Als unser Redakteur 18 Jahre alt war, wurden Pornos noch auf DVD gebrannt und Nokia verkaufte konkurrenzfähige Mobiltelefone! Was sich in seinem Leben seit damals verändert hat, hat er für uns zusammengeschrieben.

„Wenn einer in sein dreißigstes Jahr geht, wird man nicht aufhören, ihn jung zu nennen. Er selber aber, obgleich er keine Veränderungen an sich entdecken kann, wird unsicher; ihm ist, als stünde es ihm nicht mehr zu, sich für jung auszugeben.“

Ingeborg Bachmann, Das dreißigste Jahr

Mein Körper schaltet auf Selbstzerstörung

Ich weiß nicht, ob es wirklich am chronischen Bewegungsmangel liegt oder eher daran, dass ich mich heute nicht mehr ausschließlich von Zigaretten und Kaffee ernähre. Fakt ist: Seit ich 30 bin, werde ich jeden Tag fetter. Wenn ich es durch tägliche Bewegung irgendwie schaffe, nicht zu explodieren, dann werte ich das als Erfolg. An eine Rückkehr zum Waschbrettbauch brauchen wir gar nicht erst zu denken.

Das rapide Dicker-Werden ist übrigens nur ein Symptom meines körperlichen Verfalls. Andere gesellen sich dazu: An den seltsamsten Stellen meines Körpers wachsen Haare (traurigerweise nur nicht im Gesicht) und wenn ich zu lange im Auto sitze, tut mir das Kreuz weh. Auch hier gilt: Solange es nicht schlimmer wird, als es ist, lässt sich das als Erfolg verbuchen.

Wenn man dreissig wird

Ich habe Angst um meine Eltern

Als Jugendlicher habe ich oft davon geträumt, als Waisenkind aufzuwachsen – ich fand das wohl irgendwie romantisch. Der Gedanke, dass meine Eltern tatsächlich eines Tages sterben könnten, schien mir damals undenkbar. Seit einiger Zeit hat sich das verändert: Wann immer meinen Vater Kreuzschmerzen plagen oder meine Mutter ihren Hautausschlag hat, kriege ich es insgeheim mit der Angst zu tun. Und das nicht ohne Grund: Im letzten Jahr haben gleich mehrere meiner Freunde ihre Eltern verloren. Ob ich es wahrhaben will oder nicht: Während ich selbst altere, tun mir das die Menschen, die mich von Kindesbeinen an begleiten, gleich.

Ich werde feig

Zugegeben: Ein richtiger Held war ich nie. Ich bin nie aus Flugzeugen gesprungen oder habe Rapid-Hooligans Kaugummis in den Bart geklebt. Trotzdem habe ich wie jeder anständige Teenager zwischen 16 und 21 ziemlich viel Blödsinn aufgeführt. Ich bin nachts auf Sprungtürme geklettert, habe Dinge geraucht, die ich auf öffentlichen Toiletten gefunden habe und bin per Autostopp durch halb Europa gefahren. Wenn ich daran zurückdenke, kommt es mir manchmal wie ein Wunder vor, dass ich meine Jugend gänzlich unversehrt überstanden habe. Das Schlimmste ist allerdings: Seit ich 30 bin, sehe ich überall Gefahren lauern. Und wenn ich Jugendliche sehe, die über Stacheldrähte klettern, möchte ich sie warnen, anstatt mich gleich hinterherzustürzen. Kurz: bin ein richtiger Spießer geworden, der höchstens dann noch Müll aus dem Autofenster wirft, wenn er organisch abbaubar ist.

Ich bin ungeduldig

Rückblickend betrachtet war meine Studienzeit eine Phase unendlicher Langsamkeit. Ich habe bis drei Uhr Nachmittags geschlafen und den Rest des Tages mit Computerspielen, Musikhören und Lesen verbracht. Wie ich daneben jemals mein Studium abschließen konnte, ist mir bis heute ein Rätsel.

Dagegen ist mein heutiges Leben eine Art amphetamin-getränkter Irrsinn. Wenn ich nicht arbeite, liege ich mit offenen Augen im Bett und starre die Decke an. Statt Romanen lese ich im besten Fall noch Kurzgeschichten. Meine Aufmerksamkeits-Spanne bemisst sich in Netflix-Episoden. Die Wochentage sind auf Momente zusammengeschrumpft und jeden Abend frage ich mich, was ich tagsüber eigentlich gemacht habe.

Das mag furchtbar klingen, hat aber auch seine positiven Seiten: Im Gegensatz zu früher bin ich heute zwar ungeduldiger, dafür aber produktiver. Statt lange darüber nachzudenken, tue ich Dinge einfach. Nicht alles gelingt, aber in Summe doch mehr als früher.

Matthias als Jugendlicher

Ich kann nicht mehr alles werden

Als 12-jähriger habe ich oft davon geträumt, Fußballprofi zu werden. Obwohl ich realistisch betrachtet schon damals nicht gut genug war, bestand für mich zumindest die theoretische Chance, diesen Traum irgendwann zu verwirklichen. Heute hat die Realität die meisten meiner Tagträume eingeholt. Aus mir wird kein Christiano Ronaldo mehr, kein erfolgreicher Schauspieler, kein gefeierter Arzt.  Es macht mir zwar nichts aus, aber der Rückzug in meine kleine Traumwelt, in der ich alles sein kann, was ich möchte, fällt heute manchmal etwas schwerer als früher.

Klingt alles ganz furchtbar?

Nope, ist es nicht! Im Gegenteil: Das Leben als 30-Jähriger ist für mich trotz allem großartig. Und zwar weil ich es heute besser schaffe, mich von Dingen fernzuhalten, die mir auf die Nerven gehen. Ich bin zwar bescheidener geworden, aber immerhin gelingt es mir mittlerweile, die ein oder andere Idee umzusetzen, die mir durch den Kopf geht. Auf Leute, die mir erklären wollen, dass dies oder jenes nicht machbar wäre, höre ich nicht mehr. Die meisten von ihnen haben nämlich genauso wenig Plan vom Leben wie ich selbst, so why bother?!  Das ist keine große Erkenntnis, aber ich lebe ganz gut damit – zumindest für den Moment. Und mit 40 sehen wir weiter.

Matthias Gruber, Redakteur und Mitgründer von Fräulein Flora