Aus dem Magazin

Body Positivity: Mensch, finde dich doch schön!

Warum es für mich kein feministisches Statement ist, seinen Körper lieben zu müssen.

Social Media sei Dank haben wir ja schon den ein oder anderen Hype mitgemacht. Den Size Zero Models mit ihrer makellosen Porzellanhaut folgte Bodytrend schlank und trotzdem fit, was schließlich zwingend in der Body Positivity-Bewegung mündet.

Nun ist es angesagt, sich gängigen Schönheitsdoktrinen zu widersagen und jeden Körper als ein Wunderwerk der Natur zu bestaunen. Gewürzt mit einschlägigen Hashtags und Fotos, die nur so von female Empowerment strotzen, ist Body Positivity zu einem Wettkampf verkommen, wie man sich selbst nun am besten am schönsten findet. Trotz Makel.

Obwohl ich mich gerne durch Instagram-Kanäle scrolle, um kurvige und muskulöse Frauen bei ihrer Selbstzufriedenheit zu bewundern, bleibt auch immer ein bitterer Nachgeschmack. Plus Size Model und Body Positivity-Guru Ashley Graham zum Beispiel. Ihre Ausstrahlung und ihre Selbstakzeptanz können mir durchaus gefallen. Es ist einerseits erleichternd, wie selbstverständlich jemand mit dem eigenen Erscheinungsbild umgeht, wenn es so lange als nicht darstellungswürdig galt. Gleichzeitig denke ich aber auch, dass ich das an Grahams Stelle nicht könnte: In ihrer Haut stecken und den eigenen Körper der Allgemeinheit als Zielscheibe für Diskussionen über Schönheitsnormen anzubieten. Und vor allem: Mich immerzu und überall selbst schön zu finden. Der bittere Nachgeschmack, der bei mir bleibt, ist ein Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit.

 

Schließlich sind es widersprüchliche Botschaften, zwischen denen die Frauen meiner Generation wie ein Spielball hin und hergeschmissen werden. Wir wollen irgendwie schlank sein und dann doch wieder nicht. Weil schlank sein heißt, sich dem zu fügen, was die Gesellschaft uns aufbürdet. Nicht schlank sein heißt wiederum, selbstbestimmt und -liebend mit dem eigenen Körper umzugehen, aber auch, aus dem Schönheitscluster rauszufallen. Alle Botschaften der letzten Jahrzehnte haben eines gemeinsam: Es geht immer um die Schönheit, egal in welcher Form.

Was ich dabei dann empfinde, sind Schuldgefühle, weil ich mir nun mal besser gefalle, wenn das Bäuchlein Richtung Sommer wieder flacher wird.

Was ich dabei dann empfinde, sind Schuldgefühle, weil ich mir nun mal besser gefalle, wenn das Bäuchlein Richtung Sommer wieder flacher wird. Oder wenn es wieder mal diese Tage gibt, an denen ich nicht jede Körperfalte liebevoll streicheln kann und will. Die Body Positivity-Bewegung ist ein zweischneidiges Schwert und löst in mir wieder einen Vergleichszwang aus, weil ich mich mit Vorbildern battlen muss, die immerzu nur zufrieden mit sich selbst sind. Schönheit wird wieder gemessen, nur in einer anderen Skala: Am schönsten ist, wer sich selbst am schönsten findet. Es geht immer noch um die Schönheit, egal, in welcher Form.

 

Wenn Models mit gefleckter Haut oder Prothesen anstelle knochiger Beine über ihren langen Weg zur Selbstliebe erzählen, die sie nun endlich wie eine kanonensichere Festung umgibt, fühle ich mich nicht nur bestärkt und empowered. Ihre Body Positivity kleidet sich in eine Form der Eitelkeit. Wer sich selbst nicht schön findet, hat in Sachen Selfcare gewaltig verloren. Und sie alle, die Dicken, Sommersprossigen und Narbenträgerinnen die sich unendlich schön finden, sind Gewinner. Und da fängt es an: Ich möchte nicht ständig damit konfrontiert werden, wie sich Selbstzufriedenheit selbst feiert. Weil manchmal, da will ich mich nicht selbst feiern. Ich möchte zwischen all der Selfcare und Body Positivity nicht allein gelassen werden, wenn ich diese Tage der Unzufriedenheit habe, sondern viel mehr darüber reden, wie Menschen sich in ihrer Haut wirklich fühlen, wenn sie ihre Eitelkeit ablegen.

Nachdem wir nun mit dem Finger auf die Makel zeigen, zucken wir wohlwollend mit den Schultern und sagen: Du entsprichst zwar nicht der Norm, aber, Mensch, finde dich doch trotzdem schön!

Das Problem bleibt schließlich dasselbe und es hängt am Wörtchen „trotz“. Sich trotz seiner Makel selbst zu lieben ist ein Mantra, das man, wenn es nach einschlägigen Ratgebern ginge, am besten mehrmals am Tag herunterbeten sollte. Zum einen wird nämlich sehr wohl genau definiert, was als Makel gilt. Nachdem wir nun mit dem Finger auf die Makel zeigen, zucken wir wohlwollend mit den Schultern und sagen: Du entsprichst zwar nicht der Norm, aber, Mensch, finde dich doch trotzdem schön! Und genau diese normative Haltung setzt Frauen unter Druck. Sie ist kein aufmunterndes Schulterklopfen an schwachen Tagen, sondern ein selbstgefälliges Grinsen. Das Anderssein muss nicht nur hervorgehoben, sondern auch noch auf dem Präsentierteller drapiert und geliebt werden. Schließlich ist es ganz und gar nicht feministisch, das eigene Anderssein kritisch zu beäugeln.

Das eigene Anderssein kritisch zu beäugeln, ist aber nun mal eine zutiefst menschliche Eigenschaft. Sich mit anderen zu vergleichen wird uns kein noch so guter PR-Gag rausprügeln. Also hört auf zu diktieren, wie wir uns zu fühlen haben. Lasst uns stattdessen darüber reden, wie wir uns tatsächlich vorkommen. Sagt uns mit einem aufmunterndem Schulterklopfen, dass schwache Tage in Ordnung sind, dass die Unzufriedenheit auch ab und zu da sein darf. Es wird uns nicht gelingen, auf dem Schlachtfeld Körper als Sieger hervorzugehen, wenn wir stur an einem Soll-Zustand festhalten, den wir nur mit Selbstdisziplin und Unterdrückung negativer Gefühle erreichen können. Denn sobald diese Scheuklappen abgelegt sind, können wir uns entspannt zurücklehnen und wissen: Ein bisschen unzufrieden sind wir ab und zu doch alle, so what? Dann geht es auch endlich nicht mehr nur um unsere Körper und was sie am schönsten macht. Dann geht es um unsere Einstellung, unsere Haltung und unsere Gefühle, die ja doch in diesem schönsten Körper feststecken. Schließlich haben wir nicht nur unsere Schönheit.

Veronika Ellecosta

Veronika Ellecosta ist aus Südtirol ausgewandert, des Studiums und des Auswanderns wegen. Ist in Salzburg angekommen. Hat bei Fräulein Flora Unterschlupf gefunden und begonnen, die Stadt schreibend zu erkunden und damit immer wieder aufs Neue anzukommen.