Das Putzen des LKW
Aus dem Magazin

Trucker-Tagebuch: Wir sind wieder zuhause!

Das Ende des Trucker-Tagebuchs!

Es ist kurz vor 6 in der Früh, ich kann mich weder an das Aufstehen, noch an die kurze Fahrt bis Attnang-Puchheim, wo wir neue Waren laden, erinnern, weil ich den schlimmsten Kater meines Lebens habe.

Freitag früh

Am Vormittag landen wir wieder auf dem Firmengelände, wo vor sechs Tagen unsere Reise begonnen hat. Nach gut 90 Stunden Arbeit und knapp 4.000 gefahrenen Kilometern. Truckerboy bringt die ganzen Lieferscheine ins Büro, macht Smalltalk mit den Kollegen und ich erfriere halb im Auto.

Dann fährt er den Truck in die große, betriebsinterne Waschstraße und beginnt, ihn von Außen mit dem Hochdruckreiniger sauber zu machen. Auch das ist Standard, wird nach jeder Tour gemacht, man will ja etwas gleich sehen. Ich habe mittlerweile eine ordentliche Migräneattacke, der harte Wasserstrahl klingt in meinen empfindlichen Ohren wie ein Maschinengewehr.

Was ich dann aber schon irgendwie genieße, sind die großen bunten Walzen, die die Scheiben putzen und der schöne Flashback in die Kindheit, den sie mir bescheren.

Irgendwann ist der Truck sauber, der Bürokram erledigt, Truckerboy schleppt erst unser ganzes Gepäck, den restlichen Kühlschrankinhalt und dann schlussendlich mich in sein Auto, lacht mich noch ein paar mal liebevoll aus und fetzt mit mir nach Salzburg. Nach einer Woche im LKW ist es unglaublich ungewohnt, in einen normalen PKW zu sein. Man sitzt so weit unten, hat keinen Platz, fühlt sich schutzlos. Aber vor allem: überhaupt nicht so cool, sondern gewöhnlich.

Zuhause freuen wir uns über die Dinge, die sonst so normal sind: Das saubere Klo, die Dusche, wo keine grauslichen Dinge drinnen wachsen und die Temperatur konstant bleibt, das Bett, in dem wir nebeneinander Platz haben. Und trotzdem: Es ist richtig merkwürdig, wieder da zu sein.

Epilog oder “Was bleibt”

Was bleibt, ist vor allem das große Kopfschütteln. Nicht nur bei mir, sondern auch im Freundeskreis, in der Familie, wenn ich von meiner vergangenen Woche erzählt habe. Kopfschütteln, über die irren Wege, die unsere Waren zurücklegen, über die Arbeitszeiten, die jemandem, der auf die Uni geht oder einen regulären 9-5 Job hat, unmenschlich vorkommen.

Kopfschütteln erst recht, wenn man die Arbeitsbedingungen in ein Verhältnis zu dem stellt, was Truckerboy und die tausenden anderen Fernfahrer gesetzlich verdienen. Und natürlich ist auch mein Konsumverhalten noch ein bisschen durchdachter geworden, ich versuche mich besonders im Bereich Lebensmittel verstärkt auf saisonale und regionale Produkte zu konzentrieren.  Trotzdem geht es schnell, letztens wäre mir auch fast wieder das israelische Basilikum in den Einkaufswagen gefallen, bevor ich es kopfschüttelnd wieder zurück in die Kühltheke geräumt habe.

Was auf jeden Fall auch bleibt und mir stark auffällt, ist, wie anders ich LKWs und deren Fahrer nun sehe. Sie fallen mir jetzt auch dann auf, wenn sie mich nicht gerade fast überfahren oder ich neben ihnen im Stau sehe. Ist der Blick erst geschult, merkt man, wie viele es sind.

Nicht nur auf der Autobahn, auch im Stadtgebiet. Ich sehe sie jetzt erst, beim Pause machen, nachts in den Seitenstraßen in Schallmoos, obwohl sie sicher schon immer da gewesen sind.

Und in jedem Truck sitzt einer, der in dieser Schicht wahrscheinlich schon hunderte Kilometer hinter sich hat, der Dinge quer durch Europa oder die halbe Welt fährt. Dinge, die ich wahrscheinlich auch zuhause stehen habe, als unerlässlich für mein Leben betrachte, egal, ob es nun wirklich so ist oder nicht.

Im Endeffekt lässt sich meine Truckerqueen-Woche aber auf ein ganz einfaches Wort runterbrechen und das ist: Dankbarkeit. Dankbarkeit darüber, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Dankbarkeit darüber, dass ich das Privileg habe, in so einer Luxusgesellschaft zu leben, wo ich eigentlich alles, was ich haben will, innerhalb weniger Tage auch bekomme. Dankbarkeit darüber, dass ich durch diese Woche wieder mehr hinterfrage, was ich wirklich brauche, um glücklich zu sein, wo die Grenze zwischen Bedarfsartikel und sinnlosem Luxus ist.

Ihr wollt die ganze Reise nachlesen? Do it!

#1 Prolog: Die Truckerbraut: Viertausendundzehn Kilometer

#2 Tag 1: Mit dem LKW von Salzburg nach Wales und zurück

#3 Tag 2: „Ums Verrecken könnt ich keine Tiere durch die Gegend fahren!“

# 4 Tag 3: “Jetzt wartets. I muss mi konzentrieren. Jetzt kommen die Nutten!“

# 5 Tag 4: „Weißt, ich bin ja echt einiges gewohnt. Aber das war die ekelhafteste Dusche meines Lebens!“

# 6 Tag 5: „Das machen sonst nur die im Uboot!“

#7 Tag 6: “Wer eine Warnweste trägt, gehört dazu!”

Dankbarkeit, dass ich diesen unglaublichen scheiß Job nicht selber machen muss. Vor allem aber auch, Dankbarkeit dafür, dass ich diesen Menschen kennengelernt habe, der mich ohne zu Zögern für eine Woche in seine Seifenblase entführt hat, auf mich aufgepasst und mir so viel gelernt, mein Weltbild in so kurzer Zeit unglaublich erweitert und mich trotz meiner gelegentlichen Zickereien nicht auf irgendeinem Autohof stehen gelassen hat.  Truckerboy, du bist cool.

Lisa an der Rehling

Hardfacts

gefahrene Kilometer: 4010

Länder: 7

beinahe überfahrene Tiere: 1

geschätzte Espressi pro Person: mindestens 50

geschätzte Seiterl pro Person: mindestens 15

gestohlene Sackerl Zucker: 27

geschätzte Eier pro Person: 12
Lisa-Viktoria Niederberger

Die Quoten-Oberösterreichin im Team hat die Salzburger und das Schreiben in und über Salzburg lieben gelernt. Ob literarisch oder journalistisch ist zweitrangig, in einer Stadt, wo man die Inspiration quasi vor der Haustüre findet.