Aus dem Magazin

Gewalt im Rap: “Ich knock’ die Bitch weg”

Zwischen Identitätsstiftung und harten Texten.

Fernand Hörner ist Professor an der Hochschule Düsseldorf und beschäftigt sich wissenschaftlich mit Rap. Wir haben mit ihm über Gewaltverherrlichung, Sexismus und kulturelle Allesfresserei gesprochen.

Interview: Marlene Mayböck

Deutschrap beinhaltet zum Teil sehr obszöne Textstellen. Warum hören Menschen diese Musik?

Das ist eine komplizierte Frage ganz zu Beginn, die jede*r für sich selber beantworten sollte. Am Ende kommt es darauf an, wie ernst die Texte von den Hörerinnen und Hörern genommen werden, was natürlich als Entschuldigung für die obszönen Textstellen gesehen werden kann. Grundsätzlich gibt es ja diese Tradition durch Wortwitz, Schlagfertigkeit und Flow, seine Skills und Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Die Leute hören diese Musik, um Spaß zu haben. Es gibt aber auch Deutschrap mit tiefgründigeren Texten. Das ist wahrscheinlich auch dem kulturellen Hintergrund der Hörer*innen offengelassen, für welche Sparte sie sich entscheiden. Ich glaube aber auch, dass das alles relativ homogen ist: Gebildete Leute hören sich einen geistreicheren Rap an, als Menschen mit niedrigerer Bildung, die sich dem eher weniger geistreichen Rap zuwenden.

Lässt sich das wirklich nur über Bildung erklären?

Da treffen zwei Faktoren aufeinander. Erstens ist es eine Frage des Alters. Als Teenie findet man es natürlich ganz faszinierend, wenn jemand krasse Wörter nennt. Das kenne ich auch von meinen eigenen Söhnen. Zweitens ist es eine gruppenspezifische Sache. Beispielsweise spricht – meiner Vermutung nach – die Musik eines Rappers mit russischstämmigem Hintergrund auch genau die Leute an, die ebenfalls russische Wurzeln haben. Capital Bra, der dann auch sagt er sei „der Putin des Raps“ bietet eine Identifikationsmöglichkeit für manche Hörer*innen und das entspricht einem Aufstiegsdenken. Das ist ja im Speziellen bei Jugendlichen sehr verbreitet. Das gleiche Phänomen sehen wir auch bei Influencern. Da steckt die Idee dahinter „Ich werde reich für irgendwas, für was ich nichts tun muss und nur weil ich so toll rappe, oder so ein toller Influencer bin, trage ich irgendwelche Luxusklamotten“.

Dient Rap also als eine Art Ideologie für Jugendliche?

Ja genau, das ist sozusagen eine turbokapitalistische Ideologie. Ein sehr schneller Aufstieg.

Neben Gewaltverherrlichung wird durch manche Formen des Raps die Übermittlung eines sexistischen, homophoben oder frauenfeindlichen Bildes gefördert. Warum findet genau das bei den Menschen Anklang?

Ja, das ist eine gute Frage. Dass Gewalt verherrlicht wird, liegt vielleicht auch wieder an dieser Logik der neuen Medien. Dass das Spektakuläre die Leute mehr in den Bann zieht, als das Unspektakuläre, Ausgeglichene oder Subtile. Sexismus im Rap hängt vielleicht auch mit der Geschlechterzugehörigkeit zusammen. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, nicht viele Mädchen hören sich so etwas an, was ja auch total verständlich ist. Bleibt natürlich die Frage, warum sich die Jungs das anhören und das auch okay finden. Etwas kritischer gedacht, könnte man aber auch sagen, dass gerade, weil sie es sich anhören, sich etwas in ihrem vorhandenen Geschlechterbild ändert. Das ist ja auch ein gesamtgesellschaftliches Phänomen: Zumindest in Teilen der Gesellschaft passiert ein Rollback, sprich Rückschritt, zu traditionellen Geschlechtermustern.

Das sieht man beispielsweise in Ungarn, wo Institute für Genderforschung geschlossen werden. Ich glaube auch, dass die Gesellschaft immer stärker gespalten wird. Da gibt es die #MeToo-Debatte und die Leute, die nicht damit einverstanden sind. Wahrscheinlich öffnet sich die Schere immer weiter. Das ist auch bei dem Thema Umwelt ersichtlich: Es gibt die, die für Fridays für Future auf die Straße gehen und ganz vehement dafür demonstrieren, aber auch die, die sagen, dass es keinen Klimawandel gibt oder es einfach egal sei.

Deutschrap
© Eib Eibelshäuser

Kann man sagen, dass der Hype für Deutschrap in den letzten Jahren größer geworden ist?

Es gab tatsächlich vor ein paar Monaten einen Skandal, wo jemand aus der Musikindustrie gezeigt hat, wie diese Zahlen manipuliert werden. Und ich glaube auch tatsächlich, dass der Hype für Rap hochgekocht wird. Sowohl die Zugriffe auf Streaming-Diensten, wie Spotify, als auch die Zugriffe auf YouTube. Die Zahlen werden verfälscht, indem Aufrufe künstlich erzeugt werden. Natürlich war früher das Manipulieren für Plattenfirmen viel einfacher, indem sie einfach sagten, wie viele Platten sie verkauft hätten oder nicht. Also schwer zu sagen, ob heutzutage so viel mehr Leute Deutschrap hören. Das ist schwer empirisch überprüfbar. Ich habe diesen Verdacht, dass es heute leichter ist, einen Hype auszulösen und das ist natürlich auch die Logik von diesen Streaming-Diensten und dem Algorithmus. Es wird immer das angeboten, was alle hören und dann verstärkt sich das automatisch. Der Eindruck bleibt, dass es sich um eine Blase handelt, die dann logischerweise irgendwann platzt.

Ist es möglich, dass Deutschrap Menschen zusammenschweißt?

Das kommt wirklich ganz auf die Texte an. Es gibt ja genug versöhnliche Lyrics im Deutschrap. Musik dient grundsätzlich der Identitätsbildung und das ist in der Forschung auch schon lange klar. Auch klar ist, dass diese ultimative Verbindlichkeit zur Musik für eine Zugehörigkeit einer Subkultur viel weniger stark ist als früher. Was ich damit sagen will ist, dass man früher Hippie, Punk, oder Rocker war und dann war auch ganz klar welchen Lebensstil man zu führen hat, aufgrund der Musik die man hört. Heutzutage ist das – zumindest glaube ich das – eher ein Phänomen dieser kulturellen „Allesfresserei“. Deswegen bin ich mir auch gar nicht sicher, wie lebensstilprägend so eine Zugehörigkeit zum Rap tatsächlich ist.

Wichtig ist vor allem, ob die Leute die Musik nebenbei hören und es nur so ein kleiner Teil ihrer Identität darstellt oder ob sie wirklich denken, dass sie jetzt selber kleine Gangsta-Rapper sind. Da muss man auch noch einmal ganz klar zwischen Jugendlichen und Erwachsenen differenzieren. Jugendliche probieren natürlich ganz viele Identitäten aus, die in der Regel dann auch wieder verworfen werden und etwas Neues kommt. Jedoch glaube ich nicht, dass ein Erwachsener Gangsta-Rap hört und sich in dem Sinne musikalisch identifiziert, wie man das halt früher als Punker oder Hippie oder noch früher als Hip-Hopper gemacht hat.

Zu guter Letzt eine persönliche Frage: Hören Sie selbst auch Deutschrap?

Ja, ich höre auf jeden Fall Deutschrap. Aber – und das können Sie sich vielleicht auch schon denken – jetzt nicht unbedingt den üblen Gangsta-Rap, sondern durchaus nette und humorvolle Bands. Und dann habe ich ja auch noch meine zwei Söhne. Da schauen wir, dass wir eine Schnittmenge finden, die entweder krass oder cool ist, aber auf keinen Fall sexistisch oder gewaltverherrlichend. Das ist auch Aufgabe der Eltern zu sagen, dass man das nicht möchte.

Was ist eure gemeinsame Schnittmenge?

Das ist zum Beispiel die Band aus Berlin namens SDP oder Antilopen Gang aus der Gegend von Düsseldorf. Gerne hören wir auch kommerzieller Sachen, wie beispielsweise Mark Forster oder Clueso, was eigentlich fast kein Rap mehr ist.


Titelbild: Photo by aiden marples on Unsplash