Aus dem Magazin

Äthiopier. Queer. Stolz.

Wieso Noel und Negede ihre Heimat verlassen haben

2016 haben Noel und Negede ihr Heimatland verlassen, um an einem LGBTIQ- Kongress in Salzburg teilzunehmen. Zurückgekehrt sind sie nie. Die Situation dort wurde zu gefährlich für Aktivisten wie sie: In einer offen homophoben Gesellschaft, die Homosexualität mit Gefängnis ahndet. Untergekommen sind die in einer Salzburger Wohngemeinschaft für LGBTI- Refugees. Denn auch unter den Geflüchteten herrscht oft noch ein feindliches Klima gegenüber den queer People.

Foto: Jasmin Walter

„Seid ihr denn zusammen?“, ist die letzte Frage meines Interviews mit Noel und Negede und eigentlich die erste, die man ihnen immer stellt. Sie lachen. Zusammen seien sie nicht. Aber sie stehen alles zusammen durch: Den Weg zu mehr Sichtbarkeit in Äthiopien, wo es per Gesetz keine Schwulen gibt. Den Weg nach Österreich, weil es in Äthiopien keine Schwule geben darf. Nun sind sie hier: zusammen, in einer WG eigens für LGBTI- Flüchtlinge, weil es auch in der Salzburger Flüchtlingscommunity genügend Menschen gibt, die ihre Homosexualität verurteilen.

Negede trägt ein Nasenpiercing, auf den Fingernägeln die Reste von Nagellack. Dass er anders war, habe er schon immer gewusst. Nach eigenen Aussagen “irgendwie femininer”. In einer protestantischen Familie ist er aufgewachsen, Missionarsschulen hat er besucht, wo sich alles um Gott und die Bibel gedreht hat. Bevor er selbst wusste, wer und wie er war, wussten es die anderen. Sie haben ihn in Schubladen gesteckt. Irgendwann hat er dann einen Jungen geküsst, mit 12 oder so. „Ich fühlte mich zu ihm hingezogen. Ich wusste, dass es falsch war und dass es nicht nur mich, sondern auch meine Familie in die Hölle bringen würde. Du weißt schon, Sodom und Gomorra.“

Foto: Jasmin Walter

Bis heute, fügt er hinzu, habe er mit dem Jungen nicht darüber geredet. Das kann man in Äthiopien nicht. In Äthiopien, sagt Noel, haben Schwule kein Gesicht. Und zeigen sie doch Eines, droht ihnen Gefahr, im Gefängnis zu landen. Je nachdem, wie schwer das Vergehen ist: “Hast du HIV, oder bewirbst du Homosexualität, kann dich das schon mal bis zu 20 Jahre kosten”, erzählt er. Genau das haben Noel und Negede aber gemacht. 2012 haben sie sich auf Facebook kennengelernt. Soziale Netze waren der Untergrund, in denen sich in ihrem Land eine Community zusammenschloss. Negede selbst hatte ein zweites Profil für sich angelegt, in dem er seine Identität als schwuler Mann zeigen konnte. In seinem Netzwerk fanden sich bald 3.000 andere jungen Menschen mit ähnlichem Schicksal: die online das sein wollten, was ihnen offline verwehrt wurde. Einer unter ihnen war Noel.

Noel sagt, dass seine Kindheit leichter gewesen wäre als Negedes. Seine Mutter habe ihn weniger konservativ erzogen. Mit 15 hatte er sein Coming Out, auch das hat seine Mutter akzeptiert. Sie habe sich nicht gefreut, das nicht, aber akzeptiert habe sie es. Noel, dieser ernste junge Mann mit kurzen Dreads sitzt rechts von mir. Von Kind auf an sei er wütend gewesen. „Ich wusste ja von klein auf, dass das nicht meine Schuld war. Meine Wut war größer als Schuldgefühle und Scham.“ Durch sein selbstbewusstes und männliches Erscheinungsbild sah er sich auch nicht mit Mobbing konfrontiert. Bis er einen Schulkollegen datete. Dann begannen die Probleme. Der Schulkamerad entschied sich für ein Mädchen, weil er sich falsch fühlte. Es gäbe eine hohe Suizidrate in der queeren Community. Weil Menschen sich falsch fühlten.

Foto: Jasmin Walter

Noel und Negede sind Freunde geworden, sind feiern gegangen, haben sich beide gegenseitig in ihrer Selbstfindung bestärkt. 2013 waren sie zusammen auf einem Protestmarsch, der für die Todesstrafe für Homosexuelle plädierte als Gegendemonstranten. Das war der Zeitpunkt, an dem sie beschlossen, eine Organisation zu gründen. „An dieser Stelle muss man fragen, was Aktivismus ist? In einem Land wie Äthiopien ist es schon aktivistisch, über Homosexualität zu sprechen.“ Noel und Negede haben über Homosexualität gesprochen. Sie haben Kondome und Gleitgels besorgt und sie an die Community verteilt. Sie haben Ärzte gesucht, die bereit waren, Homosexuelle zu behandeln, auch das sei in Äthiopien keine Selbstverständlichkeit. Ihr Engagement hat darin gegipfelt, dass sie auf dem Hausberg der Hauptstadt Addis Abeba die LGBTI-Flagge gehisst haben. Mit vermummten Gesichtern, versteht sich. „Es ging um den Berg, der ist heilig. Es war ein politisches Statement.“ Irgendwann kam der Punkt, wo es kein zurück mehr gab. Die Menschen seien ihnen auf die Schliche gekommen, Nachbarn haben Noel angeschwärzt. Die Polizei ist dann gekommen und hat Noel verhört.

 

Einmal wurden sie auf offener Straße von einem Mob verprügelt, man schickte ihnen Morddrohungen. Es wurde immer gefährlicher für Noel und Negede. Die Mitarbeiter aus dem Haus sind untergetaucht oder in andere Staaten ausgewandert. Zuletzt wurde ihre Anonymität aufgehoben und sie in Sozialen Medien mit Namen, Foto und Wohnadresse geoutet. Die Seite, auf der das geschah, hieß „Let ́s stop the Gay Pastors“. In Äthiopien dachte man, Noel und Negede würden Homosexualität wie Pastoren predigen und verbreiten.

2016 sind Noel und Negede nach Salzburg gereist, schon zum zweiten Mal, und haben eine Konferenz zum Thema LGBTI besucht. Während der Konferenz spitzte sich die Lage in ihrer Heimat zu. Die Regierung hatte den Notstand ausgerufen, es gab Tumulte. Bürger*innen übten sich in Selbstjustiz. Schnell war klar, dass es auch jetzt kein zurück mehr geben würde. Mit dem wenigen Hab und Gut, mit dem sie ausgereist waren, mussten sie sich in Salzburg niederlassen und Asyl beantragen. Aufgefangen hat sie in Salzburg die WG für LGBTI Refugees, eine Kooperation zwischen Jugend am Werk und der

HOSI, der Homosexuellen-Initiative Salzburgs. Bernhard Damoser hat sie im Zuge eines Projekts für seine Masterarbeit über die Situation von queeren Flüchtlingen in Österreich gegründet. Dort leben die beiden zusammen mit zwei anderen Männern, die ein ähnliches Schicksal haben. “Man kann Menschen, die vor feindlich gesinnten Landsleuten fliehen, nicht mit denselben Leuten in eine Unterkunft stecken”, sagt Noel. In Wien zum Beispiel, ergänzt Negede. Dort waren die beiden zusammen bei der Vienna Pride. „Ich hatte die äthiopische Fahne hochgehalten. Ich bin Äthiopier und ich bin queer. Und ich bin stolz. Manche Leute sind deswegen ausgeflippt.“ In derselben Stadt wurden sie auf der Straße von einem Somalier tätlich angegriffen.

Wenn sie sich durch Salzburgs Straßen bewegen, kommt es vor, dass man ihnen hinterher ruft. Das seien meistens Somalier, Araber, Syrer. Menschen, die aus derselben Welt kämen wie sie selbst. Im Gebäude, in dem sie mit zwei anderen Flüchtlingen wohnen, wohnen auch andere Flüchtlinge. „Sie mögen uns nicht. Aber sie können nichts machen, wenn sie uns nicht gerade in der Nacht alleine treffen.“ Schwule Flüchtlinge gäbe es zur Genüge, im Geheimen. Noel selbst hat in Salzburg einen gedatet. Doch öffentlich bekennen will sich kaum jemand. Zu groß ist die Angst, in den eigenen Reihen geoutet zu werden, wo Homophobie weit verbreitet ist.

“Als Asylwerbende in einem fremden Land bieten wir viel Angriffsfläche. Wir sind nicht vollends integriert, können die Sprache nicht so gut.” Noel bleibt immer ernst, wenn er redet. Bei ihnen sei das was anderes. Sie seien Aktivisten, sie stünden dazu. Nicht ohne Stolz sagt er das. In der Flüchtlingscommunity seien sie die Schwulen. Und in Österreich die Ausländer, setzt er fort „In Österreich denke ich nicht mehr daran, schwul zu sein. Ich denke hier eher daran, schwarz zu sein.“ Man begegne ihnen mit Misstrauen und rassistischen Kommentaren. Busse fahren an ihnen vorbei, im Supermarkt gibt es blöde Sprüche zu hören. Er wird aufgeregt. „Die Menschen halten uns für gefährlich.

Seit der Flüchtlingswelle noch mehr als davor. Wir werden nicht als Individuen betrachtet. Aber wir haben eine eigene Geschichte. Und nein, ich bin nicht hier, um dir dein Geld wegzunehmen. Ich bin hier, weil ich daheim eingesperrt werden würde! Und jetzt darf ich nicht arbeiten. Wenn man mir die Möglichkeit gäbe, würde ich arbeiten und mein Geld selbst verdienen.“ Er schweigt, denkt kurz nach. „Aber nein, in Österreich ist man nicht homophob. Es ist nur die nächste Herausforderung. Österreich hat Angst, und ich verstehe das. Da sind viele Menschen, du verstehst ihre Sprache nicht, es muss sich befremdlich anfühlen. Als ob man ihnen das Vertraute wegnimmt. Aber wir sind Teil ihrer Geschichte.“ Und Negede fügt leise hinzu: „Ich habe mich nirgendwo sicherer gefühlt.“

Dieser Artikel ist im Original im QWANT. Magazin (Ausgabe 4/2017) erschienen.

Veronika Ellecosta

Veronika Ellecosta ist aus Südtirol ausgewandert, des Studiums und des Auswanderns wegen. Ist in Salzburg angekommen. Hat bei Fräulein Flora Unterschlupf gefunden und begonnen, die Stadt schreibend zu erkunden und damit immer wieder aufs Neue anzukommen.