Eine Salzburger Sexarbeiterin erzaehlt
Aus dem Magazin

Sexarbeit in Salzburg: “Es muss Grenzen geben”

Interview mit einer Salzburger Sexarbeiterin

Sexarbeit ist weltweit eines der stigmatisiertesten Arbeitsfelder und es ist fraglich, ob es eine Sprache gibt, in der das Dasein als Kind einer Sexarbeiterin nicht als Schimpfwort gilt. Und dennoch besteht der Beruf fort und wird es allen Verboten zum Trotz auch in Zukunft tun. Die Salzburger Sexarbeiterin Eva hat sich bereit erklärt, uns persönliche Einblicke in dieses mystifizierte, moralisierte und verdrängte Arbeitsfeld zu geben.

Text: Dilara Akarçesme
Illustration: Ari Ban

Vielen Dank, dass Sie sich bereit erklärt haben, mit uns zu reden. Fangen wir doch mit Angaben zu Ihrer Person an. Wer sind Sie?

Ich bin eine Person, die noch nie ein Interview gegeben hat. Ich bin nämlich erstaunt, wann immer ich Gespräche mit Kolleg*innen lese, mit welcher Chuzpe die Interviewenden auf Sexarbeiter*innen zugehen. Sie stellen Fragen, die sie nie anderen Berufsgruppen stellen würden. Ich hab lange überlegt, ob ich es überhaupt tun soll. Aber ich spreche mit Ihnen deshalb, weil derartige Darstellungen Diskriminierung verstärken. Also wer sich von diesem Interview eine Bedienung von Klischees erwartet, soll gar nicht erst weiterlesen.

Was sind das denn für Fragen, die nicht gestellt werden sollten?

Zum Beispiel ob ich einen Partner hätte, mit wem ich meine Einnahmen teile, ob mich jemand managt, in welcher Form sich jemand anderer in meine Dienstleistungen einmischt. Ob ich Lust dabei empfinde oder nicht. Wer fragt eine Richterin, ob sie Lust dabei empfindet, jemanden lebenslänglich zu verurteilen? Wie viel ich verdiene oder „wie ich da hineingekommen bin“ sind auch blöde Fragen. Es muss Grenzen geben.

Innerhalb der Sexarbeit gibt es ja mehrere Branchen. In welcher ist Ihre Arbeit anzusiedeln?

Wie Sie sehen bin ich sehr jung, habe aber einige Jahre am Buckel. (lacht) Ich bin 55 Jahre alt. Mit Unterbrechungen habe ich immer wieder in diesem Bereich gearbeitet. Ich habe aber auch einen stinknormalen und langweiligen gesellschaftlich anerkannten Beruf. Ich biete gegenwärtig Haus- und Hotelbesuche in ganz Österreich an und habe auch die Möglichkeit, besucht zu werden. Die Form ist eher im leichten SM- und Rollenspiel-Bereich. Ich arbeite mit unter Anführungsstrichen schwierigen Kunden, die beispielsweise Potenzprobleme haben oder mit verunsicherten Herren aus verschiedensten Gesellschafts- und Altersschichten.

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Waren Sie immer in diesem privaten Bereich tätig?

Nein, vor langer Zeit hatte ich in einem Nachtclub gearbeitet. Damals war alles noch nicht so streng mit der Kontrollkarte. Dann musste ich auf Vorschrift der Puffbesitzerin doch zur Untersuchung beim Gesundheitsamt. Als ich dort ankam, musste ich erstmal eine halbe Stunde Fragen darüber beantworten, warum ich das denn mache, ob meine Mutter Bescheid weiß, oder ob ich denn einen Partner hätte. Dann wurden Fotos gemacht und soweit ich mich daran erinnern kann, sogar Fingerabdrücke abgenommen. Das Demütigende war, dass das ein öffentlicher Bereich war und man mit Namen aufgerufen wurde, wo alle genau wussten, zu welcher Untersuchung man hingeht. Das war alles einfach ganz furchtbar. Ich habe mir diese Gesundheitskarte nach der Untersuchung dann nie abgeholt. Außerdem hat keine Behörde etwas in meinem Unterleib verloren. Ich gehe ja sowieso zu meiner Frauenärztin und achte auf meine Gesundheit. Da muss es auch Grenzen geben.

„Ich habe eine Familie und niemand kann abschätzen, welche Gefahren es für uns heraufbeschwören könnte, wenn ich geoutet werde.“

Also war das eine einschneidende Erfahrung?

Ja, damit habe ich gemerkt, dass ich in diesen öffentlichen Bordellen nichts verloren habe. Ich habe eine Familie und niemand kann abschätzen, welche Gefahren es für uns heraufbeschwören könnte, wenn ich geoutet werde. Das ist meine Selbstbestimmung und die werde ich von niemandem antasten lassen! Für mich waren das jedenfalls Signale, mich in den geheimen Bereich zu begeben, weil ich auch vor diesem staatlichen Kontrollzwang Angst hatte und noch immer Angst habe. Ich habe zum Beispiel erfahren, dass man bis vor Kurzem noch wegen unsittlichen Lebenswandels enterbt werden konnte. Ich möchte mich dem nicht unterwerfen. Und nicht weil ich irgendwen bescheißen oder keine Steuern zahlen möchte! Ich zahle sehr wohl Steuern und ich spende sehr wohl. Aber viele wissen zum Teil überhaupt nicht, was es heißt, wenn ich mich dem Staat als Sexarbeiterin oder als Hure präsentiere.

Was heißt das denn?

Das heißt, dass ich meine Rechte als normale*r Bürger*in abgebe. Vor Kurzem stand in der Zeitung, dass eine Kolleg*in in einem Club vergewaltigt wurde und den Kunden angezeigt hat, der dann freigesprochen wurde! Als Prostituierte ist man vor Gericht ein Mensch zweiter, dritter Klasse. Stellen Sie sich vor, man ist da auch noch Migrantin! Es besteht ein unglaublicher Druck, Hilflosigkeit, Verzweiflung und Hetze. Besonders vermisse ich da die Unterstützung von der sogenannten Frauenbewegung. Ich fühle mich als Feministin verhöhnt – da muss es Grenzen geben.

Was können Sie über Kunden sagen?

Meine Lieblingskunden sind verheiratet oder gebunden. Bei ungebundenen Kunden besteht die Gefahr, dass sie sich verlieben oder ähnliches. Ich denke, dass wir Sexarbeiterinnen in vielen Fällen Ehe- oder Beziehungserhalterinnen sind, weil es oft im Alltag mit der Sexualität sehr problematisch ist. Viele Männer trauen sich nicht, ihre Wünsche vor ihren Partnerinnen auszusprechen. Wenn einer es zum Beispiel toll findet, an Schuhen zu schnüffeln oder sich gerne Strümpfe anzieht. Es sind meistens harmlose Sachen. Ich habe wie gesagt oft mit Männern mit Potenzproblemen zu tun, wo sich das Thema Sex in der Partnerschaft schon lange erledigt hat. Für mich ist das eine persönliche Herausforderung. Ich bin glücklich, wenn ich helfen kann und die positiven Energien spüre.

„Wenn die anderen Menschen wüssten, wie wenig es oft wirklich mit – ich sage jetzt das Salzburger Wort – ’Schnackseln‘ zu tun hat, würden sie ganz schön blöd schauen.“

Wenn die anderen Menschen wüssten, wie wenig es oft wirklich mit – ich sage jetzt das Salzburger Wort – „Schnackseln“ zu tun hat, würden sie ganz schön blöd schauen. Denn Sexarbeit ist viel mehr. Man muss als Sexarbeiterin schon genau schauen, warum dieser jetzt genau zu mir kommt, wie ich mit den Bedürfnissen meines Gegenübers umgehen kann. Dann ist es eigentlich ein sehr leicht verdientes Geld.

Wollen Sie am Ende noch etwas hinzufügen?

Ja. Ich muss sagen, dass ich als Österreicherin und Arbeiterin im geheimen Bereich den Luxus habe, sehr selektiv sein zu können und mich auf nichts einlassen zu müssen. Deshalb ist mein Arbeiten so sicher. Das wünsche ich all meinen Kolleg*innen auch.


Beratung für Sexarbeiter*innen

In Salzburg bietet das Projekt PiA im Rahmen von Frau-und-Arbeit – Frauenservicestelle eine anonyme und kostenlose Beratung für aktive und ehemalige Sexarbeiter*innen.

Dieser Artikel ist im Original im QWANT. Magazin, Ausgabe 4/2018 erschienen. Vielen Dank an die Autorin Dilara Akarçesme für den Beitrag.