Mischmasch

6 Monate autofrei in Salzburg: eine Zwischenbilanz

Zwischen Verzweiflung und Freiheitsgefühl

„Aber, wie geht ihr dann einkaufen?“

Seit Juli 2022 gibt’s bei den Floras kein Auto mehr. Mit einer Vorlaufzeit von einigen Monaten haben wir aufs Rad umgesattelt und Mitte des letzten Jahres ernst gemacht. Vorab gab es ganz viele Meinungen und noch mehr Fragen zu dieser Entscheidung: Wie geht ihr einkaufen? Wie besucht ihr die Eltern? Wie kommt ihr von A nach B? Wie soll das mit Kindern gehen? Alles gute Fragen, wie wir finden. Und deswegen gibt’s jetzt eine kleine Zwischenbilanz zu sechs Monaten ohne Auto in Salzburg. 

Vorab vielleicht noch eine Info: Arbeit und Wohnung sind in unserem Fall fünf Gehminuten voneinander entfernt. Unser Wirkungsbereich ist beinahe zu 100 Prozent in der Stadt Salzburg. Und wir fahren gerne Rad.

#1 Kein Auto in Salzburg zu haben ist unbequem

Die Sommermonate in Salzburg waren einfach nur herrlich. Morgens an der Salzach radeln. Vor einem Laden stehen bleiben, absteigen, absperren und nicht 25 Euro Strafzettel zahlen müssen – herrlich. Radfahren im Sommer und Herbst ist zwar anstrengend (weil körperliche Betätigung), aber sehr lohnend (weil gutes Körpergefühl). Bis Ende November ließ sich dieser Traumzustand aufrecht erhalten, dann kam der erste (und letzte?) Schnee. Diverse Krankheiten haben das Radfahren auf Eis gelegt und das mühsame Leben eingeläutet. Ohne Rad ist Salzburg unbequem, mühsam, kraftaufwendig. Und wir haben uns oft gewünscht, einfach ins Auto einsteigen zu können und uns, mit Sitzheizungswarmen Popsch, im Stau einzureihen. Naja.

>>> Schon gelesen: 10 Dinge, die ich am Radfahren in Salzburg hasse <<<

#2 Pro Monat legen wir ca. 300 Kilometer am Rad zurück

Mit dem Rad als Haupt-Verkehrsmittel kommt man schnell auf eine beachtliche Anzahl an zurückgelegten Kilometern. In unserem Fall sind das ca. 14 Kilometer pro Tag (an terminintensiven Tagen bis zu 20) und das mindestens fünf Tage die Woche. So haben wir, die Wochenenden ausgenommen, rund 300 Kilometer pro Monat in die Unterschenkel gefahren. Täglich waren es ca. eine Stunde, was einem Kalorienumsatz von 200 bis 800 Kalorien (wissen wir nicht genau, wie schnell wir waren) entspricht. Wir sagen es offen: Abgenommen haben wir nichts, zugenommen dafür auch nicht. Rechnet man das Ganze in Kilometergeld fürs Rad um, kommen wir bei 0,38 Euro pro Kilometer im Monat auf 114 Euro pro Person, die steuermindernd eingesetzt werden können. Auch nicht nichts.

#3 Zwei fast Unfälle, ein echter Unfall

Wer viel Rad fährt, hat – zumindest in Salzburg – gute Chancen auf einen Unfall.  Vor allem auf bestimmten Strecken helfen nur Hoffen und Bangen ums eigene Leben. Wir sprechen hier von der Sterneckstraße mit ihrem blutroten Radstreifen in der Fahrbahnmitte. Oder auch von vielen Bereichen in Lehen. Oder eigentlich von allen Straßen, die NICHT über die Salzach-Radwege zu erreichen sind. Uns hätte es zweimal fast und einmal tatsächlich erwischt: Einmal in der Vogelweiderstraße, wo wir unsere Räder am Gehsteig geschoben haben, als uns ein Auto bei einer Parkplatzausfahrt auf die Motorhaube genommen hat. Nur touchiert, nix passiert, aber oben gesessen ist schon eine von uns. Einmal an der Salzach, wo eine Person in einem geparkten Auto auf Höhe S-Bahnstation Mülln einfach die Tür aufgerissen hat und wir fast reingetuscht sind. Und einmal im Stadtwerk, wo Eva beim Überqueren eines Zebrastreifens von einem Mopedfahrer mitten am Schutzweg niedergefahren wurde. Da war sogar das Krankenhaus nötig. Sicher ist Radfahren ins Salzburg nicht.

Wenn wir nach einer kleinen Radfahrt am Ziel ankommen, sind wir entspannt und ausgeglichen. Eine Staurunde im Auto durch die Stadt Salzburg hat genau den gegenteiligen Effekt.

#4 Wer mit dem Bus unterwegs ist, praktiziert puren Stoizismus

Weil das Rad die Wintermonate Pause macht, nutzen wir vermehrt die Öffis. Außerhalb der Stadt läuft das einwandfrei. Richtung Tennengau z. b. ist die Anbindung super und es gibt keine Probleme. Im Gegenteil: Oft ist man mit den Öffis schneller, als mit dem Auto. In der Stadt ist das eine ganz andere Kiste: Aufgrund von Fahrer*innen-Mangel wechselt die Bustaktung öfter, als es uns lieb ist. Manche Busse kommen einfach nicht, manche Busfahrer (!) sind angfressen und fahren zfleiß weg, wenn man noch vor der Tür steht und auf den Öffnungs-Knopf drückt. Meistens fahren die Busse, die wir brauchen, sowieso nur alle 15 bis 20 Minuten und dann heißt es warten. Was wir gelernt haben: Immer ein Buch im Rucksack dabei haben. Buszeit ist Lebenszeit.

#5 Vieeeeel billiger

Pro Monat haben wir für die Leasingrate unseres Auto ca. 300 Euro hingelegt. Dazu gut 100 Euro Benzin, die Vignette, Service, Reifenwechseln und einlagern. Parkgebühren und kleinere Unfälle. Macht pro Jahr ca. 5.800 Euro. Mit dem Klimaticket Salzburg bestreiten wir ein ganzes Jahr für 365 Euro pro Person. Und obwohl wir uns gutes extrem gutes Radlzeug (Regenoutfit von Patagonia, gscheide Helme, Handschuhe, Lichter, etc) zugelegt haben, bleiben mehrere Tausend Euro für andere Dinge übrig. Repariert werden unsere Räder übrigens bei Carla Velorep, das sich bei uns ums Eck in der E-Vorstadt befindet.

Ja, so fertig kann man auch zwischendurch mal ausschauen. Aber lasst euch nicht täuschen, die Freude übers Klimaticket ist echt.

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#6 Richtig viel Bewegung, die wir so niemals gemacht hätten

Für uns ein sehr wichtiger Punkt: Bewegungszwang durch Alternativlosigkeit. Wir sind unfassbar faul, wenn es ums Körperliche geht und haben uns in den letzten Jahren so wenig wie möglich bewegt. Dank Auto ist es uns selbst nicht einmal aufgefallen, WIE wenig wir per Muskelkraft durch die Welt gegangen sind. Das Auto ist aber weg und wir müssen nun jede Strecke per Rad, zu Fuß oder mit dem Bus zurücklegen. Soll heißen: Wenn wir nicht mit dem Rad fahren, schaffen wir die 10.000 Schritte ohne Probleme, mit dem Rad schaffen wir 14 Kilometer pro Tag ohne Probleme. Das ist wie Sport, ohne dass man sich dazu motivieren muss. Haben wir uns selbst ausgetrickst.

Hackenporsche: [1] scherzhaft, Berlinerisch:

zweirädriger Einkaufswagen, der an einem meist ausziehbaren Griff gezogen wird und meist dazu dient, Einkäufe vom Markt oder Supermarkt nach Hause zu transportieren.

#7 Einkaufen mit dem Lastenrad

Die Sache mit dem Einkaufen ist tatsächlich etwas tricky. Wir sind natürlich auch (nach allen anderen) draufgekommen, dass es in unseren geheiligten Zeiten günstiger ist, nicht täglich fünf Teile vom Spar mit nach Hause zu nehmen, sondern Wocheneinkäufe zu machen. Unser Haus- und Hof-Hofer ist in der Science City und eigentlich mit dem Rad gut erreichbar, aber transportmäßig blöd gelegen. Die Lösung hat uns Jakob vom Fanzy Bikes geliefert. Er hat unser altes Post-Lastenrad repariert. Mit dafür passenden Kisten fasst das Rad einen Wocheneinkauf und ist auch noch superschön dabei. Und sogar für den Fall, dass Einkaufen mit dem Rad grad nicht geht, gibt’s mittlerweile eine Lösung. Lacht uns bitte nicht aus, aber wir haben jetzt einen Einkaufstrolley, mit dem wir größere Mengen Lebensmittel hinter uns herziehen können, ohne uns das Kreuz zu brechen. Unser Hackenporsche ist von James und wenn er schon an sich uncool ist, sieht er zumindest süß aus, während er uns große Plackerei erspart.

#8 Rail & Drive, Taxis und nette Menschen, die uns mitnehmen oder ihr Auto borgen

Es kommt nicht jeden Tag vor, aber schon immer wieder: Manchmal braucht man einfach ein Auto. Bei größeren Einkäufen bzw. beim Transport von Möbeln. Oder wenn man irgendwo hin muss, wo es einfach keine Öffis gibt. Zu diesem Zweck haben wir uns bei Rail & Drive angemeldet. Das ist ein Service, bei dem man stundenweise Autos leihen kann, noch dazu in der Nähe vom Bahnhof situiert. Ab und zu fahren wir jetzt auch mit dem Taxi, weil es praktisch ist bzw. wenn es nicht anders geht. Und natürlich haben wir das große Glück, dass es viele nette Menschen in unserem Leben gibt, die ihr Auto mit uns teilen, wenn es mal nötig ist. Das haben wir in den letzten sechs Monaten sicher 15 Mal in Anspruch genommen.

Das Parkpickerl haben wir zwecks Nostalgie aufbehalten.

Was wir noch sagen müssen:

Wir haben eigentlich sehr wenige Freund*innen oder Familienmitglieder, die ein Auto haben. Die wohnen aber meistens in Städten wie Wien, Berlin oder auch Oslo. Salzburg ohne Auto ist eine ganz andere Nummer. Wir finden es phasenweise sehr anstrengend und extrem unbequem, vor allem in den Wintermonaten, wo es immer dunkel und kalt ist. Die Überwindung, mit den Öffis oder mit dem Fahrrad zu fahren, ist groß. In den wärmeren Monaten hingegen ist eine reine Freude und macht wirklich Spaß. Wir melden uns wieder, wenn das erste autofreie Jahr um ist.

Eva ist eine richtige Ex-Exil-Salzburgerin. Frankreich, USA, Schweiz - aber nirgends ist es wie zuhause. Journalismus, Marketing (Kosmetik und dann Bier) und eigentlich redet sie auch ganz gern.

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