Generation Porno_Illustration Julia Aichinger
Aus dem Magazin

Generation Porno

Wenn die Pornoindustrie unsere Sexualerziehung übernimmt

M. liegt auf dem Rücken. Ihre Beine sind weit gespreizt, ihr Mund ist leicht geöffnet. Vor ihr steht L. Er fragt sie, ob sie gefickt werden möchte. Ihre Antwort ist ein Stöhnen. Sie beißt sich auf die Unterlippe und leckt mit ihrer Zunge dann über ihre Oberlippe. Er dringt in sie ein. Ohne Vorspiel. M.s Brüste wippen im Takt auf und ab. „Oh yes, oh yes!“ Man weiß nicht genau, ob sie gleich kommt oder schon fünf Mal gekommen ist. L. knetet ihren Busen und sagt ihr immer wieder, dass sie so versaut ist. Dann dreht er sie um. Die Kamera ist auf M.s Vagina gerichtet. L. nimmt sie hart von hinten. Ohne Kondom. Er stöhnt und kommt. Fontänenartig schießt das Sperma durch die Gegend. Er verteilt es auf M.s Po. Ende.

Text: Sinah Edhofer, Illustration: Julia Aichinger

Pornoszenen wie diese schockieren heutzutage kaum jemanden mehr. Jeder Mensch hat schon mal einen Porno gesehen. Viele Pornoseiten sind ohne Altersbeschränkung kostenfrei zugänglich – für alle. Auch für sehr junge Menschen, die gerade erst dabei sind, ihre eigene sexuelle Identität zu finden. Junge Menschen, die oft mit niemandem über Sex reden können. Deren einzige Informationsquelle der meist lieblos gestaltete und unglaublich peinliche Sexualkundeunterricht in der Schule ist. Viele Menschen beziehen deshalb ihre sexuelle Bildung also aus Quellen, die ihnen gratis, möglichst einfach und anonym zur Verfügung stehen.

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Bei manchen der unzähligen Gratisfilme auf YouPorn, Pornhub und Co. vergeht beim Lesen des Titels die Lust. Für manche Menschen ist das aber genau das Reizvolle. Unzählige Kategorien (Interracial, Lesbian, Reife Frauen, Shemale, Creampies) liefern Millionen Filme für jeden Geschmack. Aber welchen Einfluss haben jene Filme, die harte, gewaltverherrlichende, frauenfeindliche Sexszenen beinhalten, auf das Sexualverhalten junger Menschen?

Ich höre mich in meinem Bekanntenkreis um: Die meisten in meinem Umfeld haben ihre ersten Pornofilme mit 13 gesehen. In dem Alter hatten viele von ihnen aber noch keinen Sex, erfahre ich. „Die Neugier war groß und geschaut hat’s irgendwie jeder“, erzählt mir meine Freundin Laura*. Nach dem Schauen ihres ersten Pornos, so Laura, fühlte sie sich schmutzig. Es war ein Film mit einer Frau, die so lange penetriert wurde, bis sie blutete. Das, was sie da sah, hat sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, erzählt sie. „Wir haben das alle geschaut. Ich hatte mein erstes Mal mit 14 und ich glaube, es war deshalb so bald, weil ich von den Pornos so beeinflusst war.“ Den ersten Sex, den sie dann wirklich genießen konnte, hatte sie erst mit Mitte 20.

Julia Aichinger-Generation Porno

In den meisten Pornos wird nicht wirklich geschmust, man streichelt einander nicht, über das Thema Verhütung wird gar nicht geredet. Dabei sind Intimität, Nähe und Gesundheit beziehungsweise Verhütung grundsätzlich Themen, die man vor einer sexuellen Interaktion aufeinander abstimmen sollte. „Viele Pornofilme funktionieren ganz nach dem Motto ‚Intensität statt Intimität“, so der Wiener Beziehungstherapeut Christian Beer (wienercouch.at). Sex wie im echten Leben sucht man auf vielen Pornoseiten vergeblich. Es scheint, als ob Blümchensex nur was für Spießer ist, für Langweiler. Je versauter, desto besser. Je härter und tiefer, desto intensiver die Orgasmen – so wird einem Sex durch Mainstream-Pornografie verkauft.

„In Gesprächen kommt immer wieder raus, dass viele Menschen sehr unrealistische Vorstellungen haben, die durch Pornos getriggert werden“, so Beer. „Es geht nur um Intensität. Jungen Leuten wird dadurch oft vermittelt, dass die ärgsten Praktiken jedem Spaß machen. Dass sämtliche Extremitäten in alle Körperöffnungen reingeschoben werden müssen“, erklärt der Therapeut. Dadurch geraten nicht nur junge Männer, sondern auch Frauen immer mehr unter Druck: „Fast in jedem Porno kommt der Punkt, an dem Analverkehr stattfindet. Wenn ein Bursche mit 13 sowas immer wieder sieht und der dann seine Freundin damit konfrontiert, kann das für beide ein Schreckmoment sein.“

Dazu kommt, dass völlig unrealistische Rollenbilder vermittelt werden: Vom Mann, der dauergeil ist und immer kann, bis zur Frau, die als Lustobjekt herhalten muss. Wer sich ohnehin schon schwer tut, über Sex zu reden, wird mit seiner Ratlosigkeit und der Fülle an Pornomaterial im Internet alleingelassen. „Ein Problem entsteht dann, wenn eine Art Identifikation mit den Darsteller*innen in Pornos passiert und deren Rolle auf das eigene Leben überschrieben wird“, so Beer.

Sexualität kann man nicht lernen, aber man kann das Verhalten übernehmen.

Bei Pornografie leben viele Menschen im fremden Selbst, übernehmen andere Rollen, weil die eigene noch nicht genug ausgebildet ist, erklärt mir Christian Beer. „Wenn man sehr jung ist und einen leichten Zugang zu Pornos hat, passiert das schnell“, so der Therapeut. Dann wird oft vergessen, dass es beim Sex, vor allem in einer Beziehung, nicht nur um Befriedigung der eigenen Bedürfnisse durch den anderen geht. Sexualität kann man nicht lernen, aber man kann das Verhalten übernehmen. „Die rein körperliche Darstellung des Sexualakts kann wesentliche Aspekte wie Begehren, Liebe, Lust, Vertrauen, seelische Hingabe und Emotionen nicht wiedergeben und reduziert die Sexualität auf eine rein animalische Ebene“, erklärt Dr. Michaela Bayerle-Eder von der MedUni Wien. „Ich hatte Patienten, die über vermeintliche Erektionsstörungen geklagt haben, weil sie es nicht schaffen, 30 Minuten lang eine Erektion zu haben“, so die Medizinerin.

Junge Frauen fragen nach Schmerzmitteln, um Analverkehr auszuhalten, da sie Analverkehr für „absolut wichtig halten“ und nicht wissen, dass dazu ein sanftes Herantasten nötig ist, so die Medizinerin.

Junge Frauen fragen nach Schmerzmitteln, um Analverkehr auszuhalten, da sie Analverkehr für „absolut wichtig halten“ und nicht wissen, dass dazu ein sanftes Herantasten nötig ist, so die Medizinerin. „Die Menschen, die in der Adult-Movie-Industrie arbeiten, nehmen ja selber oft Medikamente, um keine Schmerzen zu haben und Erektionen zu verbessern.“ Uns wird also eine Viagra unterstützte Sexwelt vorgestellt, die mit Klischees und extremen Rollenbildern arbeitet und viele Menschen dann ratlos zurücklässt: Ist das jetzt normal? Muss man das so machen? Muss man es IMMER so machen? „Wichtig ist, dass jeder nur das machen sollte, was einem selbst Spaß macht. Und nicht, was man in einer Pornowelt vorgespielt bekommt“, so Bayerle-Eder. Klar, Pornografie kann anregend sein. Studien zeigen, so Bayerle-Eder, dass Frauen, die einen leichten oder mäßigen Pornokonsum haben, weniger Sexualfunktionsstörungen haben.

Man vermutet, dass sich diese Frauen besser mit ihrem Körper auskennen. Dass sie wissen, was ihnen gefällt und was nicht. Sie sind aufgeschlossener und das, so Bayerle-Eder, sei oft besser für die Partnerschaft. Bei Männern könne ein hoher Pornokonsum negative Effekte auf eine Beziehung haben, wenn dabei die Partnerin nicht einbezogen werde. Die Gefahr besteht, dass das Verhalten der Pornodarsteller* innen im echten Leben imitiert wird.

„Manchmal denke ich mir, ’Hey, ich würde einfach nur gern in der Missionarsstellung mit dir schlafen’ und sie verlangt gleich, dass ich auf ihrem Gesicht komme.“

Aber nicht jede Frau und jeder Mann findet Porno-Behavior im eigenen Schlafzimmer immer super. „Die Mädels werden immer ärger. Ich bin immer wieder erstaunt darüber, was junge Frauen gleich alles machen wollen“, erzählt mir ein Bekannter bei einem Bier. „Manchmal denke ich mir, ’Hey, ich würde einfach nur gern in der Missionarsstellung mit dir schlafen’ und sie verlangt gleich, dass ich auf ihrem Gesicht komme.“

Sex ist Kommunikation. Dessen sollte man sich bewusst werden. Als junger Mensch, als Erziehungsbeauftragte* r, als Lehrer*in, als Medium. Die sexuelle Kompetenz eines jungen Menschen gänzlich der Pornoindustrie zu überlassen, ist gefährlich. „Es ist, wie mit allem, eine Frage der Dosis“, so Bayerle-Eder. „Wenn man Pornografie in Maßen konsumiert, kann es animierend sein. Aber es deutet schon auf ein krankhaftes Verhalten bin, wenn jemand fünf bis acht Stunden täglich Pornos schauen muss.“ Die Reizschwelle wird durch einen hohen Pornokonsum verändert. Dann bedarf es immer neueren, immer extremeren Reizen, um den gewohnten, gewollten Effekt zu erzielen. Reize, die im echten Leben, bei echtem Sex mit echten Menschen dann oft nicht mehr ausreichen. Dann können Sexualfunktionsstörungen auftreten – auch bei jungen Menschen.

Über Sex zu reden ist also wichtig. Auch, wenn es manchmal unangenehm ist, sollte man den Partner *innen deutlich sagen, was man möchte und was man nicht möchte, was einem wehtut und wenn man sich bei einer Praktik nicht wohlfühlt. Nur dann kann man Sex auch wirklich genießen.

* Name von der Redaktion geändert.

Dieser Artikel ist zuerst im QWANT. Magazin, Ausgabe 2/2018 erschienen.