„Und wenn wir dann von Alkohol oder Fernsehen geredet haben,
sagten uns die Leute, dass wir lieber auf die Abhängigen vom Bahnhof schauen sollten“, erzählt Anne. Viele Jahre hat es gedauert und viel Arbeit gekostet, ein Bewusstsein für den Begriff „Sucht“ zu schaffen. Die Frage zu formulieren: Was ist überhaupt Sucht?
2001 kam Gerald Brandner zur Fachstelle Suchtprävention, vor einigen Jahren hat er die Teamleitung übernommen. In Workshops mit Jugendlichen, Eltern oder Pädagog*innen besprechen die Leute der Suchtprävention die Fragen: Was suche ich mir als Fluchtweg, wenn es mir schlecht geht? Was tut mir gut? Und welche Wege gibt es, mit Gefühlen umzugehen.
30 Jahre Sucht im Blick: Was hat sich in den letzten drei Jahrzehnten in Salzburg verändert?
Für Jugendliche damals war der Alkohol sehr verfügbar, viele Menschen haben sogar 11-Jährigen Alkohol verkauft. Dass sich dieser Satz heute falsch anfühlt, hat etwas mit Bewusstseinsbildung zu tun. Man weiß, ein Gesetz macht nur Sinn, wenn die Bevölkerung dahintersteht, sagt Anne. Sind Eltern nicht davon überzeugt, dass Alkohol für Kinder ungesund ist, nützt kein Gesetz und keine Androhung einer Polizeikontrolle. Damals stand der Alkohol im Mittelpunkt und vielleicht auch Fernsehen, jetzt geht es um Social Media, immer noch Nikotin. Dinge, die verfügbar sind und die wir (noch) nicht so gefährlich finden. Trotzdem: Das Thema Sucht hat es immer gegeben. Es waren nur andere Bereiche.
Welche Süchte beschäftigen uns und euch aktuell am meisten?
Gerald: Mit Sicherheit die digitalen Medien, soziale Medien und die Frage: Was machen sie mit uns? Das Ganze vermischt sich mit Glücksspiel-Elementen. Die Industrie ist da sehr dahinter und Jugendliche möglichst bald mit ihren Themen beschallen zu können.
Anne: … Kinder auch einzufangen.
Machen wir es der Industrie schwer, die Kinder einzufangen?
Anne: Nein, eben nicht.
Gerald: Was die Nutzung vom Smartphone betrifft, gibt es kaum einen Unterschied zwischen Alt und Jung. Unsere Gesellschaft fördert ja diesen massiven Konsum, diesen ungeregelten Konsum. Jetzt hat man zwei oder drei Generationen ausprobieren lassen: Was passiert, wenn das Smartphone ungeregelt konsumiert wird?
Anne: Die Nutzung vom Smartphone hat so viele Auswirkungen, die uns gar nicht bewusst sind. Mittlerweile weiß man, was es mit einem Baby macht, wenn die Mutter oder der Vater nicht „verfügbar“ sind. Wenn ein Baby keine Reaktion auf Geräusche und Bewegungen bekommt, dass es sich emotional nicht entwickeln kann. Auf so vielen Ebenen sehen wir, wie sich Smartphone-Konsum auswirkt.
Was kann man noch beobachten?
Anne: Menschen, die viel passiv herumsitzen, fehlt motorische Entwicklung. Das Gehirn braucht Motorik, um lernen zu können. In einer Jugendphase hat das Herumsitzen viel mehr Impact. Wir sehen, dass Jugendliche sich schwerer tun in der Kommunikation, dabei, zwischenmenschliche Erfahrungen zu machen. Dabei ist das alles ist noch nicht mal vollständig gesammelt. Und wir sprechen hier nicht von Sucht, sondern dem bloßen Smartphone-Gebrauch. Das hat so viel Einfluss auf unsere Gesellschaft, da wird einem fast schwindlig. Wenn ich alle Auswirkungen zusammenfüge, wenn Eltern am Handy sind und nicht mit ihrem Kind spielen – da kann man fast in Panik geraten. Aber es nützt nichts, wenn Wissenschaftler*innen Dinge wissen, wir Menschen müssen ein Bewusstsein entwickeln. Wenn wir das nicht schaffen, ist niemand bereit, Gesetze anzunehmen.
Suchtprävention beginnt bereits im Kindergarten.
Gerald und Anne arbeiten viel mit Multiplikator*innen zusammen, gehen in Kindergärten, sprechen in Schulen, in Lehrbetrieben, mit Eltern. Sprechen mit allen, die zuhören und die Zusammenhänge zwischen Alltag und Sucht verstehen wollen. Warum schon im Kindergarten? „Weil es wichtig ist, dass Pädagog*innen verstehen, wie wichtig es ist, dass sich Kinder in Gruppen wohlfühlen, wie wichtig es ist, alle einzubeziehen“, erklärt Gerald.
Anne: Jugendliche, die sich z. B. schwer tun in der Schule, hibbelig sind, kriegen oft Schimpf und negatives Feedback. Beim Computerspielen machen sie Punkte, haben Spaß, können sich austauschen, kriegen nur Wertschätzung. Da ist es logisch, dass sie mehr gefährdet sind. Es hängt also auch von der Gesellschaft ab. Wie gehen wir mit Leuten um, die sich nicht so anpassen? Die es nicht schaffen, 50 Minuten in der Schule stillzusitzen und nur zu antworten, wenn sie gefragt werden? Das ist unsere Aufgabe, die Zusammenhänge aufzuzeigen und nicht nur zu sagen: Das ist schlecht oder das ist ein Suchtmittel und das darfst du nicht tun, so einfach ist das nicht. Die Leute sehen: Das Computerspiel ist das Problem, Computerspielen ist böse. So einfach ist das nicht, genauso wenig wie bei Alkohol und Nikotin, es braucht eine Gesellschaft, die offen dafür ist, sich wegzubeamen.
Soziale Beziehungen wirken also präventiv gegen Sucht. Was noch?
Die Rahmenbedingungen, die Bedürfnisse aller berücksichtigen. Anne wurde in einen Betrieb gerufen, weil die Lehrlinge einfach zu viel geraucht haben. Sie war dann vor Ort und wollte mit den Lehrlingen arbeiten. In der Zwischenzeit war die restliche Belegschaft rauchen. Zusätzlich war es Usus mit Kund*innen zu rauchen, um Beziehungen zu festigen. So funktioniert das nicht, sagt Anne: „Es nützt nichts, Jugendlichen zu sagen: Alkohol und Nikotin sind nicht gesund, vor allem nicht in deinem Alter. Und dann verkaufen wir es überall – mit Minze und Gummibärgeschmack.“ Eigentlich zynisch, findet Anne, wir schicken Kinder in einen Süßigkeitenladen, sagen, ihr dürft nichts nehmen und schauen dann weg.
Warum tun wir uns denn so schwer damit?
Gerald: Die Menschheit hat sich nicht gravierend verändert. Es geht immer darum, Lust zu erleben und Unlust zu vermeiden. Jeder Mensch will eigentlich ein gutes Leben mit guten Gefühlen. Das Verlockende von Suchtmitteln ist, dass es einem für einen überschaubaren Zeitraum besser geht. Die Verlockung ist in unserer Konsumgesellschaft enthalten. Was sich verändert hat, ist das Tempo. Alles ist schneller, kurzlebiger und unverbindlicher geworden. Auch im Sozialen sind wir unverbindlicher geworden. Mit allen Vor- und Nachteilen.
Alles, was gut ist für mich ist anstrengend: Sich bewegen, ausgewogen essen, keinen Alkohol, keine Zigaretten, nicht zu viel scrollen. Gesund leben klingt so anstrengend. Wie kann ich diese Einstellung ändern?
Anne: Früher hat man Ex-User in die Klasse geschickt, die erzählen, wie böse alles ist, das hilft gar nichts. Es geht darum, das andere, das Gesunde, schmackhaft zu machen, es vorzuleben. Wenn ich Eltern habe, die rausgehen, wenn sie schlecht drauf sind, die sagen: Ich geh jetzt spazieren, dann lernen Kinder diesen Umgang mit negativen Gefühlen. Wenn man erlebt hat, dass gutes Essen gut tut, dass man mehr Energie hat, dann fällt es einem nicht so schwer, darauf zu achten. Wenn ich Wege habe, um mich glücklich zu fühlen, wenn ich befriedigende Sozialkontakte habe, dann muss ich keine Dose Keks leeren. Uns geht es darum, aufzuzeigen: Was brauchen Menschen im Leben? Und welche Wege gäbe es? Aber nicht umgekehrt: Es geht dir schlecht, du solltest eine Runde laufen gehen.
Was wäre euer Wunsch für bessere Rahmenbedingungen? Wenn ihr euch alles wünschen könntet?
Anne: In der Wissenschaft gibt’s ein Modell, das „Sucht-Dreieck“: Suchtmittel, Person, Umfeld. An allen drei Ecken muss angesetzt werden. Lebenskompetenz-Förderung ist wichtig, Lehrer*innen müssen mehr darauf vorbereitet werden, Menschen zu begleiten und nicht nur Stoff zu pauken. Außerdem muss der Stellenwert von z. B. einem Kindergarten neu verhandelt werden. Dass es sich hier „nur“ um Arbeit mit Kindern handelt. Wir müssen uns fragen: Was passiert mit Menschen in ihrer Entwicklung und was wird in den ersten zehn Jahren alles an Rüstzeug fürs Leben aufgebaut? Das wird total unterschätzt. Betriebe werden gefördert, Fluggesellschaften kriegen Milliarden, aber für was „Banales“ wie Kinderentwicklung ist gar nichts übrig. Das ist etwas, das weht tut.
Was können Eltern tun, um suchtpräventiv zu arbeiten?
Gerald: Sich überlegen: Wie geht man selbst mit Suchtmittel um, wie ist der eigene Konsum, auch vom Smartphone. Manche Eltern machen Regeln, die aber nur für die Kinder gelten. Das funktioniert nicht. Vorbildwirkung ist ein wichtiger Faktor. Alternativen anbieten ist ein möglicher Weg. Wie kann ich mich in Balance bringen, wenn es mir nicht gut geht? Wir nennen das „Tankstellen“, also Orte, wo wir uns „aufladen“. Zocken oder Fernsehen können Tankstellen sein. Es muss aber auch andere geben: Rausgehen, ein Brettspiel spielen. Diese Tankstellen wirken länger, als das kurzfristige in Balance bringen mit Medien oder mit Suchtmitteln. Suchtgefährdet bedeutet: Immer, wenn es mir schlecht geht, dann zocke ich. Wenn es mir gut geht, auch. Die Ausgewogenheit ist entscheidend.
Smartphone, Nikotin, Alkohol: Tut sich politisch ausreichend, um dem entgegen zu wirken?
Gerald: Die Politik hinkt immer den gesellschaftlichen Entwicklungen hinterher. Die Diskussion zum Smartphone-Verbot für unter 14-Jährige ist auch für uns wertvoll, weil geredet wird drüber. Wie sinnvoll so eine Forderung ist, wenn sie nicht von Lebenskompetenzförderung und Medienkompetenzförderung begleitet wird, ist eine andere Sache. Aber klar ist: Es braucht die Regulierungen, die zeigen: Man lässt die Gesellschaft damit nicht allein.
Anne: Die Politik kann erst Maßnahmen setzen, wenn die Bevölkerung dahintersteht. Wenn sehr viele Menschen meinen, das ist Blödsinn, ich will nicht, dass meine persönliche Freiheit eingeschränkt wird, traut sich die Politik nicht drüber. Zuerst muss Bewusstsein da sein.