Bis zum heutigen Tage war Bodybuilding für uns nicht mehr als ein Begriff mit viel Muskel- und wenig Hirnmasse. Deshalb sind wir in ein Hardcore-Fitnessstudio gefahren, um uns ein neues Bild zu machen. Und waren überrascht.

Eminem dröhnt aus den Boxen. Poster von Sylvester Stallone zieren die Wände, Proteinpulvergläser, irgendwo eine Schwarzenegger-Maske. Und natürlich unzählige Fitnessgeräte. Das Powerhaus in Hallwang ist der Ort, wo Andreas Ehrschwendtner gewöhnlich seine Samstagvormittage verbringt. Und eigentlich fünf weitere Einheiten wöchentlich. Während sich manche noch katergeplagt im Bett wälzen, steht der österreichische Meister im Bodybuilding auf dem Crosstrainer und wärmt sich zusammen mit Ben Nolte für die heutige Einheit auf. In seinem Leben, sagt er, habe er bisher nur zwei Bier getrunken. Er ist 45 Jahre alt. Ben Nolte etwas jünger. Er ist der Besitzer des Powerhauses, das er selbst als Hardcore-Fitnessstudio bezeichnet. Hier geht es nicht ums Sehen und Gesehenwerden, sondern um hartes Training.

Es ist extrem, das Training, sein Leben. Als würde man sich mit dem Messer ins Fleisch schneiden.

Andreas sieht sich als Grenzgänger, schon sein Leben lang. Es ist extrem, das Training, sein Leben. Als würde man sich mit dem Messer ins Fleisch schneiden. Aber er braucht das. Jeder Tag folgt einem strengen Ablauf. Das hat dazu geführt, dass sein Körper heute funktioniert wie ein Uhrwerk. Seine Ernährung ist so genau ausgerechnet, dass schon ein einziger Tag an Inkonsequenz ausreicht, um den Körper aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Andreas befolgt seit 25 Wochen eine strenge Diät, die Kohlenhydratzufuhr hat er auf 1 % minimiert. Was Andreas täglich so isst: ein Kilogramm Huhn, 40 Eiklar, dazu drei Dotter, 500 Gramm Rind, 200 Gramm Hirsebrei. Da kann es schon vorkommen, dass sein Trainingspartner Ben im Training angeschnauzt wird, wenn die Nerven blank liegen. Wenn die Kohlenhydrate fehlen, sagt er, verträgt er gar nichts mehr: keine Musik, keine Menschen, keine Nähe. Dann ist er sofort auf Hundertachtzig und Rosamunde Pilcher kann ihn zu Tränen rühren. Viele Frauen verstehen das nicht, dass sein Sport für ihn erstrangig ist. Nicht ohne Grund ist seine Freundin deshalb auch Bodybuilderin. Das ist zwar klischeehaft, aber sie versteht ihn: Das Körpergefühl, die Lebenseinstellung, den starren Tagesablauf.

Deshalb bleibt er in dieser Szene. Wellness-Fitnessstudios, sagt er, wollen Menschen wie ihn sowieso nicht. Dass jemand beim Gewichtestemmen laut aufstöhnt und schreit. Und hier wird geschrien. Abwechselnd machen sich Ben und Andreas an die Geräte, heute sind Schulter und Bizeps dran. Andreas setzt sich auf die Bank der Schulterpresse, fixiert einen Punkt in der Ferne, atmet tief ein. „Come on“, flüstert er, und hievt die Kilos in die Höhe. Ben steht über ihm, pusht ihn, zählt laut mit. Normalerweise, sagt er, würden hier die Töne schärfer fallen. Aber heute, in unserem Beisein, seien sie gemäßigt.

Von Kokain, Marihuana und Hormonen

Darum geht es hier: Um den Verzicht, dieses Sich-Durchbeißen und Kontrolle. Viele Bodybuilder nehmen deshalb Kokain zu sich, sagt er. Marihuana, um für die Spannung, für das Schwächegefühl, für den Hunger ein Ventil zu finden. Wachstumshormone sprengen jeden Leistungssport, er weiß das. Deshalb erntet er oft missbilligende Blicke, wenn er im Schwimmbad ist. Da sind Leute, die ihn anstarren, als hätte er Hormone gespritzt. Es gibt aber auch andere Reaktionen. Neidische Männerblicke, bewundernde Frauenaugen, die ihn verfolgen.

Alles muss perfekt sein, wenn man vor dreitausend Leuten steht, im hellen Scheinwerferlicht.

Natürlich geht es im Bodybuilding um Schönheit. Andreas schaut sich zufrieden im Spiegel an, spannt die Muskeln an, den Blick starr und ernst. Das Posen lernt man, wenn man auf Wettbewerbe fährt. Jeder Bodybuilder bereitet eine einminütige Show vor, sprüht sich mit Bräunungsspray ein, von Kopf bis Fuß, trocknet den Körper mit Salz und Wasser aus. So sind die Muskeln schön scharf und definiert. Alles muss perfekt sein, wenn man vor dreitausend Leuten steht, im hellen Scheinwerferlicht.

Es gibt Menschen, die 15 Jahre trainieren für diese Augenblicke. Bei Andreas sind es inzwischen 30. Deshalb muss man einen eisernen Willen haben. Und man muss den Willen haben, diese eine Wiederholung im Training mehr zu machen, an die Grenzen zu gehen. Ab und zu auch bis zum Erbrechen.

Für ihn ist das A und O des Sports der Kopf, die mentale Stärke. Und die Unterstützung, die er von seinem Umfeld, seiner Freundin, Familie und Arbeit bekommt. Und von Ben, der ihn anspornt, wenn ein schlechter Tag ist. Oder wenn vor der letzten Wiederholung bei der Schulterpresse die Arme schon zittern. Aber am Ende des Trainings fühlt er sich gut, erschöpft, aber gut. Es ist inzwischen zwölf Uhr. Den restlichen Tag wird er zuhause verbringen. Für anderes hat er heute eh keine Kraft mehr.