Glueck
Aus dem Magazin

Anleitung zum Glücklichsein

Sinah Edhofer war auf der Suche nach dem Glück

Glücklich sein ist nicht schwer: Wer zu seinem Glück finden will, muss nur Verantwortung für sich selbst übernehmen und aufhören, sich ständig mit anderen zu vergleichen, sagen Expert*innen.

Irgendwann zwischen Ausbildungsende und Adoleszenz wurde das Leben zu einer Aneinanderreihung lästiger Verpflichtungen: Zum Stress in der Arbeit oder in der Uni gesellt sich der Freizeitstress, bei dem Tinder-Dates und Networking- Termine ständig kollidieren und so nicht nur ein Chaos im Terminkalender, sondern auch in den Herzen anrichten. Mit der Quarter-Life-Crisis kommen die Existenzängste und der Druck, irgendwas Besonderes, Cooles und Wichtiges im Leben machen zu müssen. Sei es, um auf einer dieser „30 unter 30“-Liste zu landen, um 10.000-Instagram-Follower zu erreichen oder weil man Mutti und Vati stolz machen will.

Und dann ist da noch diese verdammte Sehnsucht. Einfach nur mal abhängen, am Strand liegen oder einem Hobby nachzugehen, das klingt alles so … einfach. Wir sind eine Generation, die gelernt hat, dass man sich Zufriedenheit erst verdienen muss. Dass es erst weh tun muss, bevor es gut sein darf: Liebe, Job, das eigene Äußere – konstante und sozial erwünschte Baustellen, die uns ständig davon abhalten, einfach mal zu sein und dabei glücklich zu sein.

„Wenn ich erst mit dem Studium fertig bin, dann…“

Das Glücklichsein wird ständig aufgeschoben: in den Feierabend, aufs Wochenende, auf den nächsten Urlaub oder vom Beziehungsstatus abhängig gemacht. Es wird gekoppelt an erbrachte Leistung und an einen optimierten Körper, an einen Zustand, der nicht der Realität entspricht.

Und doch scheinen Menschen gar manisch auf der Suche nach diesem Gefühl zu sein, das den ganzen Körper durchströmt. Dieses Gefühl, das man Glück nennt. Emotionstrainer und Glücksforscher Manfred Rauchensteiner definiert Glück als einen Gefühlszustand, bei dem sich die Vorderseite des Oberkörpers leicht und weit anfühlt: „Glück ist, wenn man frei, gut und tief atmen kann. So einfach ist das.“

Ein Zustand, der nicht willkürlich passiert. Denn unser geistiges Wohlbefinden richtet sich vor allem nach unseren Gedanken: „Der Körper unterscheidet nicht zwischen dem, was gerade tatsächlich passiert, und dem, was wir denken. Wenn wir an etwas denken oder reden, das uns Angst macht, geht es uns automatisch schlechter.“ Heißt: Wer ständig über die Zukunft, die letzte Beziehung, den nervigen Job grübelt oder „Probleme“ in Marathongesprächen totdiskutiert, dem geht es schlecht. Auch, wenn in diesem Moment vielleicht augenscheinlich alles passen würde.

Glücksexpertin Margot Maaß unterscheidet zwei Arten von Glück: die Glücksmomente und die Lebenszufriedenheit. „Beides ist wichtig für ein glückliches und gelingendes Leben. Wenn wir nur den Glücksmoment hätten, wie die Lust, den Genuss, die Ekstase oder die Begeisterung, hätten wir ein ernstzunehmendes Problem, denn wir gewöhnen uns daran und wollen immer mehr.“ Ein hedonistischer, vergnügungssüchtiger Lifestyle macht also langfristig auch nicht glücklich.

Um Glück in unser Leben zu bringen, brauche es deshalb auch Lebenszufriedenheit: „Damit verbunden sind beispielsweise Herzlichkeit, Harmonie, Werte und Sinn.“ Kurzfristige Glücksmomente sind für das wahre Glück also ebenso wichtig, wie auch eine grundsätzliche Lebenszufriedenheit.

Alle wollen die Work-Life-Balance und das große Liebes- und Lebensglück, aber niemand traut sich, einfach glücklich zu sein. Warum? Weil wir leistungsgetrieben, geltungssüchtig und ängstlich sind. Weil wir alles haben wollen und nicht zwischen dem unterscheiden können, was wir brauchen und was wir wollen: „Leistungs- und Geltungsdrang haben viel mit unserer Sozialisierung und unserem Wertesystem zu tun. Viele von uns sind so erzogen und bekommen von der Gesellschaft vermittelt, dass eher die Leistung als der Mensch zählt“, erklärt die Glücksexpertin.

“Aber das Hamsterrad schaut eben nur von innen aus wie eine Karriereleiter.“

Das mache viele zu Getriebenen. „Menschen, die ständig nur ihre Karriere im Fokus haben, leiden unter der Vorstellung, dass sie erst dann glücklich sind, wenn sie ihr Ziel erreicht haben. Aber das Hamsterrad schaut eben nur von innen aus wie eine Karriereleiter.“ Dieses Verhalten, das zumeist auf Erwartungshaltungen anderer beruhe und dessen man sich oft nicht bewusst sei, könne dazu führen, dass man Dinge tut, ür die man wenig persönliche Leidenschaft aufbringt. Der Preis dafür ist hoch: „Oftmals endet dieses Spiel mit Burnout“, weiß Maaß.

Mitschuld sind die ständigen Glaubenssätze, die wir in unserem Kopf abgespeichert haben und gebetsmühlenartig wiederholen: Wer will ich sein? Wie soll mein Leben ausschauen, meine Wohnung, mein Auto, mein Partner? Wir leben in Eventualitäten, zwischen Zeitplänen, in der Zukunft, der Vergangenheit – aber nie im Hier und Jetzt. Hör auf zu grübeln Was kann man gegen diese systematische Selbstsabotage tun? „Aufhören, diese Gedanken zu denken“, rät Emotionstrainer Rauchensteiner. Thanks, Captain Obvious!, denken jetzt vielleicht einige.

Dennoch ist es sinnvoll, sich bewusst zu machen, dass man eine Wahl hat. „Man hat immer zwei Möglichkeiten, wie man mit Situationen umgeht. Entweder man lehnt sie ab und lässt negative Gefühle erst gar nicht zu. Oder man sagt „Ja“ zum negativen Gefühl und schaut sich realistisch an, was man als nächstes tun kann, um eine Situation zu verändern“, erklärt Rauchensteiner. Menschen machen nämlich gerne alles und jeden dafür verantwortlich, wenn es ihnen schlecht geht, nehmen sich selbst aber aus der Verantwortung. Wer glücklicher werden will, muss deshalb anfangen, Verantwortung für sich und sein Leben zu übernehmen: „Unzufriedenheit ist oftmals verbunden mit einem exogenen Weltbild, also der Erwartung, dass mein Umfeld für mein Glück verantwortlich ist. Das kann nicht funktionieren“, so Maaß. Der Vergleich mit anderen sei übrigens der beste Weg zur Unzufriedenheit, sagt die Glücksexpertin und Sinnstifterin.

Generation WHY?

Oft scheint es, dass man mit zunehmendem Alter den Zugang zu sich selbst verliert und plötzlich nicht mehr weiß, was einen überhaupt glücklich macht. Deshalb hat das Meer der Möglichkeiten überhaupt die Chance, den eigenen Seelenfrieden zu stören – nämlich dann, wenn man gar nicht genau weiß, was man überhaupt will. Es scheint, als ob eine Generation zunehmend begreift, dass man erst zu sich finden muss, bevor man glücklich wird: Noch nie wurde ein Kurs so gut besucht, wie „Glück“ an der Yale University. Man könnte jetzt zynisch darüber witzeln, warum Yale ein sehr teures Selbsthilfeseminar für wohlstandsverwahrloste Elite-Hipster anbietet – oder danach fragen, ob unsere Jugend vielleicht verstanden hat, warum nicht nur Leistung, sondern auch Wohlbefinden zählt. Glücksforscher Rauchensteiner begrüßt die zunehmende Awareness und die sich langsam etablierende kritische Haltung gegenüber Karrieredenken und Konsumwahn. „Die heutige Generation sieht, wie die vorige Generation zerbricht, sich ihr Leben lang aufgeopfert und nur gehackelt hat. So ein Leben wollen die nicht!“ Und damit hat er wohl gar nicht unrecht: Modelle wie das bedingungslose Grundeinkommen oder die Vier-Tage- Woche werden gerade gerne und viel diskutiert

Get Lucky!

Das Streben nach Glück an sich ist nichts Neues, sondern war schon immer und überall auf der Welt Thema: Freud, Aristoteles und sogar die amerikanische Unabhängigkeitserklärung gaben Glück als ein tiefes Bedürfnis an, nachdem jeder Mensch strebt und auch streben darf. Im Königreich Bhutan ist nicht das Pro-Kopf-Einkommen der wichtigste Indikator für den Wohlstand der Gesellschaft, sondern das Bruttonationalglück. Nur in unserer westlichen Leistungsgesellschaft, so scheint es, darf man über Glück nur in diversen Selbstfindungs-Seminaren und esoterischen Kursen philosophieren. Oft fängt man viel zu spät an, darüber nachzudenken – zum Beispiel dann, wenn sich das Burn Out anbahnt oder man einen Ausweg aus einer unglücklichen Beziehung sucht. Eine glückliche Bevölkerung ist auch aus politischer und wirtschaftlicher Sicht erstrebenswert: „Wer eine positive Lebenseinstellung hat, legt einen wichtigen Grundstein für die eigene Gesundheit“, erklärt Maaß. „Glückliche Menschen haben ein gestärktes Immunsystem und sind weniger oft krank, sie sind produktiver und nutzen ihre Stärken, sie haben mehr Spaß bei der Arbeit und sind erfolgreicher.“

Glücklich und erfolgreich sein schließt sich nämlich nicht aus, auch wenn überambitionierte Workaholics anderer Meinung sind. „Wenn wir Glück als grundlegende Währung des Menschen betrachten, verlieren Gier und Macht an Bedeutung. Das würde viel zum Positiven verändern, in vielen Unternehmen und in der Gesellschaft“, vermutet die Glücksexpertin, die 25 Jahre in der Wirtschaft tätig war: „Eine positive Lebenseinstellung verbunden mit einer als sinnvoll empfundenen Arbeit führt fast automatisch zu mehr Wirksamkeit, an deren Ende Leistung und wirtschaftlicher Erfolg stehen kann.“ Tu es einfach Manfred Rauchensteiner rät zu mehr Mut. Wenn deine Beziehung nicht mehr läuft, dann beende sie. Wenn du unglücklich in deinem Job bist, dann mach’ was Neues. Junge Menschen sollten sich außerdem keine Jobs mit dem Gedanken suchen, diese eine Tätigkeit für den Rest ihres Lebens machen zu müssen: „Der Wunsch nach Veränderung ist ein ganz normales menschliches Bedürfnis. Menschen im direkten persönlichen Umfeld raten einem oft von einschneidenden Veränderungen ab. Ich sage: Ob Jobwechsel mit 45 oder das Beenden einer Beziehung, die nicht mehr gut tut – Mach es einfach, dein Leben geht sowieso weiter!“ Ein Tipp, den man sich zu Herzen nehmen kann. Vielleicht bringt er ja Glück.

Manfred Rauchensteiner ist Glücksforscher und Emotionstrainer in Linz und Margot Maaß ist Glücksexpertin und Sinnstifterin in Wien. Gemeinsam mit Siegfried Neubauer bringt sie Menschen und Unternehmen zum Aufblühen.


Dieser Artikel ist zuerst im QWANT. Magazin, Ausgabe 2/ 2018 erschienen. Die Autorin Sinah Edhofer ist Journalistin und schreibt auf theblackshirtblog.com über no fake shit und just realnass.

 

Foto: Camille Orgel on Unsplash