Das Wort Aderlass ruft bei Vielen Schreckensvorstellungen aus dem finsteren Mittelalter hervor: Eimer voll Blut, zwielichtige Bader und eiserne Gerätschaften, die vielmehr an brutale Werkzeuge als an medizinisches Besteck erinnern. Wir haben uns in Salzburg von einem Profi abzapfen lassen und uns angesehen, was es mit der uralten Praxis auf sich hat.

Mit leicht knurrendem Magen liege ich in einem hellen, zart-orange gestrichenem Zimmer. Zum Aderlass hat man nüchtern zu erscheinen, nicht mal Wasser war heute Morgen erlaubt. Ich blicke an die Decke, während ich einen leichten Stich in meiner rechten Ellenbeuge spüre. Ich muss nicht unbedingt sehen, wie sich die Metallnadel in meine Haut bohrt. Zuvor hat die Ärztin meinen Blutdruck gemessen und mich ob meiner deutlich sichtbaren Hauptvenen beglückwünscht. Kopf-, Herz- und Lebervene seien alle drei besonders schön ausgeprägt, stechen will sie heute aber nur die mittlere. Ich schaue dann doch an meinem Arm hinunter, aus dem nun ein dünner Schlauch hängt, durch den mein Blut in ein Marmeladenglas tropft. Während wir warten erklärt mir die Ärztin, wozu ich hier eigentlich Blut lasse.

Weit weniger als ich vom Blutspenden gewohnt bin, jedoch weit mehr als ich monatlich in Form meiner Menstruation zu Gesicht bekomme.

Der Aderlass sei in erster Linie eine Entgiftungstherapie bzw. Vorsorgemaßnahme zur Erhaltung der Gesundheit. Er rege die Selbstheilungskräfte des Körpers an, könne jedoch auch bei Bluthochdruck als ergänzende Behandlungsmaßnahme helfen, den Blutdruck zu regulieren. Zur Gesundheitsvorsorge sei er ein- bis zweimal jährlich zu empfehlen, nach Hildegard von Bingen sollte er nicht öfter als viermal pro Jahr angewandt werden.

Besonders wichtig neben der vollkommenen Nüchternheit des Patienten sei außerdem die Durchführung des Aderlasses bei abnehmendem Mond, also innerhalb von sechs Tagen nach Vollmond. In dieser Zeit gelangen die Gifte leichter über das Blut hinaus aus dem Körper, während sie sich sonst wieder zurück ins Gewebe ziehen und dort festsetzen.

Die Ärztin betont an dieser Stelle auch nur bei abnehmendem Mond Blut zu spenden, da sonst der Körper dazu angeregt wird, das fehlende Blut schnell nachzuproduzieren und es so zu einem Überschuss kommt. Obwohl ich heute von einer echten Ärztin angezapft werde, gilt der Aderlass nach Hildegard von Bingen unter vielen Schulmedizinern übrigens als eine Mischung aus Esoterik und Placebo.

Nach nur wenigen Minuten sind etwa 100 Milliliter Blut aus mir herausgetropft. Weit weniger als ich vom Blutspenden gewohnt bin, jedoch weit mehr als ich monatlich in Form meiner Menstruation zu Gesicht bekomme. Beim ersten Mal sei es immer weniger, weil man ja nicht wisse, wie der Patient reagiert, sagt die Ärztin. Ich fühle mich jedenfalls nicht besser oder schlechter als vor der Prozedur, raste aber noch ein wenig auf der Patientenliege und nehme dann einen riesen Schluck energetisierten Wassers, das mir gereicht wird.

Das Blut muss danach erstmal 2 bis 3 Stunden in Ruhe gelassen werden, damit es zur Stockung kommt. Dabei trennt sich das Blut in zwei Bestandteile. Im Zentrum des Glases bildet sich ein Pfropf, der aussieht, als wäre er eingelegt in ein helleres Sekret, das sogenannte „Blutwasser“. Anhand der Farben, Formen, Einkerbungen und anderen Auffälligkeiten, erkennt die Ärztin allein durch die Sichtdiagnose, wie es um die Gesundheit des Patienten bestellt ist.

Ich beuge mich hinunter und begutachte das eklige, aber faszinierende Gebilde, das aussieht wie eine Schwefelquelle auf dem Meeresgrund eines fremden Planeten.

Ich folge ihr in einen Nebenraum, wo vier Marmeladengläser voll Blutpfropfen vom Vortag stehen. Nie im Leben hätte ich erraten, dass es sich dabei mal um Blut handelte! Ein besonderer Pfropf erheischt meine Aufmerksamkeit. Ich beuge mich hinunter und begutachte das eklige, aber faszinierende Gebilde, das aussieht wie eine Schwefelquelle auf dem Meeresgrund eines fremden Planeten. Die Ärztin erklärt, dass der milchige Klumpen auf Darmprobleme hinweise und der Patient dringend seine Ernährung umstellen müsse. Auch Stoffwechselstörungen, Schleimbildung durch übermäßigen Konsum von Zucker oder Milchprodukten, Entzündungen und Allergieneigungen will das geschulte Auge alleine am Blut der Patienten ablesen.

Wir begeben uns wieder ins Besprechungszimmer, wo vor dem Aderlass für gewöhnlich eine ausführliche Anamnese des Patienten erfolgt. Die Ärztin weist mich darauf hin, in den nächsten Tagen meine Augen vor Sonnenlicht oder reflektierendem Schnee zu schützen, da sich die Gifte hinter den Augen gelöst hätten und jetzt besonders empfindlich seien. Außerdem habe ich für die nächsten drei Tage tierische Eiweiße und Rohkost zu meiden und viel Dinkel zu essen.

Im Zweifelsfall gilt das alte Sprichwort: Hilft’s nix, schodt’s nix.

Mein Resümee

Ich bedanke mich für die kompetente und behagliche Behandlung und verabschiede mich mit einem guten Eindruck. Aderlass hat nichts mit Mittelalter oder Hokus-Pokus zu tun und das eigene Blut fasziniert ungemein. Ob diese Form der Entgiftung etwas für einen ist, probiert man am besten selbst aus. Ich jedenfalls habe mich im Naturheilzentrum Salzburg gut aufgehoben und ausführlich informiert gefühlt. Im Zweifelsfall gilt das alte Sprichwort: Hilft’s nix, schodt’s nix.

Dr. Gottfried Hertzka (1913-1997) hat in den 1970ern die Schriften der Heiligen Hildegard von Bingen (1098-1179) studiert und herausgegeben. Der gebürtige Salzburger gilt damit als Begründer der – nicht unumstrittenen – Hildegard-Medizin, die seither einen Aufschwung erlebt. Die Kosten des vorsorglichen Aderlasses werden in der Regel nicht von der Krankenkasse übernommen. Mit 30,- Euro pro Behandlung inkl. Sichtbefund halten sie sich aber in Grenzen.


Unsere Redakteurin wurde behandelt von:
Dr. med. Margarita Kokoschinegg
Ärztin für Allgemeinmedizin
Aignerstraße 35 B
5020 Salzburg
www.naturheilzentrum-salzburg.at