Aus dem Magazin

Hinter der Insta-Scheinwelt: Die Fyre Dokus

Ein Epic Fail, zwei Dokus.

Wie sehr muss man eigentlich verkackt haben, um zur selben Zeit (!) von zwei Dokus auf einmal (!!) unter die Lupe genommen zu werden? Seit dieser Woche wissen wir die Antwort: Mindestens so sehr wie das Fyre Festival vor zwei Jahren. Die angekündigte Luxus-Party auf einer einsamen Insel in den Bahamas stellte sich als dramatischer Betrugsfall heraus. Jetzt zeigen “Fyre Fraud” (Hulu) und “Fyre – The Greatest Party That Never Happened” (Netflix), was damals wirklich passiert ist. 

Titelbild: Netflix

Wie alles begann: Der Instagram-Post

Es war 2016, das Jahr war schon fast zu Ende, als eine Reihe von Models und anderer Influencer ein oranges Viereck auf Insta posteten. “So excited”, oder “See me at Fyre Festival” stand darunter, den Teil mit “Werbung” oder “#ad” hatte man weggelassen. Folgte man dem Link, zeigte ein Promo Video für das Fyre Festival türkises Wasser, eine Insel in den Bahamas, Models in Bikinis. Es sollte ein exklusives Festival werden, beste Musik, hochkarätige Gäste, Influencer, Models, High Life halt. Die Marketing-Strategie funktionierte: Die Tickets (die mit 500$ nicht gerade günstig waren, ganz zu schweigen von VIP-Paketen um mehr als 10.000$) gingen weg wie warme Semmeln.

Der Weg zum Epic Fail

Das mit dem Ticket-Verkauf war aber auch schon das Einzige, das rund lief. Ein Festival auf einer einsamen Insel ohne Infrastruktur aufzubauen war schließlich doch schwieriger, als sich Initiator Billy McFarland so gedacht hatte. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab, weiterhin immer teurere Villen (von denen keine einzige stand) oder Special Packages zu verkaufen – ganz im Gegenteil. In den Monaten, Wochen und Tagen bis zum Festival wurde das Event weiterhin gehypt, auf Social Media promotet und beworben.

Wir wissen natürlich, wie das ausging: Der Epic Fail (und Betrugsfall) rund um das Fyre Festival war von Instagram über Twitter bis zu Tageszeitungen in allen neuen und alten Medien. Die Gäste fanden sich in halb aufgebauten, dafür komplett durchnässten Hurricane-Notzelten wieder, die um teures Geld gebuchten Villen gab es nicht, das versprochene Luxury Catering waren Styropor-Boxen mit labbrigem Inhalt. Fyre war ein Reinfall, und mehr als das: McFarland wurde wegen Betrugs verklagt und zu mehreren Jahren Haft verurteilt.

Der Tweet, der das Festival endgültige umbrachte. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Sandwiches Staff Food waren, das Catering für die Gäste sah etwas besser aus (wenn auch nicht Mehrere-Tausend-Dollar-Besser). 

Ein Mega-Fuckup, zwei Dokus

Die verzweifelten Upper Class Rich Kids, die sich die Fyre Tickets überhaupt leisten konnten und schlussendlich in schäbigen Zelten ohne Elektrizität, dafür mit durchnässten Matratzen auf einer Insel in den Bahamas strandeten, führten zuerst zu jeder Menge Spott und Häme in den Sozialen Medien. Und jetzt eben auch zu zwei Dokus – wo der Wahnsinn noch einmal von hinten bis vorne aufgerollt wird.

Von der Restaurant-Besitzerin Maryann Rolle, deren Verluste nie zurückgezahlt wurden (zumindest nicht von McFarland – eine GoFundMe-Kampagne hat dafür für sie 60.000 Dollar aufgestellt) bis hin zum Eventproduzenten Andy King, der von McFarland aufgefordert wurde, für eine Lieferung Evian-Wasser einem Zollbeamten einen Blow Job zu geben (und der in seiner Verzweiflung sogar dazu bereit war!): Die Geschichten hinter dem Desaster sind zutiefst menschlich. Und oft auch herzzerreißend.

Instagram, Schminstagram: Die Realität hinter der Scheinwelt

Wir lernen: Instagram ist nicht die Realität. Hinter der ach-so-perfekten Scheinwelt verbirgt sich nicht immer das, was gezeigt wird. Models und Influencer posten keine Promos, weil ihnen gerade fad ist oder sie ein obskures Festival am Arsch der Welt wirklich geil finden. Sie werden dafür bezahlt. Nur, weil du 12.000$ für ein Festivalticket hinlegst, heißt das nicht, dass du mit Kendall Jenner am weißen Sandstrand tanzen wirst. Und nein, dein gesamter Freundeskreis ist nicht permanent auf Urlaub. Auch, wenn das auf Social Media vielleicht so aussieht.

Es ist das hässliche Gesicht einer kleinen Gruppe von Menschen, denen ihr Leben lang gesagt wurde, sie könnten alles haben – und die sich das schließlich auch nehmen.

Was wir außerdem noch mitnehmen, ist, wie das aussieht, wenn eingebildete, junge, reiche, weiße Männer glauben, ihnen gehört die Welt. Hier noch eine Million mehr, dort noch ein Luxury Package, und dann noch diese ganze Masche mit den Bargeldlos-Bezahl-Bändern, wo Gäste im Vorhinein dazu aufgefordert wurden, tausende von Dollars zu überweisen, nur, damit McFarland und sein Team wieder an Cash kommen…was soll’s? Es ist das hässliche Gesicht einer kleinen Gruppe von Menschen, denen ihr Leben lang gesagt wurde, sie könnten alles haben – und die sich das schließlich auch nehmen.

Die Fyre Dokus schockieren, erschrecken, reißen mit und lassen uns in Unglauben zurück. Bleibt jetzt also nur noch, sich zu entscheiden, welche der beiden man sich ansieht. Wir würden ja beide empfehlen…

Vanessa Graf

Vanessa ist meistens am Berg, und wenn nicht, dann reist sie um die Welt. Regenwetter ist außerdem ihr Lieblingswetter. Daran erkennt man auch die Salzburgerin in ihr.