Unsere Redakteurin ist einsichtig und entschuldigt sich hochoffiziell bei der App Tinder: Armor hat sie mitten ins Herz getroffen und hätte sie wohl nie anvisieren können, gäbe es Tinder nicht.

Völlig frustriert und desillusioniert lästerte ich im Herbst 2015 über das Flirtportal Tinder ab, in der Hoffnung mit meinen lehrreichen Erfahrungen sehnsüchtige LeidensgenossInnen zu erhellen. Auf Tinder würde man die Liebe nicht finden, es sei nur ein Ort wo Angebot und Nachfrage nach schnellem Sex und unverbindlichen Affären zusammentreffen würden und wo man nur abhängt, bis man „The One“ trifft. Alles falsch!

Als ich den Beitrag im letzten November verfasste, hätte ich nie vermutet, dass ein einziger, schicksalshafter Swipe nach rechts mein ganzes Leben verändern sollte.

Ironischer Weise lernte gerade ich meine große Liebe auf Tinder kennen. Als ich den Beitrag im letzten November verfasste, hätte ich nie vermutet, dass ein einziger, schicksalshafter Swipe nach rechts mein ganzes Leben verändern sollte. Da glückliche Pärchen-Stories keinen Arsch interessieren und voll peinlich sind, halte ich mich kurz: Wir trafen uns zum Spazieren, haben stundenlang geredet und sind seither unzertrennlich. Mittlerweile wohnen wir sogar zusammen.

Das soll hier jetzt kein: „Wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“-Beitrag werden.

Warum ich das hier schreibe? Das soll hier jetzt kein: „Wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her“-Beitrag werden. Aber eigentlich gibt es schon noch Hoffnung. Egal ob Tinder, Elite Partner oder Kleinanzeiger – wie wir die Liebe finden hat sich mittlerweile stark verändert. Früher suchten noch die Eltern die Ehepartner ihrer Kinder aus. Ganz ganz früher paarten wir uns mit dem Stärksten in der Sippe oder – ganz pragmatisch – mit dem, der den letzten Winter überlebt hatte. Unsere Eltern lernten ihre Partner auf der Uni, am Maskenball im Nachbardorf oder bei der Arbeit kennen. In unserer Generation wird es da schon schwieriger, die Person zu finden, mit der wir den Rest unseres Lebens verbringen möchten. Und der Grund dafür liegt darin, das der Rest unseres Lebens noch verdammt lange dauern wird.

Alternativ kann man natürlich auch auf das beliebte Modell der „Lebensabschnitts-partner“ zurückgreifen und auf diese Weise häufige Partnerwechsel vor nervigen Müttern legitimieren.

Durch die steigende Lebenserwartung in den Industrieländern werden auch die potentiellen Partnerschaftsjahre länger. Oder anders: Ein Menschenleben dauert nun so lange, dass man unterschiedliche Phasen durchläuft und sich verändert. Vor der Industrialisierung wurden die Menschen nicht so alt, die Partner starben oft sehr früh und man hatten damit die Chance nochmal mit jemand anderem von vorne anzufangen. Heute werden die Leute alt und müssen (aus Faulheit, wahrer Liebe oder Pragmatismus) mehrere Dekaden mit ein und derselben Person zusammenbleiben.

Den richtigen Partner zu wählen heißt im 21. Jahrhundert also jemanden zu finden, der voraussichtlich ähnliche Lebensphasen durchlaufen wird und mit einem mitwächst. Denn was für einen mit Anfang 20 gut ist, muss nicht auch noch mit Ende 40 oder in der Pension gut sein. Alternativ kann man natürlich auch auf das beliebte Modell der „Lebensabschnittspartner“ zurückgreifen und auf diese Weise häufige Partnerwechsel vor nervigen Müttern legitimieren.

Bin ich gerade in der „Ich bin neu in der Stadt zum Studieren“-Phase und möchte alles Mögliche ausprobieren, passt wohl eher eine unverbindliche Affäre zu mir.

Bin ich in der „Das Ticken der biologischen Uhr wird schon unerträglich laut“-Phase, suche ich wohl eher etwas Längerfristiges.

Befinde ich mich in der „Die Kinder sind aus dem Haus und ich habe mit meinem Partner gar nichts mehr gemeinsam“-Phase, wird es wohl Zeit zu neuen Ufern aufzubrechen.

All das kann man auf Tinder finden. Oder auf der Straße, oder beim Fortgehen, oder in der Bibliothek. Diese Person kann sich überall verstecken und daher sollte kein Mittel ausgeschlagen werden, sie zu finden. Die Partnersuche ist auch so noch schwierig genug, deswegen darfst du Tinder gerne nochmal eine Chance geben.

Aber zurück zu mir, denn darum geht es hier ja eigentlich. :p

Nachdem ich Tinder so verteufelt hatte, musste es natürlich ausgerechnet mich treffen. Mich hochnäsige Besserwisserin, die meint mit Mitte 20 schon genug Lebens- und Liebeserfahrung zu haben, um anderen Ratschläge geben zu können. Aber in diesem Fall irre ich mich gerne. Zur Strafe bekomme ich jedes Mal, wenn wir gefragt werden, wie wir uns kennen gelernt hätten, einen hochroten Kopf und werde Mucksmäuschen still. Karma is für gewöhnlich a bitch, aber diesmal hat sie alles richtig gemacht.