Aus dem Magazin

Hemmungslos Kuscheln

Ich habe an einem Kuschelworkshop teilgenommen.

Ich sitze auf einem Kissen in einem Sitzkreis. Im Hintergrund gemütliche Meditationsmusik, neben mir fremde Menschen, mit denen ich in Kürze auf Tuchfühlung gehen soll. Es ist Samstagabend und ich habe Barhocker, verrauchte Spelunke und Electrobeats gegen besagtes Sitzkissen und Meditationsmusik eingetauscht und mich für einen Kuschelworkshop eingeschrieben.

„Kuscheln kann man nicht genug.“, sagt ein Teilnehmer in der Vorstellungsrunde und erntet zustimmendes Lachen. Die Stimmung ist heiter- erwartungsvoll. Wir sind zu elft, vorwiegend Männer in der Mitte ihres Lebens, Singles. Die meisten waren schon öfter hier und wollen es auch noch öfter sein. Weil Kuscheln, sagen sie, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Heilsame Berührungen sind das, steigern Körperwahrnehmung und Wohlbefinden. Beim Kuscheln wird das Bindungs- oder eben Kuschelhormon Oxytocin freigesetzt und Stress reduziert. Grund genug, um sich mal den Liebkosungen hinzugeben. Deshalb sind manche auch bereit, Geld dafür auszugeben. Und Leiterin Christina lässt sich auch privat buchen: Eine Stunde Kuscheln gegen Cash. Dabei missfalle vielen noch die Vorstellung, für Kuscheln zu bezahlen, meint sie. Aber es handle sich ja trotzdem um eine Dienstleistung.

Kuschelworkshop
Workshopleiterin Christina Heinze

Kurz werden die Regeln des Seminars festgehalten: Körperhygiene und Grenzen: Es ist nicht okay, Menschen auf nackter Haut zu berühren, unter Kleidung oder im Intimbereich. Und kein Küssen. Jemand kichert.

Generell sind in dem Raum keine sexuellen Annoncen gestattet. Wir sollen uns viel mehr fern ab von Alter, Geschlecht und Herkunft als Menschen begegnen, Intimität mit Fremden zulassen und über gewohnte Grenzen hinausgehen.

Mir ist immer noch mulmig zumute. Man müsse aber auch die eigenen Grenzen kennenlernen und nein sagen lernen, fügt sie hinzu. Vieles kann, nichts muss.

Um uns zu entspannen, beginnen wir den Workshop mit einer Traumreise. Ich nehme neben einem charmanten Deutschen Platz. Er bezeichnet sich selbst als Kuschler der ersten Stunde, der dem Kurs regelmäßig seit Anbeginn beiwohnt. Was er hier sucht? Den Genuss an körperlicher Nähe. Das sei als Single ja nicht so einfach. Dann wird getanzt, wir sollen uns erstmal lockern. Wir nehmen langsam Blickkontakt mit den anderen auf, streifen uns vorsichtig an den Schultern.

Ich komme mir ein bisschen wie im Club vor, wo man beschämt die Augen senkt, wenn man zu lange angestarrt wird und damit sagt: Sprich mich nicht an.

Aber hier spricht mich niemand an. Wir halten uns alle brav an die Anweisungen.

Die nächste Anweisung ist es, sich die Augen zu verbinden und die Hände der anderen zu erfühlen. Wir ergeben eine äußerst ulkige Tanzchoreographie und bewegen uns blind durch den Raum. Die Hand, die ich erhasche, ist nicht zögerlich wie ich und betastet meine Finger, Handrücken und -Innenflächen sehr souverän. Ein geübtes Händchen, denke ich. Die Prozedur wiederholen wir ein paar Mal: Es folgen andere Hände, behaarte, schweißige, dicke Finger, knochige. Wie beim Knutschen gibt es ungestüme, sanfte und vorsichtige Exemplare. Irgendwann steigern wir die Prozedur und sollen die Berührungen auf alle Umstehenden ausweiten und ich stehe irgendwo in der Mitte und sehe nichts und das einzige, das ich spüre, sind Hände auf Armen und Rücken. Und ich denke, dass ich mir so immer den Beginn einer Blind Sex- Orgie vorgestellt habe.

Kuschelworkshop

Das war vorerst der Höhepunkt. Man lernt hier die Grenzen zwischen Sexualität und körperlicher Nähe kennen, erklärt mir Christina.

„Wir alle kennen die fordernden Berührungen beim Sex, aber sowas wollen wir hier nicht. Wir wollen körperliche Nähe ohne dieses Fordern erfahren. Wir wollen uns auch ein Stück weit selbst besser kennenlernen. Wie geht es mir, was tut mir gut?“

Deshalb läutet sie auch das große Paarkuscheln ein und will, dass unter den Teilnehmenden Frauen mit Männern kuscheln. Ob das denn einen Unterschied macht, welches Geschlecht man bekuschelt, frage ich einen Teilnehmer. Seine Antwort ist ein überzeugtes Ja: Weibliche Energie sei schon etwas ganz anderes. Und so tun wir uns zwei und zwei zusammen. Mit der Frage „willst du mit mir kuscheln?“ fordert Mann die Damen auf, Christina und ihr Partner zeigen uns die heutigen Kuschelstellungen: Brezel, Berg und Tal, Reißverschluss. Inspiriert hat sie dazu das Kuschelsutra, ein Bestseller auf dem Gebiet des professionellen Kuschelns.

Abschließend werden wieder die Augen verbunden, wir kriechen über eine Decke und kuscheln blind mit Leuten, die uns über den Weg kriechen. Diesmal sind die Hände weniger vereinnahmend, die Gedanken langsamer. Mittlerweile weiß man auch trotz Blindheit, wen man vor sich hat, und die anderen sind keine Fremden mehr. Ich kuschle mit einem Masseur und habe das große Los gezogen. Was bleibt, ist ein Restgefühl an Befremdlichkeit und die Sehnsucht, endlich heim zum Liebsten zu kommen.

Veronika Ellecosta

Veronika Ellecosta ist aus Südtirol ausgewandert, des Studiums und des Auswanderns wegen. Ist in Salzburg angekommen. Hat bei Fräulein Flora Unterschlupf gefunden und begonnen, die Stadt schreibend zu erkunden und damit immer wieder aufs Neue anzukommen.