Fliegenfischen
Aus dem Magazin

Die Salzach Cowboys

Wir haben uns Fliegenfischen von den Profis zeigen lassen.

Position einnehmen, Rute in Schwung bringen, Spannung aufbauen. Fliegenfischer*innen erinnern an Cowboys, die ihr Lasso über dem Wasser auswerfen. Wir haben sie durch ihr Revier an der Salzach begleitet.

Das Wetter meint es gut an diesem Samstag im März. Entlang der Uferböschung schmelzen die letzten Schneeflecken, die Luft riecht nach Frühling und die Salzach spült eiskaltes Gebirgswasser stromabwärts. Wir treffen uns mit Bernhard und Christian am Fuße der Brücke in Elsbethen. Die beiden sind Mitglieder des Fischerei Vereins Salzburg und echte Profis im Gebiet der Fliegenfischerei. Heute wollen sie uns beibringen, wie man die kunstvollen Schwünge mit der Angelrute zustande bringt und dabei bestenfalls auch noch Forellen oder Äschen fängt.

Nach einer kurzen Begrüßung schlüpfen wir in unsere Ausrüstung. Christian hat für jede*n von uns eine wasserfeste Wathose und Schuhe mit dickem Profil mitgebracht. Sie gehören zur Grundausstattung für Fliegenfischer*innen und sollen uns trocken halten, während wir bis zur Hüfte im eiskalten Salzachwasser stehen. Wir werfen uns in Schale und beobachten die beiden Männer bei der Vorbereitung der Angelruten.

Fliegenfischen

Bernhard nimmt einen Köder aus einer kleinen Dose und knotet ihn geschickt an das Ende seiner Angelschnur. Den Köder nennt man Fliege. Sie ist der heimliche Star des Tages, schließlich ist die Sportart nicht umsonst nach ihr benannt. Bei einer Fliege handelt es sich um eine kunstvoll gefertigte Insektennachahmung aus Haaren, Schnüren, Federn, Folien, Leder, Fibern und vielem mehr. Die meisten Fischer* innen binden ihre Fliegen selbst und es hat sich eine regelrechte Wissenschaft um das Anfertigen der Köder entwickelt. „Reinanken beißen zum Beispiel nicht auf Fliegen, die nehmen nur Larven. Federn hingegen haben für alle Fische eine Anziehungskraft“, erklären uns die Profis. In Salzburg gibt es zu diesem Zweck sogar einen eigenen Fliegenbinder-Stammtisch. Sein Organisator, Franz Xaver Ortner, zählt zu den besten Fliegenbindern überhaupt, erzählt man uns.

Wenig später ist die Fliege an unserer Angel montiert und wir spazieren über ein flaches Kiesbett zur Salzach hinunter. Jetzt wird es ernst. Christian lässt die Fliege ins Wasser gleiten. Dann hebt er die Angelrute bis sie senkrecht nach oben zeigt und lässt sie vor und zurück pendeln. Die Fliege zischt über unsere Köpfe hinweg, vor und zurück, vor und zurück und landet schließlich ein paar Meter entfernt im Fluss. Von dort trägt die Strömung sie davon. Christian zieht nun langsam an seiner Angelschnur und lässt den Köder in unsere Richtung durch das Wasser gleiten. So geht das einige Male: Fliege auswerfen, durch das Wasser gleiten lassen, hoffen, dass einer anbeißt. Und jetzt sollen wir es versuchen.

Fliegenfischen

Bernhard drückt uns seine Rute in die Hand und wir sind erst einmal ratlos. Wie war das noch gleich? Bei ihm hatte es so einfach ausgesehen. Als er unsere Hilflosigkeit bemerkt, greift Bernhard unseren Arm wie ein Tennislehrer und unterstützt uns dabei, die schwingende Bewegung richtig auszuführen. Tatsächlich: Die Fliege tut, was wir wollen und zischt über unseren Köpfen vor und zurück. So oder so ähnlich soll das also aussehen. Wir triumphieren.

Die nächste halbe Stunde ist Üben angesagt. Währenddessen erzählen Christian und Bernhard aus dem Alltag der Fliegenfischer*innen. Der hat mit einfachem Fischefangen viel weniger zu tun, als wir erwartet hatten. Die beiden Männer sind Aufseher des Landesfischereiverbandes und daher mitverantwortlich für den Schutz der Reviere. Sie erzählen uns von den Lebensräumen und Bedürfnissen der Fische, von den Gefahren, denen die Tiere ausgesetzt sind und wie man sie davor schützt. „Wenn wir nicht regelmäßig Fische einsetzen würden, dann wären Gewässer wie die Salzach so gut wie leer“, erklärt uns Bernhard. Vor allem der Fischotter mache dem Bestand schwer zu schaffen.

Und die Fischer*innen? Wer sich um 25 Euro eine Tageskarte für das Salzachrevier besorgt, darf pro Tag maximal vier Fische entnehmen. Für Profis wie Bernhard und Christian ist das Mitnehmen von gefangenen Fischen jedoch die Ausnahme. Wenn sie einen Fisch fangen, machen sie meist ein Foto, untersuchen ihn auf Krankheiten, Pilze oder Hautverletzungen und lassen ihn dann wieder frei. „Catch and Release“ heißt das im Fachjargon. Damit die Fische durch das Fangen möglichst wenig verletzt werden, ist im gesamten Revier das Angeln mit Widerhaken streng verboten.

Fliegenfischen

Für Fliegenfischer*innen ist das Land Salzburg ein echtes El Dorado. Neben der Salzach gibt es viele weitere traumhafte Reviere und das in unmittelbarer Nähe zur Stadt. Bernhard nennt uns zum Beispiel die Königsseeache. Mit dem Fachgeschäft Hurch hat sich in der Stadt Salzburg ein Händler ganz auf die Bedürfnisse von Fliegenfischern spezialisiert, auch das sei eine absolute Ausnahme in Österreich, schwärmt Bernhard. Wer es selbst mit dem Fliegenfischen versuchen will, der muss auf jeden Fall in eine wasserdichte Wathose, Schuhe und eine Angelrute investieren. Mit rund 500 Euro sei man dabei, schätzt Christian. Allerdings biete
der Fischerei Verein Salzburg immer wieder Schnuppertage an, bei denen Unentschlossene das Fliegenfischen ohne großen Aufwand ausprobieren könnten.

Während die beiden Männer erzählen, merken wir, dass das Fischen für sie viel mehr ist, als ein Hobby. Sie heben Steine aus dem Wasser, zeigen uns Insektenlarven und erklären, wie die Natur unterhalb der Wasseroberfläche tickt. Sie sagen, dass alles zusammenhängt: Die Fische und ihre Beute, das Wetter, der Fluss und natürlich das Verhalten der Fischer*innen. „Wenn ich zwei Wochen nicht zum Fischen komme, werd ich unausstehlich. Dann sagt meine Freundin, ich soll endlich wieder ans Wasser“, meint Christian. Und tatsächlich hat das Spiel mit Rute und Schnur etwas Meditatives, Entspannendes. Mittlerweile haben wir das Bewegungsmuster halbwegs verinnerlicht. Jetzt wird es ernst. Wir verlassen unsere Übungsstrecke in Elsbethen und machen uns auf den Weg zur Nonntaler Brücke. Direkt neben dem Künstlerhaus sollen wir unseren ersten Fang machen.

Fliegenfischen

Wir klettern die Böschung hinab und steigen ins Wasser. Die Salzach ist eiskalt, die Strömung zerrt an unseren Beinen. Wer nicht aufpasst, dem reißt sie die Beine weg. Auch deshalb ist die Salzach für Fliegenfischer*innen ein herausforderndes Revier. Mit Bernhards und Christians Hilfe werfen wir die Fliege aus. So wie wir es trainiert hatten. Allerdings bleibt die Angelschnur nun deutlich länger im Wasser als davor. Das ständige Werfen dient nur der Übung, beim echten Fliegenfischen wird so selten wie möglich die Rute geschwungen, das würde nur die Fische verschrecken. Stattdessen lassen wir unsere Köder durch das Wasser gleiten und hoffen, dass etwas anbeißt.

Eine halbe Stunde vergeht, wir haben kein Glück. Unser Lehrer Christian dagegen zieht eine Bachforelle aus dem Wasser. Schnell ein Foto gemacht, dann darf sie weiterschwimmen. Es vergehen weitere Minuten, dann wird es uns im spät winterlichen Wasser zu kalt. Wir werden ein anderes Mal wiederkommen, wenn das Wetter schon wärmer ist. Dann sollen auch die Fische aus ihrer winterlichen Passivität wieder erwacht sein, versprechen uns Christian und Bernhard. Auch wenn wir heute nichts gefangen haben, verstehen wir jetzt besser, was immer mehr Menschen am Fliegenfischen reizt. Das Klischee vom stundenlangen Ausharren auf Bierkisten, die immer leerer werden, hat mit dem Fliegenfischen nichts zu tun. Verglichen damit sind Bernhard und Christian echte Salzach-Cowboys.

Fliegenfischen

Matthias Gruber

Matthias Gruber ist ein Ur-Salzburger, der auszog, um Italien und Wien zu erobern. Gern ist er wieder zurückgekommen und macht für das Fräulein Flora wunderschöne Fotos der “Nicht-Nur-Mozartstadt”, die von witzigen Texten begleitet werden.