In Salzburg gibt es viele Orte, die einigen von uns rein aus Interessensgründen verborgen bleiben. Der Salzburger SpielRaum ist einer davon. Im lokalen Zentrum für Trading Cards Games gibt es aber nicht nur extrem nette Menschen, sondern auch einiges über das Phänomen Magic The Gathering und Yu-Gi-Oh! zu lernen. Durchs Programm führt Mitarbeiter Dalibor. 

Es ist früher Abend, als wir das kleine Geschäft beim Salzburger Klausentor betreten. Obwohl es ein Wochentag ist, befinden sich mehrere Jugendliche in dem engen Raum. Sie sitzen paarweise auf Bierbänken und sind ganz auf ihre Karten konzentriert. Immer wieder glauben wir Worte wie „ich beschwöre“, „ ich aktiviere“ oder „ich greife verdeckt an“ zu verstehen. Lateinische Zaubersprüche könnten uns nicht mehr verwirren.

Das „Urgestein“ des SpielRaumes
Als wir versuchen, das Gehörte zu entziffern, begrüßt uns unser Gesprächspartner für den Abend. Dalibor ist Angestellter im SpielRaum und mit 26 Jahren ein echtes Urgestein. Seit knapp 15 Jahren verbringt er einen Großteil seiner Zeit hier. Zu Beginn hat es ihn mit seinen Klassenkollegen hierher gezogen. Da hatte der SpielRaum gerade neu eröffnet. Aus dem Hobby wurde dann eine Anstellung.  Und jetzt ist er die gute Seele, versorgt die SpielerInnen mit Karten und koordiniert die Turniere vor Ort.

Trading Card Games: Yu-Gi-Oh und Magic The Gathering
Wer in den SpielRaum kommt, will meist entweder Yu-Gi-Oh oder Magic The Gathering spielen. Für Einsteiger sieht der Werdegang bei diesen Trading Card Games ähnlich aus: Man kauft sich ein Starter-Set, fettet  es durch sogenannte Booster-Packs auf und erstellt daraus nach und nach sein Deck.

Wie bei den großen Sportarten Fußball & Co. sind die Protagonisten nicht unverkäuflich. Nur wer geschickt kauft und tauscht, kann sein Deck in eine mächtige Waffe verwandeln. Kein Wunder, dass sich ein lukratives Geschäft mit den Karten entwickelt hat. Vor allem Sammler sind bereit, eine Menge Geld für rare Stücke hinzublättern. Die Marke liegt hier weit jenseits der 10.000 Euro-Grenze pro Karte.

Spieleraum SalzburgTrotzdem gewinnt bei Trading Card Games nicht automatisch der Spieler mit der größten Brieftasche, erklärt uns Dalibor. Bei den Games handelt es sich um Strategiespiele, die viel Training erfordern. Geübt wird oft viele Stunden pro Woche. Als Dalibor noch reiselustiger war, ist er oft nach Deutschland, Belgien oder in die Niederlande gefahren, wie es eben die finanziellen Mittel eines Schülers zuließen. Sein Budget hat er sich, wie viele andere, mit dem Handel von Karten aufpoliert.

Dabei sein ist (nicht) alles
Bei Magic the Gathering wird seit 1994 sogar jedes Jahr eine Weltmeisterschaft gespielt. Amtierender Champion ist der Israeli Shahar Shenhar. Mit seinen 21 Jahren hat er den begehrten Titel bereits zwei Mal gewonnen und dabei über 100.000 Dollar eingeheimst.

Von diesen  Summen können die im SpielRaum anwesenden Jugendlichen bis jetzt nur träumen. Trotzdem stehen sie den Großen in Engagement um nichts nach. Mindestens drei Tourniere finden hier jede Woche statt – oft sind es mehr. Während wir uns unterhalten, erzählt ein Jugendlicher neben uns besorgt, dass er gerade einen Termin versäumt, weil er sich nicht losreisen kann. Dabei sei er extra nach Salzburg gekommen. Macht ja nichts … der Termin kann warten! Kein Wunder, dass in Deutschland vor einiger Zeit an manchen Schulen das Spielen von Magic the Gathering kurzzeitig verboten wurde. Die SchülerInnen seien zu sehr abgelenkt worden, hieß es da. Heute ist die Ablenkung aber wieder erlaubt.

All dieser Leidenschaft zum Trotz ist die Stimmung im SpielRaum kollegial und freundlich. Von gehässiger Rivalität ist hier nichts zu sehen. Auf einem Tisch neben uns zeigt ein routinierter Spieler gerade einem Anfänger, wie die Regeln funktionieren. Ein Dritter sieht zu. An einem anderen Tisch schließen gerade zwei Burschen Freundschaft, die sich vorhin zum ersten Mal begegnet sind.

Lukrative Tauschgeschäfte
Wir werden erneut unterbrochen. Ein Kunde ist gerade mit einigen Kartenanfragen hereingekommen. Dalibor tippt die Titel der gewünschten Karten in ein Logistik-System am Computer. Kurz danach schnappt er sich einen schwarzen Ordner und zieht die gewünschte Karte heraus. Wie viele Karten weltweit bereits verkauft wurden, ist schwer zu sagen. Wir finden im Internet Hinweise, dass es 2011 bereits geschätzte 25 Milliarden waren. An all dem verdienen sich natürlich vor allem die Hersteller der Spiele eine goldene Nase. Den Rest des Kuchens heimsen jene ein, die clever kaufen und verkaufen.

Auch in der Vermarktung bilden die Card Games also keine Ausnahme zu anderen Trendsportarten, bei denen die Vermarkter gutes Geld mit der Leidenschaft der Kunden verdienen. Und dennoch bleibt nach unserem Termin im Spieleraum bei uns kein bitterer Nachgeschmack zurück. Zu herzlich und liebenswert ist die Stimmung in der kleinen Höhle beim Klausentor. Zu freundlich haben uns die Jugendlichen mit ihren Karton-gewordenen Träumen empfangen. Und so verabschieden wir uns mit einem positiven Eindruck aus dem SpielRaum und überlegen für einen Moment ganz ehrlich, ob wir nicht auch 15 Euro für ein Einsteiger-Set ausgeben wollen. Wir haben unser Geld an so manchem Abend am Rudolfskai schon sinnloser verpulvert!

Dieser Artikel ist auch in der uni:press erschienen.