Die Einäscherungshalle in Salzburg
Aus dem Magazin

Da brennen Menschen

Wer sich in Salzburg für eine Feuerbestattung entscheidet, wird Kund*in der Feuerhalle auf dem Kommunalfriedhof. Wir haben uns im Krematorium umgesehen.

Text: Lisa-Viktoria Niederberger, Fotos: Jasmin Walter

“Wir machen kein Geheimnis aus dem, was wir hier tun”, sagt Friedhofsverwalter Manfred Obermair, als wir im Foyer des Krematoriums Schutz vorm herbstlichen Regen suchen und uns von ihm in die Sterbestatistik einführen lassen: Bis zu 3.500 Tote werden hier jedes Jahr verbrannt. Allerdings stammen nur rund 1.000 aus der Stadt Salzburg, die anderen kommen etwa aus Bayern oder der Steiermark. Eine Faustregel besagt, dass ca. ein Prozent der Stadtbevölkerung pro Jahr stirbt. Davon entscheiden sich mittlerweile 70 Prozent für eine Feuerbestattung. Manfred Obermair nennt verschiedene Gründe für die steigende Beliebtheit der Einäscherung: Unsere Gesellschaft ist im Wandel. Ändert sich das Leben, ändert sich auch die Sterbekultur, das Umgehen mit dem Tod und der eigenen Vergänglichkeit. Die Großfamilien von früher sind abgelöst von Kleinfamilien oder Singlehaushalten und auch die Tradition des Am-Friedhof-Gehens wird seltener. Die Einäscherung minimiert die Grabpflege und spart Geld. Ein Grab muss im Gegensatz zu einer Urnennische alle zehn Jahre neu bezahlt werden. Mittlerweile haben wir den Eingangsbereich der Feuerhalle verlassen und sind in jenem Teil angekommen, in dem die tägliche Arbeit der Krematoriumswärter stattfindet.

Eine Faustregel besagt, dass ca. ein Prozent der Stadtbevölkerung pro Jahr stirbt.

Privatpersonen wie wir haben hier üblicherweise keinen Zutritt. Wir stehen in einem Kühlraum mit verschließbaren Nischen in der Wand, wie wir sie aus Kriminalsendungen im Fernsehen kennen. Hier werden die Körper der Verstorben nach ihrer Anlieferung bis zum Tag ihrer Einäscherung aufbewahrt. Zwischen dem Sterbezeitpunkt und der Einäscherung müssen laut gesetzlicher Vorgabe mindestens 48 Stunden vergehen, um den Scheintot ausschließen zu können.

Die Einäscherungshalle in Salzburg

Wir setzen unseren Rundgang fort und erreichen das Herzstück der pagodenartigen Halle: die bei den Verbrennungsöfen. Sie laufen von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr abends. Das Personal arbeitet im Zweischichtbetrieb, im Schnitt finden 16 Verbrennungen pro Tag statt. Entgegen der hartnäckigen Gerüchte wird jede*r Verstorbene einzeln eingeäschert und zwar in jenem Sarg, in dem er oder sie vom Bestatter angeliefert wurde. Während der Verbrennung befindet sich auch ein feuerfester Schamottstein im Sarg, auf dem die Nummer der Aschekapsel notiert ist. So ist auch Jahre später noch nachvollziehbar, um wessen Asche es sich handelt und Verwechslungen können ausgeschlossen werden.

Was nach der Verbrennung vom Menschen übrig bleibt, entspricht meist seinem Geburtsgewicht.

Der Verbrennungsvorgang selbst dauert etwa 75 Minuten und variiert nach Körperfülle und Knochenvolumen oder nach der chemischen Vorbelastung des Körpers. Krebsbehandlungen etwa können den Prozess bis zu einer halben Stunde verzögern. Gesteuert werden die Öfen von den Krematoriumswärtern über einen PC. Durch die hohe Ausgangstemperatur von etwa 800 Grad entflammt der Sarg von selbst. Im Laufe des Brennvorgangs erreicht der Ofen eine Temperatur von bis zu 1200 Grad – ähnlich heiß ist Lava beim Austritt aus dem Vulkan. Nach der Hauptverbrennung fallen die Reste der Verstorbenen durch einen Rost nach unten und brennen nach.

Danach müssen manuell Metalle, wie Sargnägel oder künstliche Hüftgelenke entfernt werden. Hochwertige Materialien wie Titan werden recycelt, Zahngold verbrennt meist. Mit der Aschemühle werden die Überreste in eine einheitliche Größe gebracht. Die Asche ist gelbgrau und hat eine ähnliche Körnung wie Meeressand. Was nach der Verbrennung vom Menschen übrig bleibt, entspricht meist seinem Geburtsgewicht.

Dann wird die Urne wieder dem Bestatter übergeben, der sie den Wünschen des Verstorbenen entsprechend beisetzt. Wir verlassen die Feuerhalle. Bei aller Begeisterung für das neu Gelernte und den lockeren Umgang mit der eigenen Vergänglichkeit, den wir gerade erlebt haben, ein bitterer Beigeschmack bleibt. Das scheint auch Manfred Obermair zu spüren. Kurz bevor wir uns verabschieden, erinnert er uns nochmals: „Je offener man mit dem Tod umgeht, desto mehr nimmt man die Angst davor. Keiner hört es gern, aber auch das hier gehört zum Leben dazu“.

Komunalfriedhof in Salzburg

Eine kleine Geschichte der Feuerbestattung

Das Einäschern von Verstorbenen hat eine lange Tradition in unserem Kulturkreis, die sich bis in die Jungsteinzeit zurückverfolgen lässt und später von den Römern aufgegriffen wurde. Im Laufe der Geschichte wurde es aber mehrmals per Gesetz verboten. Karl der Große, bezeichnete sie 785. n. Ch. im Edikt von Paderborn als heidnisch und propagierte die Erdbestattung nach Christi Vorbild. Es gibt jedoch auch Historiker, die den drastischen Holzschwund aufgrund der fortschreitenden Abholzung der frühmittelalterlichen Waldbestände als Grund für den Rückgang der Feuerbestattung sehen. Erst im Zeitalter der Industrialisierung wurde das Thema wieder aufgegriffen. Der große Bevölkerungsaufschwung, der damit verbundene Platzmangel auf Friedhöfen und hygienische Faktoren, wie erhöhte Seuchengefahr durch mangelhaft beerdigte Leichen, machten eine erneute Debatte über alternative Bestattungsformen nötig. Wieder stellte sich die katholische Kirche quer, sah in der Kremierung einen Widerspruch zum Glaubensbekenntnis und untersagte dem Gläubigen, der sich verbrennen lässt, die kirchliche Totenmesse und das Recht, sich auf einem christlichen Friedhof bestatten zu lassen. Dieser 1917 im Kirchenrecht verankerte Sachverhalt wurde erst knapp fünfzig Jahre später beim zweiten vatikanischen Konzil verabschiedet. Seitdem ist ein stetiger Aufschwung zu beobachten, vor allem im städtischen Bereich.

Fotos: Jasmin Walter

Lisa-Viktoria Niederberger

Die Quoten-Oberösterreichin im Team hat die Salzburger und das Schreiben in und über Salzburg lieben gelernt. Ob literarisch oder journalistisch ist zweitrangig, in einer Stadt, wo man die Inspiration quasi vor der Haustüre findet.