Aus dem Magazin

Hören wir auf, uns selbst zu feiern!

Eine Kritik an unserer Art, Kritik zu üben.

Macht es die Welt zu einem besseren Ort, wenn wir über Donald Trump lachen und uns #wirsindmehr Buttons an die Pinnwand heften? Oder klopfen wir uns dabei nur selbstgerecht auf die eigenen Schultern?

Ende August kam es in der deutschen Stadt Chemnitz zu massiven rechtsradikalen Ausschreitungen. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten: Unter dem Hashtag #wirsindmehr formierte sich im Netz der Protest jener, die ihrer Bestürzung über den rechten Mob Ausdruck verliehen. Für viele Menschen war der #wirsindmehr Schriftzug im Profilbild ein sichtbares und ernst gemeintes Zeichen, um ihr Unbehagen und ihre Empörung angesichts der Geschehnisse zu zeigen. Doch dann war da auch noch etwas anderes.

Sich den #wirsindmehr Button ans Profilfoto zu kleben, war für viele kaum mehr als eine Selbstversicherung, einer von den Guten zu sein. Als Belohnung winkte Bestätigung aus der eigenen moralischen Echokammer. Ob der Hashtag aber auch nur einen einzigen Sympathisanten der AfD zum Umdenken brachte, darf bezweifelt werden. Fast möchte man etwas polemisch die Frage stellen: “Und für mehr als einen Mausklick hat die Empörung nicht gereicht?”

Dieses leise Unbehagen betrifft nicht nur die Reaktionen auf die Ereignisse in Chemnitz. Fast meint man mittlerweile ein Muster erkennen zu können, zu dem die kalkulierte Entgleisung des einen genauso dazugehört, wie die reflexartige Empörung des anderen. Das Problem: Die Grenze zwischen echter Bestürzung, geheuchelter Anteilnahme und gelangweilter Mitlauferei verflüssigt sich dabei immer mehr.

Viele geben den Algorithmen der sozialen Medien die Schuld daran, dass politische Kritik und Satire immer mehr zu einem selbstreferenziellen Spiel der Eitelkeit werden, bei dem sich eine Wertegemeinschaft in Endlosschleife der eigenen moralischen Überlegenheit versichert. In Wahrheit hat dieses Spiel aber bereits lange vor Facebook bestens funktioniert. Seit Jahrzehnten lachen wir gemeinsam mit Stermann und Grissemann über die Dummheit der FPÖ. Geschadet hat es der FPÖ nicht. Im Gegenteil. Scrollt man durch die eigene Facebook Bubble, wird man feststellen, dass zwar im Gleichschritt gehated, geklatscht oder durch den Kakao gezogen, aber selten ernsthaft diskutiert wird. Dabei wäre genau diese kritische Auseinandersetzung innerhalb einer Wertegemeinschaft so wichtig.

Nur damit wir uns richtig verstehen: Die Geschehnisse in Chemnitz sind bedrohlich. Genauso wie das Aushöhlen des Rechtsstaates in Ungarn, die Deutschtümelei der FPÖ, das Auseinanderdriften der EU und das Säbelrasseln im Südchinesischen Meer. Doch mit symbolischen Gesten in der eigenen Bubble werden wir diesen sehr realen Bedrohungen nicht beikommen. Anstatt uns Tag für Tag der eigenen moralischen Überlegenheit zu versichern, müssen wir versuchen, diese Vorgänge in ihrer Komplexität zu begreifen. Wir müssen beginnen, uns ernsthaft mit den Dingen auseinanderzusetzen.

Diese Herausforderung ist riesig, denn Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins. Würde sie es tun, wäre sie nicht so verdammt schwer zu begreifen. Und sie wird uns zu Fragen führen, die auch unser eigenes Selbstverständnis betreffen: Zum Beispiel, wie es passieren konnte, dass sich ausgerechnet die elitistische FPÖ für viele glaubhaft als Anti-Establishment Partei für den kleinen Mann präsentieren kann, während etablierte linke Parteien als selbstgerechte Apparatschiks wahrgenommen werden. Oder wie der Ekel vor dem politischen Establishment so groß werden konnte, dass viele Amerikaner mit Freuden einen korrupten Milliardär unterstützen, um der Elite aus dem „House of Cards“ eines auszuwischen?

Oder die Frage, wie es passieren konnte, dass viele Österreicher heute politisch dermaßen ungebildet sind, dass sie das politische System, in dem wir leben, schlicht nicht begreifen. Immer öfter scheitern Diskussionen daran, dass bei den beteiligten Personen keinerlei Wissen vorhanden ist, wie die repräsentative Demokratie und ihre Institutionen funktionieren oder wie Weltanschauungen politische Entscheidungen prägen. Ein Problem, das übrigens Akademiker im selben Maße betrifft wie Hackler.

In einem solchen Klima aus weltpolitischer Komplexität und individueller politischer Unbildung ist der Rückgriff auf einfache moralische Kategorien für alle Seiten verlockend: Was der politische Gegner will, ist per se böse, was die eigene Seite will, ist immer edel und gut. Das ist Walt Disney, mit unserem politischen System hat es nichts zu tun.

Dieser Kommentar ist kein Aufruf, nicht mehr über den politischen Gegner zu lachen. Es ist ein Aufruf zu mehr Ernsthaftigkeit in der Beschäftigung mit den Dingen.  Es ist ein Aufruf, das Wohlfühlklima der eigenen Bubble aufzubrechen und die sozialen Medien durch echte Diskussionen zu einem interessanteren Ort zu machen. Versuche in diese Richtung gibt es bereits: Beispielsweise jenen der Tageszeitung Standard, politisch Andersdenkende in Gesprächen zusammenzubringen. Ein erster Schritt könnte es auch sein, politisch Andersdenkende auf Facebook nicht sofort zu entfreunden, sondern immer wieder die Diskussion zu suchen. Nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe. All das setzt jedoch voraus, dass wir unsere politischen Überzeugungen nicht als hübsches Feigenblatt vor uns herzutragen, sondern gewillt sind, ernsthaft danach zu handeln.

Matthias Gruber

Matthias Gruber ist ein Ur-Salzburger, der auszog, um Italien und Wien zu erobern. Gern ist er wieder zurückgekommen und macht für das Fräulein Flora wunderschöne Fotos der “Nicht-Nur-Mozartstadt”, die von witzigen Texten begleitet werden.