Fangen wir am Anfang an, oder versuchen es zumindest:
Heute vor gut einem Jahr stand irgendwie alles unter dem Schatten der sich ankündigenden blau-schwarzen Koalition auf Bundesebene. Abseits dessen ging es auch in Salzburg politisch hoch her. Im Jänner 2025 wurde dann offiziell verkündet, dass LH Wilfried Haslauer das Zepter Karoline Edtstadler, Ex-Kanzleramtsministerin und Vertraute von Sebastian Kurz, übergeben wird. Nach der Hanni in Niederösterreich kann sich nun also auch Salzburg über eine volksparteiliche Landesmutter mit großem Gespür für soziale Wärme und feingetunte Kommunikation freuen, aber dazu später mehr.
Februar und März waren geprägt durch anhaltende Trockenheit (mancherorts sogar Waldbrandgefahr) und den aufkeimenden Plänen eines bestimmten Bauprojektes in der rechten Altstadt.
Im April erhoben sich fünf sehr privilegierte, sehr einflussreiche Frauen in der privaten Penisrakete eines der reichsten Männer der Menschheitsgeschichte über den Rest der Welt. Weltraumtourismus der Marke „Sollen sie doch Kuchen essen“, but make it girlboss-feministisch. (Anm. der Red.: Es gibt im Haus der Natur übrigens eine schöne Ausstellung zu den Plänen, wie wir Mars bevölkern könnten.)
„Was hat das alles mit Salzburg zu tun???“. Danke für deine Frage, Otmar.
Dieses Szenario dient ein bisschen dazu, die momentan schleichende Normalisierung der Sperenzchen Überreicher zu illustrieren. Point in case mit sehr direktem Salzburg-Bezug: Wolfgang Porsches Wunsch nach einem Privattunnel zu seiner Villa auf dem Kapuzinerberg, dem die Stadt für ein Körberlgeld von einmalig 48.000 Euro stattgegeben hat.
Übrigens: Schiaches Salzburg hat ein Buch geschrieben und das erscheint irgendwann im März 2026. Eine Sache zumindest, auf die man sich schon freuen darf.
Vermutlich hängt es allen inzwischen beim Hals heraus und die typischen „Sozialneid!“-Rufe kommen auch wieder, aber nur zur Erinnerung: Es geht hier nicht um Neid, sondern um die Schieflage der Verhältnismäßigkeiten mit der wir hier in Salzburg leben.
Dass man ohnehin sehr Privilegierten eine derart wirklichkeitsfremde Bauerlaubnis quasi für lau mit Schleifchen drauf erteilt, während der Großteil der Menschen in irgendeiner Form schon lange begonnen hat, Inflation und exorbitant hohe Mieten als direkte Alltagseinschnitte zu spüren.
„Was letzte Preis??“-Milliardärs-Edition. Letzter Preis in Salzburg anscheinend einfach schlanke 48.000€.
Der Sommer nahte.
Und ausgerechnet am 1. Mai verlautbarte Salzburgs Wirtschaftskammerpräsident, dass Österreich nicht mehr wettbewerbsfähig sei – sinngemäß unter anderem aufgrund des für Arbeitnehmer:innen zu günstigen Arbeitsrechts. Keine Pointe.
Irgendwann im Mai kam Salzburg als Drehort für die nächste Staffel der HBO-Serie „The White Lotus“ ins Gespräch. Dieser Plan wurde von den Serienmachern aus Übersee aufgrund der zu mühsamen österreichischen Filmförderungsbürokratie dann zügig wieder gecancelt. Aber ist eigentlich eh wurscht, weil wir hier ohnehin 365 Tage im Jahr reales White Lotus haben können, siehe Porsche-Tunnel.
Was gab es noch so?
Ein mehrtägiges Altstadtfest Ende Juni, das zwar sehr vielen Besucher:innen sehr viel Freude bereitete, den Verantwortlichen im Nachgang aber ein riesiges Upsi in Form einer Kostenverdoppelung (von ca. 500.000€ auf ca. 900.000€) einbrachte.
Überhaupt: In der allgemeinen Eventfülle der Altstadt wurden Rufe laut, der historische Kern der Stadt würde zur Eventzone für kaufkräftige Werbeträger mutieren. Die Stadtregierung sah das ein und hat auf Basis dessen den Veranstaltungskalender für 2026 etwas ausgeholzt. So werden künftig nur noch Veranstaltungen stattfinden, die (Zitat), „den Salzburgerinnen und Salzburgern sowie regionalen Betrieben einen Mehrwert bieten.“ Was auch immer das heißen mag.
Die sommerlichen Altstadtkonzerte am Residenzplatz, den Rupertikirtag und – die in meinen Augen nach den Festspielen schönste und wichtigste Veranstaltung: den Salzburger Businesslauf – gibt es jedenfalls auch 2026 noch am gewohnten Ort mitten im Weltkulturerbe.
Wenn wir schon am Residenzplatz sind: Eines der Highlights in der öffentlichen Wahrnehmung war 2025 sicherlich die Installation „Secret Garden“ von Jaume Plensa.
Die trippy verzerrten, riesigen Frauenköpfe aus Gusseisen begeisterten für vier Wochen im August die Massen. Für Salzburg ist das eine recht ungewöhnliche Reaktion auf Kunst im öffentlichen Raum. Die ganz Alten unter uns erinnern sich hier vielleicht an die Ablehnung des umgedrehten Hubschraubers von Paola Pivi aus dem Jahr 2006 oder die Stürme der Entrüstung gegen die Mozart-Plastik von Markus Lüpertz auf dem Ursulinenplatz. Neben der uralten Frage, was „gute“ Kunst ausmacht, könnte man sich hier auch die Frage stellen, ob sich in den Köpfen der Menschen und in der Wahrnehmung vielleicht etwas geändert hat.
Frauenköpfe.
Anyhow: So cool die tonnenschweren Gusseisen-Dinger in echt auch aussahen, irgendwie war der Hype bei mir am abebben, nachdem ich ein generisches Statement des Künstlers dazu gelesen hatte. Er wolle „Sichtbarkeit für Frauen herstellen.“
Man nenne mich paranoid, aber immer, wenn recht reiche und gut vernetzte Männer sowas wollen, ich frage ich mich instinktiv, wer daran verdient, in diesem Kontext „Frauen sichtbar“ zu machen.
Mittlerweile sind die Skulpturen auf Hawaii. Als Teil der privaten Kunstsammlung von Larry Ellison, Sie wissen schon, dem lustigen „Oracle“-Milliardär. Kein Scherz.
Plensa und seine Kunst sind somit näher an der Realversion von „The White Lotus“ als bei den durchschnittlichen Betrachter:innen seines „Secret Gardens“ am Residenzplatz.
Vielleicht seh‘ ich das jetzt wieder zu schwarz, aber „Frauen sichtbar machen“ wollen, und gleichzeitig Exponate verscherbeln an Milliardäre mit Verquickungen zur MAGA-Bewegung, die aktuell und anhaltend unter anderem ziemlich effizient an der Aushebelung von Frauenrechten arbeitet, passt irgendwie nicht so ganz zusammen …
Aber gut. Die Einfangsfrage war ja, was gute Kunst ist. Und nicht, ob die Integrität eines Künstlers ein Teil, oder eine Teilbedingung, für gute Kunst sein muss.
Eine der Geschichten des Jahres war sicherlich auch jene der rebellischen Nonnen von Goldenstein.
Ein Lehrstück in Sachen Medienmacht mit unzähligen narrativen Aspekten. Einer davon: Die Nonnen als Figuren des Widerstandes. Drei tüchtige, fromme, hochbetagte Damen, die ihr Leben dem Glauben verschrieben haben und nun im hohen Alter beginnen, sich gegen althergebrachte kirchliche Normen aufzulehnen und patriarchale Verkrustungen aufzubrechen, nachdem sie gegen ihren Willen aus dem Kloster ausquartiert wurden und in ein Pflegeheim übersiedeln sollten.
"Nonnen tätigen das kirchliche Äquivalent zu „Anzeige ist raus“ und schicken einen Brief an den Vatikan."
Kirchenapparat vs. spätgefundenes Revoluzzertum, dazu eine Prise Lokalpolitik.
Das ist Stoff für Entertainment. Irgendwie wurde dann ein mediales Dauerfeuer samt Instagram-Account mit hunderttausenden Followern daraus. Die Nonnen waren plötzlich omnipräsent. Nonnen tätigen das kirchliche Äquivalent zu „Anzeige ist raus“ und schicken einen Brief an den Vatikan. Nonnen nehmen Boxunterricht. Nonnen bekommen Treppenlift (geschenkt, Anm. d. Red.). Nonnen lassen Buch über sich selbst veröffentlichen. Nonnen sind nicht mehr auf Instagram. Nonnen sind doch wieder auf Instagram.
Wie man dazu auch stehen mag: Inzwischen ist vielleicht eine gewisse boulevardeske Übersättigung in Bezug auf die Aktivitäten der Damen bzw. jenen, die ihre Aktivitäten auf Instagram steuern und kommunizieren, eingetreten.
Letztens kam dann ein neuer Aspekt hinzu: Ehemalige Klosterschülerinnen, legten offen, dass eine der Schwestern in ihrer Funktion als Lehrerin psychische Gewalt und „übermäßige Strenge“ ausübte, an deren Spätfolgen die betroffenen Frauen bis heute leiden. Die Geschichte der rebellischen Nonnen ist nun um einen Aspekt reicher und ich würde fast wetten, es war auch nicht der letzte.
Der zweite Höhepunkt in Sachen Protest in Salzburg, Sie ahnen vermutlich, was jetzt kommt:
Die Reaktion auf die Streichung des Pflegebonus durch die Landesregierung. Tausende gingen im November auf die Straße, um ihrem Ärger darüber Luft zu machen.
Der Hintergrund: Salzburg wagt als einziges Bundesland den Alleingang, das vom Bund bereitgestellte Geld nicht dem intendierten Zweck, also der direkten Auszahlung an das Pflegepersonal, zuzuführen, sondern nicht näher genannten Investitionen ins Gesundheitswesen.
Wir erinnern uns: Vor fünf Jahren waren Pflegerinnen und Pfleger von der Politik medienwirksam beklatschte, systemrelevante Heldinnen und Helden.
Heute ist so wenig von dieser damals zur Schau getragenen Wertschätzung übrig, dass die nunmehrige Landeshauptfrau den Protestierenden, dem Pflegepersonal des ganzen Bundeslandes, mit thatcherischem Feingefühl die Worte „Ich habe nicht das Ziel, von allen geliebt zu werden“ ausrichtet. Bis Sommer 2026 wird der Pflegebonus nun noch ausbezahlt, danach muss der feuchte Händedruck aus Coronazeiten als Zeichen der Wertschätzung wieder reichen, so das Signal. Bleibt zu hoffen, dass die nächste Pandemie noch lange auf sich warten lässt.
Überhaupt: Protest als Reaktion auf anhaltende Ungerechtigkeit im sonst so obrigkeitshörigen Salzburg? Davon bräuchte es eigentlich mehr.
Und meine ich kein wutentbranntes Nach-unten-Treten oder gewaltsamen Vandalismus, sondern ein Zusammenstehen für jenen kleinsten gemeinsamen Nenner, der uns allen am meisten bedeuten sollte: Die Möglichkeit auf ein Leben in menschenwürdigen Umständen. Wehrhafte Demokratie hieß das mal…. Mal sehen, wie viel davon sich ins Jahr 2026 rüberretten lässt.
PS: Wenn wir schon dabei sind, bei dieser Zahl, bei 2026:
Es gibt wie immer eine Farbe des Jahres. Die Pantone, die Mutter aller Farben, hat sich dafür „Clouddancer“ ausgesucht. Ein abgetöntes, ratlos machendes Weiß. Nicht greifbar.
Blendende Absenz von allem. Die Wandfarbe des Warteraums an der Pforte zum Jenseits. Hat auch bisschen was von Gummizelle oder schon oft gewaschener, leicht angegrauter preloved Zwangsjacke…
Aber wer weiß (no pun intended…). Vielleicht wird 2026 ja auch ganz toll und in keinster Weise prophetisch diesen Farbassoziationen entsprechend.
In diesem Sinne: six seven oder so. Kommen Sie gut rüber und durch.
Schiaches Salzburg” ist unser Außenposten fürs Unangenehme und bringt laufend neue Krach- und Sachgeschichten aus SBG.
Gefunden haben wir diesen Account auf Instagram, wo er als @schiaches.salzburg die halbschattigen Seiten der Stadt herzeigt. Was es dort gibt? Found objects, Kurioses aus dem öffentlichen Raum und andere schiache Sachen aus der schönsten Stadt Österreichs. Immer mit im Gepäck? Gesunder Grant, absurder Humor und Sinn für Unsinn.