Aus dem Magazin

Mein Abend mit Andreas Gabalier

Der Alpenelvis hat in Salzburg aufgespielt.

Nach seiner langen Tournee ist Andreas Gabalier wieder dahoam in Österreich. Dahoam ist die heile Welt, wo die Berge sind und die Diandln noch Dirndln tragen, wird er uns im Laufe des Abends erklären. Ich war auf seinem Konzert und habe mich alles andere als dahoam gefühlt.

Um halb acht ist die Salzburg Arena schon gut befüllt. Verständlich, ist das Konzert vom Andi doch schon seit Monaten ausverkauft. Wer ihm ganz nahe sein will, beeilt sich besser um einen guten Platz. Die Klügsten stehen lange schon ganz vorne und drücken ihre lederhosen- und dirndlgequetschten Körper gegen die Absperrungen. Viele von ihnen tragen Accessoires der Marke Gabalier: Sonnenbrillen mit Geweih und rotweiß karierte Tücher etwa.

Mit Bier haben sich viele von ihnen schon die Wartezeit verkürzt. Unter ihnen ein Mädchen, 17 Jahre jung wird sie heute, wie sie einem Herrn in Rotweiß und Tracht erklärt. Sie wird darauf hoffen, dass ihr Idol und Star auf sie aufmerksam wird. Geburtstagswünsche vom Gabalier, da hat man was zu erzählen. Neben und hinter ihr reihen sich Kinder an Mütter und Väter und viele junge Frauen in jeglicher Ausführung von Oktoberfest-Dirndln. Der Gabalier, und das weiß man auch als Auswärtige, liebt seine Zuckerpuppen, und seine Zuckerpuppen lieben ihn.

Langsam wird die Masse ungeduldig. Auf den Bildschirmen oberhalb der Bühne spielen noch Werbespots, es ist schon kurz nach acht. Und dann ist es soweit: Mit einem erleichternden kollektiven Jubel geht die Musik los und belohnt die Wartenden mit einer Diashow. Vom Andi noch keine Spur. Beginnend mit den 1950er Jahren dürfen wir alle großen Popstars der Musikgeschichte bewundern. Elvis und die Beatles, Michael Jackson und irgendwo dazwischen auch ein Babyfoto vom Gabalier. Gabalier als Volksschüler, Gabalier als Teenager, Gabalier zu den Anfängen seiner Karriere. Kurz: Er wurde mitten hinein in das Firmament der Musikgeschichte geboren. Und während das Publikum sich noch jauchzend über die süßen Fotos vom Andi freut, knallt es schon laut und wie ein Dschinn erscheint der große Sohn hinter einem fulminanten Bühnenfeuerwerk. In knackiger Lederhose mit Steppweste und rotweiß kariert.

Und wie es sich so gehört, singt er erstmal a Liad für uns. Er okkupiert die ganze Bühne, läuft von links nach rechts wie ein aufgeregter Dackel und schleudert seinen Fans seine bezauberndsten Grinser entgegen. Zur Ruhe kommt er nicht. Auch wenn er einmal stehenbleibt, das Mikrophon mit dem Rehbockgeweih in seinen bodenständigen Händen (Marke Gabalier), lässt er seine Hüfte laszive kreisen und der Bildschirm hinter der Bühne präsentiert uns seinen Po in der engen Lederhose. Für jeden Hüftschwung erntet er dankbares Kreischen.

Die Stimmung ist jetzt schon am Kochen. Ganz gut, würde man sagen, gesellig, sagt der Gabalier. Seine Tournee hat ihn vom „heiligen Land Tirol“ bis nach Hannover geführt, aber jetzt ist er wieder dahoam. Dann singt er weiter, breitbeinig, Gabalier nennt es bodenständig. Es geht immer mal wieder um die gute alte Zeit, die schöne kleine Welt und die Frauen, Diandln, wie Gabalier sie nennt. Er macht seine Sache mit der Sehnsucht gut. Keiner weiß genau, was er damit meint, wenn er über Dahoam und wie’s früher war singt. Aber soviel ist klar, der Heimatsbegriff, der gehört dem Gabalier.

Dann weist er die Securities an, die Kinder aus dem Publikum in den Fotograben zu heben. Und es kommt Bewegung in die Masse. Eltern drängen nach vorne zu den Absperrungen und die Kinder trippeln strahlend gen Bühne. Dafür lieben sie ihn, wahrscheinlich alle, die sich hier versammelt haben. Singt er Balladen auf der Bühne, schunkeln sie mit dem leuchtenden Smartphone mit. „Andreas du geile Drecksau!“, schreit eine junge Dame im Leomuster-Dirndl und lacht betrunken. Neben mir nimmt ein Vater seinen Sohn bei den Händen und tanzt mit ihm im Kreis. Die Menschen hier sind dankbar, dass Gabalier ihre Welt für einen Abend heil gemacht hat. Er ist nicht nur ein Sexgott, sondern auch ein moderner Jesus.

Doch auch Propheten haben ihre Häretiker, damals wie heute. „In der Öffentlichkeit gibt es dann wieder Skandälchen, weil der böse böse Gabalier einigen Medien zu bodenständig ist“, spottet er und erntet, wie sollte es auch anders sein, begeisterte Pfiffe. Er, Andreas Gabalier, spricht gerne in der dritten Person von sich, in Ehrfurcht davor, was und wer er ist. Angefangen habe das 2014, als er bei diesem Formel 1 Rennen die Hymne gesungen habe, fährt er fort. Mehr muss er gar nichts sagen, weil ihn die Masse wieder mit Jubel unterbricht. Er lacht zufrieden. Unter seinen Jüngern gibt es keinen Judas. So böse sei der Gabalier nicht, und die Hallen immer noch ausverkauft. „Danke, dass ihr euch eine eigene Meinung bildet!“ Dann singt er mit ernster Miene „A Meinung haben“. „Is des der Sinne einer Demokratie? Dass ana wos sogt und die andern san stü“, singt er und es wird ruhig in der Konzerthalle. „A Meinung ham, dahinter stehn; den Weg vom Anfang zu Ende gehen“ und die Botschaft ist klar: Gabalier wird seine Lederhose niemals ablegen, egal, was die Medien sagen.

Genausowenig wird er aufhören, aus Frauen Zuckerpuppen zu machen. Wo seine Zuckerpuppen sind, will er vom Publikum wissen. Und dann passiert das Unglaubliche: Irgendjemand wirft tatsächlich seinen BH Richtung Gabalier. Dieser schmeißt sich auf den Boden, räkelt sich und dreht den BH zwischen seinen Fingern und man möchte meinen, zu träumen. Aber Andreas Gabalier ist a nur a Bua, wie er uns gleich singend wissen lassen wird. „Des Hannerl hob i in Brunnen obigwoschn / Ober net lang dann hots mir eine gfloschn“ singt er und beginnt wieder mit dem über-die-Bühne-Hoppeln. Die Diandln hier nehmen’s ihm nicht übel. Im Gegenteil.

Die Stimmung wird immer ausgelassener und den Refrain von „Hulapalu“ können alle mitgrölen. Andreas Gabalier lässt die kleine, heile Welt balladesk ausklingen. „Jemand hat einmal gesagt, ich bin der letzte, der Österreich auf seinem Weg begleitet. Das hat mich mit Stolz erfüllt“, sagt er, bevor er „Amoi seg ma uns wieder“ anstimmt. Dieses Österreich ist vermutlich sein viel besungenes Dahoam, und alle hier, die Diandln und Lederhosen, sind Teil davon. Nur, was ist mit den anderen?

Veronika Ellecosta

Veronika Ellecosta ist aus Südtirol ausgewandert, des Studiums und des Auswanderns wegen. Ist in Salzburg angekommen. Hat bei Fräulein Flora Unterschlupf gefunden und begonnen, die Stadt schreibend zu erkunden und damit immer wieder aufs Neue anzukommen.