langsam, Volkmar ist etwas griesgrämiger und aufbrausender Gardist, und der Holzfäller aus dem Wald hat sich einen eigenen Akzent zugelegt, der in der Menschenwelt vertraut nach Ex-Jugoslawien klingt.

Es ist ein kleiner, zauberhafter Kosmos und alle gestalten ihn voller Inbrunst mit. So wird aus einem Spruch, der über der Toilette hängt, die fehlende Formel für die Steinherstellung. Es gibt genügend Momente, in denen ich aus der Rolle falle und mich von dem Geschehen einfach nur unterhalten lassen möchte. Etwa dann, als wir auf der Suche nach dem Druiden durch den Wald irren und drei dunkel gekleideten Männer hinter uns ihre Gewandung um eine Maske ergänzen und die Frage in die Dunkelheit werfen, warum denn hier Stroh liege. Oder dann, als die Magierin ein Pentagramm falsch aufzeichnet, die Opfergaben mit der falschen Hand ablegt und sich eine freundliche zurechtweisende Ohrfeige von Volkmar einfängt. In manchen Situationen steckt viel mehr ungewollte spontane Slapstickkomik und die Stimmung wird gen Mitternacht Met sei Dank noch ausgelassener. Bis wir in der Taverne enden und die Garde die Trinklieder der Thrimorer zum Besten gibt, der Incendius-Magier-Wirt Gunnar am allerlautesten.

Dann neigt sich die Veranstaltung dem Ende zu und die Charaktere kleiden sich einer nach dem anderen in ihr reales Ich zurück. Ich schlüpfe wieder in meine rote Jeans, grüße die Verbliebenen nach Salzburger Manier. Sie werden Thrimor heute noch eine Weile länger feiern, ich begehe den Abstieg. LARP hat sich mir nicht als nerdige Freakshow gezeigt, sondern als gemeinschaftliches Spiel mit der eigenen Rolle ohne bitterem Ernst und verbissenem Paragraphenreiten. Nach wochenlanger besorgter Vorbereitung kann ich auch sagen: Man kann es nicht lernen und studieren, sondern nur im Tun erleben. Und das ist durchaus einen Besuch wert.

Interesse?


Blutige Neuzugänge wie ich und hartgesottene LARPer sind bei den Thrimorern in Salzburg gern gesehen. Infos gibt`s auf der Homepage, und wer Hilfe bei der Charakter-Generierung und für andere Fragen braucht, wird vom Team bestens beraten.


 

Veronika Ellecosta

Veronika Ellecosta ist aus Südtirol ausgewandert, des Studiums und des Auswanderns wegen. Ist in Salzburg angekommen. Hat bei Fräulein Flora Unterschlupf gefunden und begonnen, die Stadt schreibend zu erkunden und damit immer wieder aufs Neue anzukommen.