Aus dem Magazin

Frauen am Berg: Gegen alle Widerstände

Was sich bergsteigende Frauen anhören mussten

Sie wurden belächelt, ausgegrenzt oder gedemütigt. Und gingen trotzdem ihren Weg. Erstmals widmet sich nun eine Ausstellung den Leistungen von Frauen im Bergsport.

„WEIBER TAUGEN WOHL ZU NICHTS WENIGER ALS ZU ENTDECKUNGSREISEN.“

Mit diesen Worten bedachte der Theologe Johann Georg Friedrich Papst 1788 den Tatendrang seiner Zeitgenossinnen – und war mit seiner Meinung keineswegs alleine: Schließlich galt es im 18. Jahrhundert als unsittlich, wenn Frauen die ihnen zugedachte Rolle als Mutter und Ehefrau verließen. Das Bergsteigen machte da keine Ausnahme.

Die ersten Frauen am Großglockner-Gipfel

Und trotzdem gab es schon im 18. und 19. Jahrhundert mutige Frauen, die sich den herrschenden Konventionen widersetzten und allen Hindernissen zum Trotz ihrer Leidenschaft für die Natur folgten. So erreichten vor genau 150 Jahren gleich zwei Frauen zum ersten Mal den Gipfel des Großglockners. Am 24. Juli 1869 trug sich die Englische Bergpionierin Mary Whitehead ins Gipfelbuch ein. Nur wenige Wochen später beklomm die Salzburgerin Anna von Frey den höchsten Punkt des heutigen Österreichs.

Foto: Franz Neumayr/ Grohag

Bergsteigen: Auch bei Frauen ein Elitesport

Was beide Frauen vereinte, war nicht nur die Liebe zum Berg, sondern auch ihr wohlhabender Hintergrund. Schließlich war der Bergsport und das Reisen den oberen Gesellschaftsschichten vorbehalten. Von den alltäglichen Gipfelsiegen der Einheimischen nahm die offizielle Geschichtsschreibung keine Notiz – was nicht bedeutet, dass sie nicht existierten. Denn für viele einheimische Frauen war das Begehen der Berge ganz alltäglich. Sie verdienten ihren Lebensunterhalt als Sennerin, als Botin, als Schmugglerin oder als Ehefrau eines Bergführers oder Hüttenwirtes. Bis heute kennt man in Heiligenblut die „Glocknerfrau“ Sidonia Schmidl, die bereits im Jahr 1857 den Gipfel bezwungen haben soll. Damit wäre ausgerechnet eine einfache Bauerntochter aus der Region die erste Frau am Gipfel. Belege gibt es dafür allerdings keine. Stattdessen hält sich das Gerücht, die „Glocknerfrau“ wäre von ihren eifersüchtigen männlichen Begleitern ohne ihr Wissen auf einen tiefer gelegenen Gipfel geführt worden.

Auf die Berge, allen Hindernissen zum Trotz

Doch egal ob arm oder adelig: Was alle Frauen am Glockner eint, ist ihr Mut und ihre Bereitschaft, gesellschaftliche Hürden zu überwinden. Sie mussten nicht nur alpinistische Höchstleistungen vollbringen, sondern auch dem gesellschaftlichen Gegenwind standhalten. Und der bließ mitunter heftig: „Sieh zu, dass sie mit dem Klettern aufhört. Sie erregt Skandal in Ganz London und sieht aus wie ein roter Indianer“, schrieb etwa eine gewisse Lady Bentinck an die Mutter der legendären Bergpionierin Elizabeth Main. Oft war gar von einer „Störung des Geschlechtscharakters“ die Rede. Sport würde Frauen vermännlichen und die weibliche Identität gefährden. Eine Einstellung, die sich vielerorts bis ins 20. Jahrhundert hielt und auch heute noch in einigen Köpfen herumspukt. So manche Sportlerin wird die Worte der US-Bergsteigerin Annie Peck verstehen, die 1911 am Gipfel des Coropunas die Votes-for-Women Flagge hisste und meinte: „Wenn eine Frau eine Expedition organisiert, ist eine der größten Schwierigkeiten, dass, ungeachtet ihrer Erfahrung, jeder Mann glaubt, es besser zu wissen als sie”.

Zu kämpfen hatten die Frauen allerdings nicht nur mit starren Rollenbildern, sondern auch mit der Ausrüstung. Wer die alten Fotos und Zeichnungen betrachtet, der wundert sich, wie die Bergpionierinnen in Reifröcken und Blusen überhaupt ihre herausfordernden Bergpartien in Angriff nehmen konnten. In manchen Fällen mussten sie geeignete Kleidung für ihre Abenteuer selbst herstellen, bis schließlich der gesellschaftliche Wandel langsam auch den Frauen das Tragen von Hosen erlaubte.

Foto: Franz Neumayr/ Grohag

Von Ausgrenzung und Widerständen im Alltag

Besonders tragisch ist die Geschichte der Österreichischen Bergpionierin Grete Rieder-Großmann. In den 1930er-Jahren zählte die halbjüdische Sportlerin zu den besten Felskletterinnen ihrer Zeit. Doch der Antisemitismus und Rassenwahn machte auch vor dem Bergsport keinen Halt: Ihr Vater wurde von den Nazis ermordet, der Ehemann ließ sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten schleunigst scheiden. Die gesellschaftliche Ächtung zwang Rieder-Großmann in der Folge immer öfter, alleine zu klettern. Das änderte sich auch nach dem Ende des 2. Weltkrieges nicht. 1948 kam sie im Alleingang zu Sturz und starb.

Für Salzburger*innen spannend ist dagegen die Geschichte von Helma Schimke. Die gebürtige Seekirchnerin gehörte in den 1950er und 60er-Jahren zu den besten Bergsteigerinnen der Welt. Daneben sorgte sie als alleinerziehende Mutter nach dem Tod ihres Mannes für drei Kinder und arbeitete erfolgreich als Architektin. Sie verstarb 2018 im Alter von 92 Jahren und ist am Salzburger Kommunalfriedhof begraben.

Neue Ausstellung zu Frauen am Berg

Vom langen Weg zur Anerkennung der Alpinistinnen erzählt seit Frühling 2019 die Ausstellung Berg, die auf der Kaiser-Franz-Josefs-Höhe der Großglockner Hochalpenstraße. Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt, jährt sich 2019 doch zum 150. Mal die erste Glocknerbesteigung durch eine Frau. Auf spannende und unterhaltsame Weise beleuchtet sie die herausragenden Leistungen von Frauen am Berg und deckt so manchen Mythos auf. Bei einem interaktiven Quiz können die Ausstellungsbesucher ihre eigenen Vorurteile überprüfen.

„ICH GEHE MEINEN WEG UND ICH GLAUBE, DAS TUN VIELE FRAUEN”

Bei der Eröffnung im Juli 2019 war auch Gerlinde Kaltenbrunner vor Ort. Sie hat als erste Frau alle Achttausender der Welt ohne Sauerstoffflasche bestiegen und gilt als eine der besten Alpinistinnen der Welt. Auch sie erinnert sich an Vorurteile auf Grund ihres Geschlechts – vor allem zu Beginn ihrer Laufbahn. Im Rahmen der Ausstellungseröffnung erzählt sie von ihren eigenen Erfahrungen: „Am Anfang habe ich das sehr wohl gespürt. Da ist es uns Frauen nicht zugetraut worden, dass wir dieselben Leistungen erbringen können, wie die männlichen Kollegen. Mittlerweile erlebe ich das nicht mehr. Ich gehe meinen Weg und ich glaube, das tun viele Frauen. Wenn man etwas wirklich von Herzen und von innen heraus will, darf man sich nicht beirren lassen. Auch wenn der ein oder andere immer noch meint, dass das nichts für
Frauen ist.”


Dieser Text ist zuerst im aktuellen QWANT. (Ausgabe Winter) erschienen.

Matthias Gruber

Matthias Gruber ist ein Ur-Salzburger, der auszog, um Italien und Wien zu erobern. Gern ist er wieder zurückgekommen und macht für das Fräulein Flora wunderschöne Fotos der “Nicht-Nur-Mozartstadt”, die von witzigen Texten begleitet werden.