Face to Face: Was wir an der Ausstellung so toll finden

Wer hätt’s gedacht? Kunst bildet (auch) ab, was in den unterschiedlichen Produktionszeiten gesellschaftlich so los war. Bei der Ausstellung Face to Face in der Residenzgalerie wird deutlich: 100 Jahre, noch dazu vor Internet, reichen, um einmal alles neu zu machen. Wir haben uns die Ausstellung zur österreichischen Porträtkunst im 19. Jahrhundert angeschaut und finden: Erstaunlich, was wir alles nicht wissen.

Im 19. Jahrhundert war viel los

Die Französische Revolution ist gerade vorbei, die Industrialisierung steht in den Startlöchern. Das unantastbare Image der Adeligen bröckelte stark, zu Gunsten des Individuums. Die Industrialisierung brachte viele österreichische bürgerliche Familien großen Reichtum. Plötzlich waren Porträtbilder nicht mehr nur der herrschenden Klasse vorbehalten, immer mehr Menschen gönnten sich eines, Motive und Stil änderten sich. Die Ausstellung Face to Face ist eine Sammlung aus Themengruppen: Selbstporträts, Familien und Kinderbildnisse, Behind the Scenes-Arbeiten aus den Ateliers der Künstler*innen, Frauenbilder und auch ein bisschen Fotografie. Die wurde nämlich auch im 19. Jahrhundert, genauer 1839, erfunden.

 

 

Und änderte das Porträt-Game mächtig.

Zum einen, weil Fotos total en vogue wurden, was zur Sammelleidenschaft von winzigen Porträtfotos eskalierte (und dann auch im selben Jahrhundert wieder abflaute). Fotografien waren aber auch in der Malerei sehr nützlich: Anstatt stundenlang für ein Bild zu posieren, dauerte es jetzt nur mehr ein paar Minuten, um eine Aufnahme zu erstellen, die für ein Porträt diente. 

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Geschichten, in Bildern versteckt

Kunst müssen wir uns erarbeiten. Um hinter die Kulissen eines Bildes (und seiner Entstehung) zu blicken, hilft lesen. Zum Beispiel den Museumskatalog zur Ausstellung, den wir Wort für Wort durchgearbeitet haben. Neben der geschichtlichen Einordnung der Entwicklungen, gibt’s spannende Anekdoten: 

Kaiserin Elisabeth und ihr „Schönheiten-Album“:

Im 19. Jahrhundert fragte Elisabeth ihren Schwager, Viktor Ludwig, um schöne Fotografien von Frauen, die sie in ihr Schönheitenalbum geben könnte. Die Sammelleidenschaft war entbrannt – jeder gute Haushalt hatte ein Fotoalbum von Stars und Sternchen. Das schaute man sich gern beim Tee an, ein Haushalt ohne so ein Album – kaum denkbar. Die Frau des österreichischen Botschafters in Paris hörten von dem Gesuch der Kaiserin, wollte Elisabeth pflanzen und schickte ihr Bilder von Sexarbeiterinnen, mit gespreizten Beinen. Elisabeth nahms mit Humor und vergab einen besonders prominenten Platz in ihrem Album an diese Bilder. 

Lesen, fühlen, hören, nachmachen

Das beiden museumspädagogischen Begleitbücher zur Ausstellung sind sehr gelungen: Sie animieren zum Mitmachen, aber ohne zu belehren. Da geht’s ums Gefühl, wie gefällt mir ein Bild, was sagt mir zu, aber auch ums Erleben: Posen aus dem Musterbuch einnehmen, einmal ausprobieren, wie lange man ruhig stehen muss, bis ein Foto in den Anfangsjahren dieser Technologie geschossen wurde. Anhören kann man sich Geschichten von Maler*innen und Modellen, wie es ihnen ging, wie sie ihre Welt erlebten. Was das Mindset im 19. Jahrhundert war. 

Hingehen, ansehen und zuhören

Sich immer alles selbst erarbeiten ist mühsam. Deswegen gibt’s um die Ausstellung herum ein umfangreiches Programm mit Profis, die mit euch teilen, was sie wissen: Kurator*innenführungen (SA 9. August ∙ 11 Uhr, Thomas Habersatter und MI 10. September ∙ 15 Uhr, Astrid Ducke), „normale“ Führungen: SA 19. Juli ∙ 13 Uhr und 15 Uhr – im Rahmen des Festes zur Festspieleröffnung, MI 20. August ∙ 16 Uhr und SA 27. September ∙ 11 Uhr) und Gesprächsreihen:

FR 8. August ∙ 18 Uhr: Spiegelbild & Inszenierung. Das Selbstporträt
in der österreichischen Malerei des 19. Jahrhunderts
Mit Claudia Koch, Akademie der bildenden Künste Wien,
Leitung Sammlung Gemäldegalerie

FR 22. August ∙ 18 Uhr: Der Fotograf der Kaiserin. Ludwig Angerer
und der Aufstieg der Porträtfotografie im 19. Jahrhundert
Mit Michaela Lindinger, Wien Museum, Kuratorin

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