Geschwister in Salzburg
Aus dem Magazin

Geschwister: Was uns verbindet, warum wir uns hassen

Mögt ihr oder hasst ihr eure Geschwister?

Geschwister gehören zu den ersten Menschen, die uns beeinflussen und zu den Menschen, mit denen wir am längsten verbunden sind. Und doch liegen in keiner Beziehung Hass und Liebe so nah beieinander. Was ist es, das diese Verbindung so besonders macht? Wir haben uns auf die Suche nach Antworten begeben.

Kaum ein Mensch bekommt in unserer Kindheit und Jugend einen besseren Einblick in unsere Stärken und Schwächen, kennt unsere Hochs und Tiefs so genau wie unsere Geschwister – besonders, wenn der Altersunterschied sehr gering ist und wir gemeinsam aufwachsen. Das erlebt auch die 23-jährige Paula so. Sie hat eine besonders innige Beziehung zu ihrer genau 365 Tage jüngeren Schwester Betty. „Wir sind uns sehr nahe, vertrauen uns gegenseitig und wissen, dass wir uns immer aufeinander verlassen können, wenn es darauf ankommt“, beschreibt Paula ihre Beziehung zur jüngeren Schwester. Konfliktfrei ist das Verhältnis trotzdem nicht. „Wir sind beide ziemliche Sturköpfe und dazu noch total unterschiedlich. Manchmal macht sie mich echt wahnsinnig“, erzählt Paula. Wenn ein Streit eskaliert, passiert es, dass sie mehrere Tage kein Wort miteinander wechseln.

Mit ihrer Hass-Liebe sind Paula und Betty keine Einzelfälle. Besonders oft kracht es laut dem Psychologen Jürg Frick bei Geschwistern, die ein geringer Altersunterschied trennt. In seinem Buch Ich mag dich – du nervst mich! Geschwister und ihre Bedeutung für das Leben schreibt er, dass ein geringer Altersunterschied zwar zu besonders innigen Beziehungen führt, aber auch der Grund dafür ist, dass es ständig Konflikte gibt. Geschwister, zwischen denen mehrere Jahre liegen, streiten sich dagegen nicht so häufig, dafür ist die Beziehung oft distanzierter.

Plötzlich heißt es: großer Bruder

So ist das auch bei Mihajl und Djordje, die ganze acht Jahre auseinander liegen. Mihajl erinnert sich noch genau an die erste Begegnung mit seinem Bruder. „Anfangs war es ein ziemlicher Schock für mich. Ich habe sogar geweint, als meine Mama mir mitgeteilt hat, dass sie schwanger ist“, erinnert er sich. Eine Reaktion, die völlig normal ist. Das älteste Kind steht in der Regel im Mittelpunkt und genießt ungeteilte Aufmerksamkeit. Die Geburt des neuen Geschwisters führt zum sogenannten Entthronungs-Erlebnis: dem Empfinden, die ungeteilte Zuwendung und Liebe zu verlieren. Ein Zustand, der von Kind zu Kind, mal länger, mal kürzer andauert und sich unterschiedlich auf die Entwicklung des Erstgeborenen auswirken kann. Bei Mihajl hat diese Phase nicht allzu lange angedauert, er gewöhnte sich relativ schnell an seinen Bruder. Spielgefährten wurden die beiden trotzdem nicht: Der Altersunterschied war zu groß, die Interessen der Kinder deshalb zu unterschiedlich. Beide waren anderen Einflüssen ausgeliefert.

Laut Forschungen nimmt der oder die Erstgeborene oft die Rolle des Lehrers für die Jüngeren ein.

Während der ältere Bruder seine ersten Lebensjahre mit beiden Elternteilen in Bosnien verbrachte, wuchs Nachzügler Djordje ohne den Vater auf, der nicht mit nach Österreich übersiedelt war. Das beeinflusste die Beziehung zu seinem großen Bruder zusätzlich. Mihajl war nicht nur die Hauptbezugsperson für den kleinen Bruder, sondern stellte neben der Mutter auch eine Art Autoritätsperson dar. Ungewöhnlich ist das nicht: Laut Forschungen nimmt der oder die Erstgeborene oft die Rolle des Lehrers für die Jüngeren ein. Es spielen also viele Faktoren zusammen, wenn es um die Beziehung zwischen Geschwistern geht.

Same same but different

Doch selbst wenn Geschwister unter sehr ähnlichen Rahmenbedingungen groß werden, können sie sich unterschiedlich entwickeln. Das lässt sich auch bei Paula und Betty beobachten. Paula ist ein Freigeist. Sie hält es nie lange an einem Ort aus, ist ständig auf Reisen und verlässt häufig ihre Komfortzone. Ihre jüngere Schwester ist das genaue Gegenteil. Die 22-Jährige ist bereits verheiratet, lebt sehr religiös und erwartet ihr erstes Kind. Sie führt ein völlig anderes Leben, hat völlig andere Hürden zu meistern. Der rätselhaften Frage, warum zwei Menschen mit dem selben Erbgut so unterschiedliche Wege gehen, sind die Forscher Judy Dunn und Robert Plomin von der University of Pennsylvania nachgegangen. Dabei sind sie zum Ergebnis gekommen, dass die Unterschiede zwischen Geschwistern oft ausgeprägter, sind als die Gemeinsamkeiten. Denn sämtliche biologische Anlagen sind immer und von Anfang an Umwelteinflüssen ausgesetzt. Viele komplexe Faktoren spielen zusammen, wenn es um die Persönlichkeitsentwicklung geht. Ein maßgeblicher Punkt ist das Thema Wahrnehmung. So kann es sein, dass Geschwister ein und dieselbe Situation völlig unterschiedlich erleben. Was der eine gar nicht mitbekommt, kann für den anderen wie eine grobe Ungerechtigkeit wirken. Aber auch der Einfluss von Freund*innen und Schulkolleg*innen trägt zur Persönlichkeitsentwicklung bei. Ob ein Kind in seiner Schulklasse Mobbingopfer oder Klassenliebling ist, verändert das Selbstverständnis und die Beziehung zu den Geschwistern.

Wenn aus Geschwistern Feinde werden

Die meisten Geschwisterpaare kommen mit diesen Unterschieden gut zurecht. Viele schätzen sie sogar. „Mein kreativer Bruder” oder „Meine intelligente Schwester” heißt es dann stolz. Doch die Differenzen können auch zum Zerwürfnis führen. Wir alle kennen das eine Geschwisterpaar, das sich seit Jahren nicht mehr leiden kann, ja beinahe hasst. Ein Zerwürfnis zwischen Geschwistern kann viele Gründe haben. Oft spielen die Eltern eine zentrale Rolle. Durch gefühlte oder tatsächliche Bevorzugung oder Benachteiligung eines Geschwisters und ständiges Vergleichen kommt es zu Rivalitäten, die aus Geschwistern Feinde werden lassen. Ein Zustand, der nicht für immer so bleiben muss.

Eins jedoch steht fest: Geschwister prägen uns fürs Leben. Laut Ergebnissen in der Geschwisterforschung sogar genauso stark, wie unsere Eltern.

Jürg Frick hat in seinem Buch ein paar Tricks parat, um das Verhältnis zu Geschwistern wieder zu kitten. Dazu ist es wichtig, dass sich die Geschwister ein eigenes Umfeld aufbauen, in dem sie Selbstbestätigung finden und ihre eigene Identität entfalten können. Durch räumlichen oder zeitlichen Abstand kann ein Neuanfang gelingen. Wichtig ist dabei, so wie in jeder Beziehung, dass beide Geschwister sich mit Offenheit begegnen und den Kontakt pflegen. So kann selbst im Erwachsenenalter die Beziehung wieder sehr eng werden, trotz jahrerlanger Distanz. Eins jedoch steht fest: Geschwister prägen uns fürs Leben. Laut Ergebnissen in der Geschwisterforschung sogar genauso stark, wie unsere Eltern. Wir lieben und hassen unsere Geschwister, wir vertrauen einander, konkurrieren und streiten miteinander, vertragen uns wieder und haben eine Bindung zueinander, die einzigartig ist. Wenn wir uns bemühen und alles gut läuft, dann haben wir mit unseren Geschwistern Menschen an unserer Seite, die uns bis ans Lebensende begleiten.


Dieser Text ist zuerst im QWANT. Magazin (Ausgabe 2/2018) erschienen. Das QWANT. könnt ihr kostenlos abonnieren.

Sasa Sretenovic

Halbtags-Salzburger, Möchtegern-Germanist und Beyoncé-Liebhaber. Sasa verehrt nicht nur Salzburg bei Nacht, Thomas Bernhard und die Göttin des R&B, sondern schreibt auch gerne darüber. Und bei Fräulein Flora darf er das. Mode und Menschenrechte dürfen dabei auch nicht zu kurz kommen.