Aus dem Magazin

Feminismus fickt

Ein Blick hinter die Kulissen der feministischen Pornoindustrie.

Pornos sind längst keine reine Männerdomäne mehr. Wir haben einen blick hinter die Kulissen der feministischen Pornoindustrie geworfen und einen der wenigen Österreicher getroffen, der alternative Pornos produziert.

Zuzanna und Sean sehen aus wie Parade-Hipster von Vimeo. Sie: Stirnfransen, Nasenring und unrasierte Achseln. Er: tätowierte Arme und Vollbart. Für ein romantisches Wochenende haben die beiden eine kleine Villa irgendwo im Nirgendwo gemietet. Ihre einzigen Nachbarn: ein junges Pärchen, das nicht nur sein Mittagessen gerne mit anderen teilt. Nach einem idyllischen Lunch im Freien kommen sich die vier näher und dann wird auf der Veranda der wunderschönen Vintage-Villa hemmungslos gevögelt.

Treffen sich vier Hipster und alle kommen

Ungefähr so verläuft die Handlung des Kurzfilms Sweet but Psycho. Auf den ersten Blick sieht alles nach einem ganz gewöhnlichen Porno aus – und doch: Irgendwie läuft in diesem Hipster-Vierer alles ein wenig anders ab, als in den Abspritz- und Arschfick-Orgien, die wir von Youporn und Co. kennen. Die Kamera ist ein wenig diskreter, die Darsteller sind ein wenig netter und nachdem alle befriedigt sind, wird geknutscht und miteinander gelacht. Auch das macht den Clip so sympathisch: Weil Film und Darsteller sich nicht ganz so ernst nehmen.

Erika Lust: Die Pionierin des feministischen Pornos

Die Frau hinter diesem und vielen ähnlichen Porno-Kurzfilmen ist die Schwedin Erika Lust. Als eine der wenigen Porno-Regisseurinnen gilt sie als Pionierin der Adult Industry und als Erfinderin des feministischen Pornos. Erika Lust studierte in ihrer Heimat Politikwissenschaften mit den Schwerpunkten Menschenrecht und Feminismus. Nach ihrem Abschluss übersiedelte sie nach Barcelona. Dort gründete sie 2004 die Produktionsfirma Lust Films, mit dem sie sich auf feministische Erotikfilme spezialisierte.

 

Erika Lusts erklärtes Ziel ist es, Pornos zu machen, in denen sich Männer und Frauen gleichberechtigt begegnen, um gemeinsam Spaß am Sex zu haben – ganz im Gegensatz zu den meisten Mainstream-Pornos, in denen Frauen auf lebende Löcher reduziert werden, an und in denen sich die männlichen Hauptdarsteller abreagieren können.

Für diese neue Form der Pornographie hat sich in den letzten Jahren der Begriff Fem Porn etabliert. Ein Wort, das zwar viele Assoziationen zulässt, aber nicht unbedingt klar macht, wie Sexfilme ohne Sexismus in der Praxis aussehen. Wir haben deshalb einen gefragt, der es wissen muss: den Autoren, Wissenschaftler und Künstler Patrick Catuz.

Vom Kowi-Studenten zum Porno-Professor

Nach seinem Kowi-Studium in Klagenfurt hat es den gebürtigen Oberösterreicher nach Spanien verschlagen, wo er am Set von Erika Lust mitgearbeitet hat. Seine praktischen und theoretischen Erfahrungen in der Fem Porn-Branche hat er in seinem ersten Buch niedergeschrieben. Der klingende Titel: Feminismus fickt. Bei einem Kaffee fragen wir Patrick, was genau denn nun feministische Pornos sind und was sie von Mainstream-Pornos unterscheidet.

„Zum einen handelt es sich schlicht und einfach um Pornos, die von Frauen produziert werden“, erzählt uns Patrick.  Für Frauen sei es bis heute schwer, sich in der Männerdomäne „Porno“ zu behaupten und an Schlüsselpositionen in der Industrie zu gelangen, von denen aus sie das Sagen haben. Doch genau diese Schlüsselpositionen seien wichtig, schließlich würden sie entscheiden, wie das Drehbuch umgesetzt wird und welchen Blick die Kamera einnimmt.

Zum anderen geht es nach Patricks Auffassung beim Fem Porn ganz klar um die Handlung und die Machart der Filme selbst: „Fem Porn geht weg von den üblichen Mustern eines männlichen Hauptdarstellers und einer Frau, deren einziger Zweck es ist, dem Mann zu spiegeln, dass er ein toller Hengst ist“ erzählt Patrick. „Es geht darum, die Einseitigkeit der herkömmlichen Pornographie, die nur auf Männer ausgerichtet ist, aufzubrechen“.

Ein verbreiteter Irrtum über Fem Porn sei dagegen, dass er nur für weibliche Betrachterinnen gemacht sei: „Ich kenne viele Männer, die mit dem gewöhnlichen Porno genauso wenig anfangen können wie Frauen. Feministische Pornographie versucht eher das Feld zu erweitern, als das Ganze einfach nur umzudrehen.“

Wenn im Hörsaal laut gestöhnt wird

Als Wissenschaftler im Bereich der Porn Studies steht Patrick in Österreich noch ziemlich alleine da. Selbst an der Universität sei das Thema nach wie vor immer noch stark mit Tabus behaftet. „Einmal war ich bei einer Konferenz in Italien zu Gast, bei der es um das Thema Pornografie ging. Als ich meine Filmbeispiele zeigen wollte, hat der verantwortliche Professor versucht, meinen Vortrag zu unterbrechen“, erzählt er mit einem Lachen.

Derzeit arbeitet Catuz an der Universität für Angewandte Kunst an seiner Dissertation. Immer wieder hält er auch für Student*innen Seminare zum Thema Porn Studies. Dabei fordert er seine Studierenden dazu auf, sich mit Pornographie künstlerisch und kreativ auseinander zu setzen.

Ein bisschen seltsam war es schon, sagt er, als er zum ersten Mal im Kurs den Film einer Studentin gesehen hat, in dem sie eine Selbstbefriedigungszene inszeniert hat. „Da hab ich im Geiste schon die Kronenzeitung titeln sehen: „Porno-Professor zwingt Studentinnen zu Sexfilmen“, lacht der freundliche Dissertant.

Vielmehr gehe es ihm um einen aufgeklärten Umgang mit dem Thema Pornografie. Denn noch immer seien sehr viele Mythen über die Adult Industry im Umlauf. Wie zum Beispiel, dass Pornografie mit Prostitution gleichzusetzen sei oder sich großteils in der Illegalität abspiele.

“Alles, was wir in Pornos sehen, ist konstruiert”

„Natürlich gibt es Schnittmengen zwischen Porno und zum Beispiel illegaler Prostitution, aber die sind meiner Erfahrung nach gering,“ erzählt Patrick. Pornos sind für die Produzent*innen vor allem ein Riesengeschäft. Keine Filmfirma hat Interesse daran, dass ihr teuer produzierter Porno aus dem Verkehr gezogen wird, weil Darsteller*innen minderjährig waren. Da werden lieber einfach zwei Zöpfe geflochten, eine Zahnspange kommt rein und fertig ist der Teen, erzählt Patrick und ergänzt: „Wir dürfen nicht den Fehler machen, Pornografie mit Sex vor der Kamera zu verwechseln. Alles, was wir sehen, ist in höchstem Maße konstruiert.“

Zwischen Kunst und Pornografie: Arthouse Vienna

In Österreich steckt die Milliardenindustrie Porno noch in ihren Anfängen. „Da spielt sich sehr viel im Amateurbereich ab. Eine richtige Industrie gibt es nicht – schon gar nicht im Fem Porn“, sagt Patrick. Eine der wenigen Ausnahmen ist allerdings das Projekt Art House Vienna, bei dem Patrick selbst als Produzent mitwirkt. Regisseurin ist die Künstlerin und ehemalige Opernsängerin Adrineh Simonian. Sie positionieren Arthouse Vienna zwischen Kunst und Pornographie.

Formate, mit denen die beiden arbeiten, heißen wie im echt Leben: Blackbox oder Blind Date. In die Blackbox können Pärchen gehen, die sich als Hauptdarsteller*innen eines Amateurpornos versuchen, dabei aber anonym bleiben wollen. Und bei Blind Date treffen Menschen zum ersten Mal aufeinander und haben mit verbundenen Augen Sex. Wichtig ist Patrick und Adrineh dabei, dass sich die Darsteller*innen wohl in ihrer Haut fühlen, so wenig Menschen wie möglich am Set sind und dass ästhetische Bilder entstehen.


Alternative Pornografie

Arthouse Vienna steht für neue, feministische und ästhetische Pornografie. In diversen Formaten wird mit dem Thema der Sinnlichkeit gearbeitet. So gibt es zum Beispiel auch Porno im Museum.

Fem Porn Produzenten, die man sich anschauen kann:

Erika Lust: erikalust.com
Lucie Blush: luciemakesporn.com

Matthias Gruber

Matthias Gruber ist ein Ur-Salzburger, der auszog, um Italien und Wien zu erobern. Gern ist er wieder zurückgekommen und macht für das Fräulein Flora wunderschöne Fotos der “Nicht-Nur-Mozartstadt”, die von witzigen Texten begleitet werden.