Gewinnt die Lehre als Ausbildung im Zeitalter von KI wieder an Wichtigkeit, Martina Plaschke?

Manchmal ist es zum Verzweifeln: Auf Verfügbarkeiten einer/eines Handwerker*in zu warten, fühlt sich an wie Warten aufs Christkind. Dauert lang, wenn es aber kommt, was für eine Freude. Hat sich die Stellung von Lehre im Zeitalter der KI verändert? Oder ist eh alles gleich geblieben, wir haben nur noch nie so genau hingeschaut? Wir haben Martina Plaschke von der Wirtschaftskammer Salzburg gefragt. Sie selbst ist Akademikerin, aber nach über 20 Jahren beruflich mit dem Thema Lehre verbandelt, dass „es sich so anfühlt, als hätte ich selbst eine Lehre gemacht.“

Gewinnt die Lehre als Ausbildung im Zeitalter von KI wieder an Wichtigkeit, Martina?

Im Moment ist alles voll mit KI. Viel spannender finde ich allerdings einige Zahlen, weil sie einiges nachvollziehbar machen. Ich habe kürzlich in einem Interview gelesen, dass wir in den 90er-Jahren 13.000 Abschlüsse an den Unis in Österreich hatten. Mittlerweile stehen wir bei 60.000 Abschlüsse jährlich. In den letzten drei Jahrzehnten sind viele Menschen in der akademischen Schiene groß geworden, mittlerweile sind die Studierenden von damals die Eltern von heute, haben dabei wenig bis keine Berührungspunkte mit dem System Lehre, wissen eigentlich auch gar nicht, wie das Ganze abläuft, merken ab sehr wohl, wie lange man auf einen Termin bei Handwerker*innen wartet. 

Es geht also gar nicht nur im KI?

KI macht meiner Meinung nur viele Themen sichtbar, die auch wir schon länger beobachten. Was ist passiert? Viele Menschen haben studiert, das hat zu einer Bildungsexplosion geführt. Lehrabschlüsse waren in den letzten Jahrzehnten weniger, es haben sich schlichtweg weniger Menschen für diesen Ausbildungsweg entschieden. Dazu kommt, dass die Boomer jetzt wirklich in Pension gehen, eine Generation, in der viele über einen Lehrabschluss verfügt haben, auch weil es die heutige Auswahl beim Hochschulstudium damals gar nicht gab. Und: Wir haben schlichtweg weniger junge Menschen als damals. 1980 gab es rund 190.000 15-Jährige in Österreich, 2025 waren es nur mehr ca. 103.000. Potenzielle Lehrlinge haben sich seit den 80ern quasi halbiert.

Was bedeutet das für unsere Gesellschaft?

Wir wissen jetzt: Es gibt viele Akademiker*innen, aber wir brauchen auch ganz viele Menschen, die unser Leben am Laufen halten: Tischler*innen, Friseur*innen, Installateur*innen. Mit den Boomern verabschieden sich österreichweit gut 700.000 Personen vom Arbeitsmarkt, es kommen viel weniger nach. Zum Beispiel gibt es viel weniger 15 Jährige als vor 30 Jahren, wir kriegen ja immer weniger Kinder. Zugleich sind die Ausbildungsmöglichkeiten vielfältiger.

Was ist die bessere Entscheidung? Lehre oder Studium?

Schwierige Frage, weil die passende Antwort für jeden Menschen anders ausfällt. Mit 15 Jahren eine wichtige Lebensentscheidung zu fällen, ist fast unmöglich. Was man aber als Tipp geben kann: Wenn ein Kind Talent und Interesse für einen Lehrberuf bereits mit 15 Jahren hat, empfinde ich persönlich das die Lehre aktuell der bessere Ausbildungsweg ist aufgrund der Durchlässigkeit im System stehen nämlich auch Lehrabsolventen die gleichen Weiterbildungsmöglichkeiten wie Schülern/Maturanten offen.

Habt ihr gewusst, dass die folgenden Berufe Lehrberufe sind? 

  • Sportadministration
  • Skibautechnik
  • Kunststofftechnologie
  • Mechatroniker*innen für Medizingerätetechnik
  • Fitnessbetreuung
  • Fassbinder*in
  • Keramiker*in
  • Harmonikamacher*in
  • Chocolatier/Chocolatière
  • Buchbindetechnik und Postpresstechnologie
  • Miedererzeuger*in 

Wie funktioniert Lehre mit Matura? Muss man sich da nicht zerreissen?

Grundsätzlich gilt: Es gibt kein Entweder/Oder. Lehre mit Matura gibt’s bei uns seit 2008 und diese Möglichkeit hat sich wirklich gut entwickelt. Das läuft so: Lehrlinge können bereits im erste Lehrjahr mit der Matura starten, viele warten allerdings aufs zweite Lehrjahr und nutzen das erste Jahr, um sich in die neue Situation einzufinden. Danach kommt ein Maturafach pro Jahr dazu. Also, im ersten Jahr „nur“ Mathe oder Deutsch, zum Beispiel. Das kann im Alltag dann z. B. so aussehen: Montag bis Donnerstag arbeiten im Betrieb und am Freitag Schule. Oder auch in Form von Abendschule. Die Matura ist als Berufsreife gleichgestellt wie jede andere Matura und ermöglicht den Zugang zu einem Studium. Mit dem Unterschied, dass man bereits einen Beruf erlernt hat. 

Lehre und Quereinstieg: Gefühlt wollen alle gerade Beruf wechseln. Geht Lehre auch für Personen, die nicht mehr 15 sind?

Das Durchschnittsalter der Lehr“an“fänger liegt bei knapp 17 Jahren.  Daran sehen wir deutlich: Die Lehrlinge starten bereits etwas später und nicht mehr standardmäßig mit 15 Jahren. Wir haben gemerkt, dass ganz viele Jugendliche z. B. eine AHS-Matura machen, weil sie mit 15 Jahren schlichtweg nicht wissen, was sie beruflich lernen wollen und dieser Ausbildungsweg ein neutraler ist. Aber: Auch nach der AHS-Matura ist eine Lehre ein super Zeitpunkt, vielleicht ist man sich der eigenen Interessen dann besser bewusst.

Und wenn man als Erwachsene*r nochmal in die Lehre starten möchte?

Auch für Erwachsene gibt es Wege in die Lehre, manchmal kann man Vorwissen anrechnen lassen bzw. auch in den Abschlussprüfungen andere Wege gehen, das muss man sich tatsächlich individuell anschauen. Hemmschwellen, von denen ich gehört habe, sind z. B. die Berufschule und dass Erwachsene es sich schwierig vorstellen, mit Jugendlichen gemeinsam die Schulbank zu drücken. Dazu muss ich sagen: Lehrlinge sind auch in der Arbeit viel mit Erwachsenen zusammen und haben durch ihre vielen Verantwortungen einen ganz anderen Umgang mit Erwachsenen. Davon sollte man sich nicht abschrecken lassen.

Fotos: wildbild/Herbert Rohrer

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