Aus dem Magazin

Endgegner: Schwiegereltern

Warum die Beziehung zu ihnen so speziell ist

Mit wem wird der Muttertag gefeiert? Wo wird zu Weihnachten gegessen? Und wer hat Vorrang, wenn es um den Enkelbesuch geht? Fragen über Fragen, die ab einem bestimmten Zeitpunkt relevant werden: Nämlich dann, wenn es mit dem oder der Partner*in ernst wird und man plötzlich neben den eigenen Eltern auch noch die Schwiegereltern jonglieren muss. Wir haben uns mit einer Familienpsychologin unterhalten, um besser zu verstehen, warum die Beziehung zu den Schwiegereltern manchmal so schwierig ist. 

Wenn wir jemanden kennenlernen, sitzen wir schnell an Weihnachten, bei Geburtstagsfeiern oder an Wochenenden mit den Eltern unserer Partner*innen am Tisch. In den ersten Monaten nicken wir meist brav und versuchen, nicht zu widersprechen. Und das, obwohl wir deren Ansichten oft nicht teilen.

Im Laufe der Partnerschaft wird aus dieser noblen Zurückhaltung oft eine handfeste Meinungsverschiedenheit. Dicke Luft ist vorprogrammiert: Nicht nur zwischen Schwiegereltern und neuem*r Partner*in, sondern auch innerhalb der jungen Liebesbeziehung. Aber warum ist das so? Und wie können wir die Beziehung zu den Schwiegereltern harmonischer gestalten?

Wenn sich die Schwiegereltern einfach immer einmischen …

Heidemarie Eder hat in ihrer Praxis am Franz-Josefs-Kai tagtäglich mit Problemstellungen zu tun, die in den besten Familien vorkommen. Ihre Spezialgebiete sind die systemische und die emotionsfokussierte Familientherapie. Was das genau ist? „In der systemischen Therapie wird immer das Umfeld einer Person mit einbezogen. Jeder von uns steht laufend in Kommunikation und Verbindung mit anderen Menschen. Die Familie wird als ein System betrachtet, das einen Einfluss ausübt. Wenn sich ein Teil in der Familie verändert, führt das zu Veränderungen im gesamten Familiensystem.“

Das ist deshalb so wichtig, weil durch das Eingreifen in ein anderes System Konflikte entstehen können. „Wenn Schwiegereltern zu sehr im neuen Familiensystem ihrer Kinder intervenieren, wird das als Einmischung empfunden“, erklärt Heidemarie Eder. Am einfachsten für alle Beteiligten ist es deshalb, wenn die Eltern das junge Paar als eigenes System respektieren, in das sie nicht eindringen dürfen. Überschreiten sie dagegen regelmäßig Grenzen, kommt es zum Konflikt.

Die Sache mit der noblen Zurückhaltung

Diese noble Zurückhaltung ist in der Praxis für viele Schwiegereltern eine große Herausforderung. Hinzu kommt, dass das eigene Kind für seine Eltern immer Kind bleibt. Der/die Partner*in wird dann oft automatisch wie ein weiteres Kind behandelt und nicht als ebenbürtige*r Erwachsene*r betrachtet. Dass sich die Eltern oder Schwiegereltern deshalb laufend in Angelegenheiten wie die Haushaltsführung, die Gartenarbeit oder andere Entscheidungen einmischen, liegt demnach nahe. Dabei wäre es wichtig, dass sich auch Eltern abnabeln und sich fragen, ob ihre Hilfe überhaupt gewünscht ist. Wenn die Eltern das Erwachsenwerden ihrer Kinder nicht anerkennen und nicht loslassen können, beschädigen sie das Fundament der neuen Partnerschaft. Gründe für dieses Verhalten können sein: Angst vor dem Älterwerden, das „Leere-Nest-Syndrom“ oder das Fokussieren auf das Kind, wenn die eigene Partnerschaft nicht mehr intakt ist. Dann wird im Kind eine Art Partnerersatz gesehen.

Das andere Extrem ist eine 30-plus-Generation, die regelmäßig mit ihren Eltern in den Urlaub fährt, der Mutter einen Wohnungsschlüssel gibt und das Nesthockerdasein in vollen Zügen genießt. In diesen Fällen ist das System des jungen Paares noch nicht wirklich ausgeprägt – man hat sich noch nicht wirklich von den Eltern abgelöst. Auf Italienisch gibt es sogar einen Begriff für diese Mammoni, die unter den Fittichen ihrer Eltern stecken.

Wenn Werte aufeinanderprallen, sind Probleme vorprogrammiert

„Schwierig ist es, wenn die Schwiegereltern traditionelle Rollenzuschreibungen vertreten – gerade was die Versorgungsarbeit der Frau betrifft. Und wenn die neue Familie das Modell der partnerschaftlichen Aufteilung leben möchte“, erklärt Heidemarie Eder. „Die Schwiegermutter kritisiert, dass die Frau mehr zuhause sein sollte oder mischt sich in die Kindererziehung ein. Das sind die häufigsten Konflikte.“ Richtige Familiendramen können entstehen, wenn die junge Familie im Haus der Schwiegereltern lebt und diese später einmal pflegen soll.

Ziemlich interessant: Je weniger Wertekonflikte das Paar in die Beziehung mitbringt, desto weniger Konfliktpotenzial gibt es auch mit Schwiegereltern. Warum? Von den eigenen Eltern wird oft das Wertesystem gänzlich übernommen, man hinterfragt vieles nicht. Da geht es zum Beispiel um das Offenlassen der Klotüre oder wie oft am Tag gekocht wird. Der/die Partner*in hat vielleicht ein anderes Lebenskonzept mit auf den Weg bekommen. Die Herausforderung in vielen Beziehungen ist es, gemeinsam ein neues System zu gestalten, mit dem beide leben können.“

Die böse Schwiegermutter: Klischee oder Wirklichkeit?

„Natürlich gibt es auch Konfliktpotenzial zwischen Schwiegersöhnen und Schwiegervätern. Die Konstellation mit den meisten Problemen ist aber tatsächlich jene zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter“, analysiert Heidemarie Eder. Dieser Konflikt kann auch für den/die Partner*in zum Minenfeld werden: „Wenn Schwiegertochter und Schwiegermutter Probleme miteinander haben, dann entsteht für den Partner ein Loyalitätskonflikt. Zu wem soll er halten? Zur Frau oder Mutter?“, beschreibt Heidemarie Eder.

„Viele Männer wollen sich aus dem Konflikt heraushalten und gar nicht handeln. Das wird ihnen dann von beiden Frauen vorgeworfen. Meine Empfehlung ist, dass sich der Partner hinter die Frau stellt und gemeinsam mit ihr eigene Werte und Normen definiert. Das würden sich viele Frauen wünschen.“ Keine leichte Aufgabe für den Partner. Er muss sich dann nämlich aus der Komfortzone begeben und Farbe bekennen. Das funktioniert nur, wenn er die Spannungen auch als störend oder überhaupt vorhanden wahrnimmt. So oder so ist es eine Zwickmühle: Entweder er kommt mit seiner Mutter in Konflikt oder er bekommt Ärger mit seiner Partnerin. Ganz schön tricky!

Besonders heikel wird es, wenn der Sohn seiner Mutter zu lange emotionale Priorität gibt. Zum Beispiel, indem er sich vor wichtigen Entscheidungen zuerst oder zuletzt mit seiner Mutter berät. Oder wenn er bei Auseinandersetzungen zwischen Partnerin und Mutter keine Stellung bezieht. Solche Söhne bleiben zu lange Kind und ermöglichen Müttern zu viel Eingriff in das neue Partnersystem.

Konfliktlösung – so gemmas an

Heidemarie Eder empfiehlt, dass sich jedes junge Paar überlegt, wie es Regeln gestalten und wie es leben möchte. „Grundsätzlich muss sich die neue Familie überlegen, was ihr wichtig ist. Und diese Erkenntnisse den Schwiegereltern genauso präsentieren. Für die Schwiegereltern wiederum wäre es wichtig, sich in der heiklen Balance zwischen Engagement und Gewährenlassen zu üben.“ Am wichtigsten ist es aber, das Gespräch zu suchen. „Je mehr man runterschluckt und je weniger man anspricht, desto größer ist die Gefahr, dass es eines Tages aus einem rausbricht und man Dinge sagt, die man nicht mehr zurücknehmen kann“, warnt Eder.

Schwiegereltern sind ja auch nur Menschen.

Zum Schluss interessiert uns der Reality Check: Gibt es wirklich so viele Probleme mit den Schwiegereltern oder wird das Thema nur hochgeschaukelt? „Etwa ein Drittel der Beziehungen zwischen Schwiegereltern und Schwiegerkindern ist laut Statistik konflikthaltig. Insofern stimmt das geläufige Vorurteil nicht ganz”, klärt uns Heidemarie Eder auf. Um dem Thema einen positiven Abschluss zu geben, hat die Familienpsychologin noch ein paar Ratschläge: „Alle jungen Paare mit Kindern sind natürlich froh, wenn sie Unterstützung von den Großeltern erfahren. Andererseits möchte man nicht, dass sie sich zu viel einmischen. Da hilft eine gemeinsame Kommunikation an die Eltern oder Schwiegereltern: ‚Wir sind dankbar für eure Tipps, aber bitte lasst uns unsere eigenen Erfahrungen machen.’ Manchmal muss man das ein paar Mal wiederholen. Auch wenn sich die Schwiegereltern vornehmen, sich weniger einzumischen, passiert es ihnen immer wieder. Obwohl sie es nicht so meinen oder wollen.“ Denn: Schwiegereltern sind ja auch nur Menschen.

Miriam Kreiseder

Miriam hat ihre Zelte in Wien, Kufstein und Porto aufgeschlagen, bevor es sie wieder nach Salzburg gezogen hat. Am liebsten schreibt sie über Musik und Alltagsgeschichten.