Sarah Untner vom Verein Stadtwerk kennt Lehen wie ihre Westentasche. Bei einem Spaziergang haben wir mit ihr über die Geschichte und Zukunft des Stadtteils geredet und jede Menge Geheimtipps abgestaubt: Zum Beispiel wo es das beste Kebap der Stadt gibt und in welchem Park man sich erfolgreich seinen Liebeskummer wegheulen kann.

Wir treffen Sarah Untner vor dem Stadtwerk-Hochhaus – mitten im Herzen des Areals, das 2011 am Gelände des ehemaligen Gaswerks eröffnet wurde. Seitdem hat sich viel getan: Rund 1.000 Menschen leben im Stadtwerk, dazu haben sich zahlreiche Salzburger Betriebe und Institutionen angesiedelt: etwa die Volkshochschule, die Privatmedizinische Universität, der Fotohof, die Trumerei oder das ultra-moderne Blutlabor Richter.

Stadtentwicklung als Herzensangelegenheit

„Ich habe einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Keiner sollte schlechter Leben müssen als andere.“

„Die Verbindung von Wohnen und Arbeiten macht für mich den besonderen Reiz des Areals aus“, betont Sarah, die seit 2009 für das Quartiersmanagement im Stadtwerk zuständig ist. Seit 2014 ist sie Geschäftsführerin des Vereins Stadtwerk. Dieser sorgt dafür, dass das Stadtwerk für Bewohner und Betriebe attraktiv wird und bleibt. Die Soziologin bringt jede Menge Erfahrung mit und ist nebenbei auch mit ihrer eigenen Firma Raumsinn in diesem Bereich tätig.

Lehen: Ein Stadtteil mit Vergangenheit und Zukunft

Während wir Richtung Gaswerkgasse spazieren, deutet Sarah auf ein Haus, das aus dem Gefüge moderner Architektur heraus sticht. Es ist die Frey-Villa, eines das ältesten noch existierenden Gebäude Lehens. Hier hat schon der junge Mozart mit seiner Familie musiziert. Heute ist dort die Robert-Jungk-Bibiliothek für Zukunftsfragen untergebracht. Bei der Gelegenheit fragen wir nach, wie die Zukunft Lehens aussehen wird.

„Lehen hat bei vielen noch immer ein schlechtes Image“, erzählt Sarah. Das hat auch historische Wurzeln: In den Jahren von 1924 bis 1930 setzte im bevölkerungsreicher werdenden Lehen der soziale Wohnbau ein und prägte maßgeblich das Bild dieses Stadtteils. In den 50er Jahren entstanden hier Wohnblocks mit kinderreichen Familien. Bis heute leben in Lehen auf 2% der Stadtfläche 10% der Salzburger Bevölkerung. 15.000 sind es in absoluten Zahlen – fast so viele wie in ganz Hallein.

„Ich mag Veränderung. Vielleicht bin ich deshalb gerne auf Baustellen.“

Im Gegensatz zum verbreiteten Image seien die meisten Lehener mit ihrem Stadtteil ungewöhnlich stark verbunden. „Ich kenne kein anderes Viertel, in dem die Identifikation der Bewohner so groß ist wie hier“, sagt Sarah. Mit Projekten wie der Neuen Mitte Lehen und dem Stadtwerk habe die Stadt viel getan, um Lehen lebenswerter zu machen. „Es wird dauern, bis diese neuen Institutionen hier Wurzeln schlagen, aber ich bin optimistisch“.

Wir verlassen das Stadtwerke-Areal und gehen ein paar hundert Meter an der Ignaz-Harrer-Straße spazieren. „Eine meiner Lieblingsstraßen in Salzburg – nur der Verkehr nervt“, sagt Sarah und gibt uns gleich ein paar Tipps für unseren nächsten Lehen-Besuch: „Bei Aganigi Naganigi gibt’s das beste Kebap der Stadt – das sagt zumindest mein Kollege. Ein paar Meter weiter gibt es mit der Schuhklinik noch einen richtigen Schuster. Und dann natürlich das Music Café Oldtimer – dort bin ich schon einmal böse abgestürzt.“

Sarah Untners Lehen-Tipps

Essen und Trinken
Auf jeden Fall in die Trumerei gehen und sich dort durch die Bierkarte kosten. Im Aganigi Naganigi gibt es das beste Kebap der Stadt – behauptet zumindest mein Kollege. Wunderbares Sushi bekommt man im TOKYO BAY.

Sporteln
In der Volkshochschule gibt es die BoulderTown, eine moderne Boulderhalle, in der man wunderbar die Klettertechnik trainieren kann. Die Volkshochschule bietet sowieso ein breites Sportangebot: von Yoga bis Zumba.

Rausgehen
Mein Lieblingspark  ist der Alois-Stockinger-Park, gleich neben der Ignaz-Harrer-Straße. Wenn ich Liebeskummer habe, dann gehe ich ins Naherholungsgebiet am Glanspitz … kommt aber nicht so oft vor.

Kultur
Lehen ist das absolute Kultur-Viertel: Die Robert-Jungk-Bibliothek, das Literaturhaus, der Fotohof, die Stadtgalerie, die Neue Mitte Lehen und viele mehr haben sich hier angesiedelt.

Shoppen
Der carla-Lehen ist ein Second Hand Laden, in dem man echt coole Sachen findet. In der Kreativ-Konditorei Nagl gibt es alles, was man aus Teig herstellen kann. In der Bäckerei Essl gibt es die besten Topfengolatschen der Stadt.

Auch gut zu wissen:
Im Stadtwerk gibt es ein ultra-modernes Blutlabor … Science-Fiction in Real Life. Außerdem gibt’s eine Firma, in der Play-Station-Spiele getestet werden. Wer möchte dort nicht arbeiten?

Im „Schreckensviertel Lehen“

Wir biegen ab und steuern auf das Lehener Hochhaus zu. „Für viele  ist der Bau ein Schandfleck, für mich ist es eines der spannendsten Gebäude Salzburgs“, sagt Sarah. Ein paar hundert Meter weiter deutet sie auf einen unschbeinbaren Kellerabgang. „Hier hat der junge Thomas Bernhard seine Lehrzeit verbracht. Später hat er die Gegend in seinem Buch Der Keller als „Schreckensviertel Lehen“ beschrieben. Im internationalen Vergleich schneidet Lehen aber gut ab: Vor allem internationale Architekten und Stadtplaner kommen immer wieder her und lassen sich das Stadtwerk zeigen. Denn das moderne Konzept wird seit seinem Bestehen immer wieder mit Preisen überhäuft, zum Beispiel mit dem Otto Wagner Städtebaupreis 2007.

Auf unserem Weg zurück ins Stadtwerk machen wir noch einen Abstecher zum Fotohof. „In dieser Salzburger Institution hat meine Mutter gearbeitet, als ich noch ein Kind war“, erzählt Sarah – da war er aber noch in der Linzergasse beheimatet. Heute laufen im Fotohof die spielenden Kinder der Siedlung ein uns aus und bekommen etwas zu trinken, wenn sie durstig sind. „Diese Form von Offenheit und Austausch von Kultur und Leben – das ist für mich ein Beispiel, wie es sein sollte“, sagt Sarah und wir geben ihr Recht!