Am Obersalzberg, wo Hitler logierte, soll es Bunkerpartys geben, Nazipilgerfahrten und Schmierereien. Wir haben das Dokumentationszentrum besucht und sind den Gerüchten auf den Grund gegangen.

Dokumentation am Obersalzberg

Foto: Dokumentation Obersalzberg

Bunkerpartys gab es, ja, bestätigen Magdalena Oberpeilsteiner und Sonja Herzl-Förster. Die beiden Historikerinnen sind im Bildungsreferat des Dokumentationszentrums am Obersalzberg tätig. Eine Einrichtung, die seit 1999 unweit des historischen Berghofgeländes bei Berchtesgaden besteht.

Wo der Berghof einst stand, bevor ihn die Amerikaner 1952 endgültig sprengten. Sonja und Magdalena erarbeiten und betreuen die Dauerausstellung, Veranstaltungen und das didaktische Programm des Zentrums. Zusätzlich haben sie ein ZeitzeugInnenprogramm auf die Beine gestellt. Menschen aus der Region dürfen hier ihre Geschichte erzählen.

Aber nur manche lassen an ihren Erinnerungen teilhaben, viele schweigen. Nicht alle können erzählen, dass die Idylle damals am Obersalzberg trügerisch war. Später, als die Natur die zertrümmerten Gebäude schlucken und noch bevor die Dokumentation die Zeugnisse wieder an die Oberfläche bringen wollte, wurden hier Bunkerpartys gefeiert, ja. Aber meistens ohne rechtsextremistische Hintergründe, sagt Magdalena.

Bunker im Dokumentationsarchiv Obersalzberg

Foto: Dokumentation Obersalzberg

Rechter Tourismus hält sich hier, wie wir nicht vermutet hatten, in Grenzen. Trotzdem wird das Team vom Dokumentationszentrum gut auf eventuelle Zwischenfälle vorbereitet. Die Polizei führt zum Beispiel Schulungen durch. Wie verhält man sich in heiklen Situationen? Welche Handlung der Besuchenden ist erlaubt, welche illegal?

Grablichter und Hitler- Postkarten werden eingesammelt – falls denn mal welche da sind.

Täglich wird der Weg zu den nahen Berghof- Grundmauern angetreten. Grablichter und Hitler- Postkarten werden eingesammelt – falls denn mal welche da sind. Ein Schild, das regelmäßig beschmiert wird, wird ebenfalls mitgenommen, gereinigt und wieder aufgestellt oder gleich erneuert. Die „Ewiggestrigen“, so nennt sie Sonja lässt der Obersalzberg ansonsten weitgehend kalt.

So ist es auch heute. Wir schreiben den 20. April. Hitlers Geburtstag. Wenige Menschen besuchen die Ausstellungsräumlichkeiten, die Sonne scheint, die Stimmung bewegt sich zwischen gespenstisch und idyllisch. Hoch über uns thront das „Eagle’s Nest“, das Kehlsteinhaus, noch in Schneefeldern. Für uns ist es aber noch nicht geöffnet. Im Sommer oder eben ab Mai strömen Touristen aus aller Welt in die Hütte. Auch, weil es sich gleichzeitig um ein Gasthaus handelt. Und der Blick ins Berchtesgadener Land fantastisch sein soll.

Dokumentation Obersalzberg

Foto: Dokumentation Obersalzberg

Wie zufällig, so Sonja, erfahren dann viele von der Dokumentation. Schulexkursionen führen oft eher in ehemalige Konzentrationslager als hierher. Der Obersalzberg ist nämlich ein Täterort. Hier wird über historische Fakten informiert, Gedenkstätten und Orte der Trauer befinden sich anderswo.

Je mehr Besucher aus historischem Interesse herkommen, desto weniger rechten Tourismus gibt es.

Und die Bunkerpartys? Waren eher Erscheinungen der Achtzigerjahre, als das Gebiet brach lag. Gedenkschreine für den „Führer“ und Kioske mit Fanartikel waren keine Seltenheit. Heute ist das anders. Durch den Bau der Dokumentation wurden auch die letzten Naziparolen erstickt. Magdalena und Sonja stehen dort, wo sich früher die Berghofterrasse befand und Hitler saß. Sie schauen ins Berchtesgadener Land. Je mehr Besucher aus historischem Interesse herkommen, desto weniger rechten Tourismus gibt es. Dann haben sie ein Stück erfolgreich zu politischer Bildung beigetragen. Ein Stück zum Nie Wieder.